Bekenntnisse deutscher Normalos von 1934 jetzt online: „Warum ich Nazi wurde“

Vor 90 Jahren gesammelt, von der Stanford University digitalisiert: Hunderte individuelle Texte, die offenbaren, was normale Leute an Hitlers Ideen faszinierte.

So viele begeisterte Nazis: Wenige Wochen nach der „Machtergreifung“ fand am 5. Mai 1933 im Berliner Lustgarten eine Großkundgebung der Nationalsozialisten statt. 200.000 Menschen feierten die Gleichschaltung der Gewerkschaften. Im Hintergrund der Dom.
So viele begeisterte Nazis: Wenige Wochen nach der „Machtergreifung“ fand am 5. Mai 1933 im Berliner Lustgarten eine Großkundgebung der Nationalsozialisten statt. 200.000 Menschen feierten die Gleichschaltung der Gewerkschaften. Im Hintergrund der Dom.picture alliance / ZB

Hunderte kleiner Nazis schrieben 1934 auf, warum sie für den Nationalsozialismus brannten. Noch wussten sie nichts von Krieg und Holocaust. Diese Texte lagen jahrzehntelang verstreut in amerikanischen Archiven; 2018 gab Wieland Giebel als Erster einen Großteil der Texte heraus. Die Sammlung wird inzwischen als wertvollste Primärquelle zur Frage betrachtet, warum Menschen zu Nazis wurden und was zu ihrer Radikalisierung beitrug.

Mittlerweile hat die Stanford University in Kalifornien sämtliche 581 erhaltenen (von ursprünglich 683) Niederschriften digitalisiert und im Internet frei zugänglich gemacht – 3700 Seiten von normalen Leuten, Männern, Frauen, Arbeitern, Akademikern, ein deutscher Querschnitt. 2018 stellte die Berliner Zeitung das Konvolut vor und veröffentlichte einige Beispieltexte. Eine Wiederaufnahme aus gegebenem Anlass.

Sie wussten noch nichts vom Holocaust

Machtergreifung, Wendepunkt: Am 30. Januar 1933 kam, was die frühen Anhänger des Nationalsozialismus herbeigesehnt und auch herbeigekämpft hatten. Adolf Hitler musste die Macht dann gar nicht mehr ergreifen, er bekam sie ausgehändigt. Reichspräsident Paul von Hindenburg ernannte ihn zum Reichskanzler. Es begann eine Phase der aktiven Machtkonsolidierung, die massiv Schwung bekam, als die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 mit klarem Abstand stärkste Partei wurde.

Wir Heutigen wissen, was folgte: ein diktatorischer und doch über lange Zeit vom Volk getragener Führerstaat, konsequente Politik zugunsten der „arischen“ Volksgenossinnen und Volksgenossen, ein Raub- und Rassenkrieg gegen die halbe Welt und schließlich der Holocaust. Davon wussten die Menschen in den Jahren 1933/34 nichts.

Ein neugieriger Professor aus Amerika

In jenen Jahren fragte sich der Soziologe Theodore Abel (1896–1988) von der Columbia University in New York, wie es zum nationalsozialistischen Umbruch, zum Durchmarsch Hitlers hatte kommen können. Warum wurden so viele Deutsche Nazis? Waren sie verblendet, verführt? Um der Wahrheit nahezukommen, ersann er ein Preisausschreiben zum Thema „Warum ich Nazi wurde“. „Preise im Wert von 400 Mark für die beste persönliche Lebensgeschichte eines Anhängers der Hitler-Bewegung“, so lockte er in seinem Aufruf, den er im Juni 1934 mithilfe des Propagandaministeriums in Nazipublikationen platzierte.

Wichtigstes Kriterium: Die Teilnehmer sollten vor dem 1. Januar 1933 der NSDAP beigetreten sein oder mit der Bewegung sympathisiert haben. Familienleben, wirtschaftliche Bedingungen, Erfahrungen, Gedanken, Gefühle – das sollte aufgeschrieben werden und zwar in aller Offenheit. Formalia spielten keine Rolle.

Und die Alten Kämpfer, die meist recht jung waren, schrieben. 683 Texte gingen ein, 581 sind erhalten, darunter 36 von Frauen. Ein dokumentarischer Schatz, der bis heute ungehoben blieb. Professor Abel selber scheiterte an der Komplexität des Materials. Ähnlich ging es dem deutsch-amerikanischen Politologen Peter H. Merkl, der sich in den 1960ern fünf Jahre lang mühte, bis das Geld versiegte.

Deutsche historische Einrichtungen wie das Institut für Zeitgeschichte in München, die das Potenzial gehabt hätten, sich mit dieser einzigartigen Quelle zu befassen, und wussten, dass das Material in amerikanischen Archiven lag, blieben uninteressiert. Schon die erste Lektüre macht dessen Brisanz klar: Da schreiben lauter normale Leute, keine Außerirdischen, und sie äußern Vorstellungen, die auch heute politisch vertreten werden – vor allem, wenn es um das Soziale geht.

Wie so oft in der deutschen Geschichtsschreibung zu den Themen Nationalsozialismus und Holocaust hat es nun ein Randständiger unternommen, Wichtiges, hier die Abel-Sammlung, der Öffentlichkeit vorzulegen und Lesehilfen zu geben. Wieland Giebel, Autor und Verleger, Gründer des Vereins Historiale, der im Berlin Story Bunker die Dokumentation „Hitler – wie konnte es geschehen“ mit betreibt, hat – mithilfe amerikanischer Praktikanten und privat finanziert – die Dokumente in den Archiven zusammengesucht. Sein Buch enthält 85 Biogramme als Faksimile, also knapp 15 Prozent der erhaltenen. 180 Texte lieferten Berlinerinnen und Berliner insgesamt ab; sechs werden hier vorgestellt.

Wir hätten den Krieg niemals verloren, wenn der Dolchstoß durch Judentum, Marxisten und Logen nicht gekommen wäre

Ferdinand Adler, Charlottenburg, Fleischer und Kaufmann

Die Authentizität der Botschaften macht durchaus Eindruck: individuell, fast völlig frei von Floskeln. Sie eröffnen Blicke auf die Verfasser und lassen sichtbar werden, wie und aus welchen Motiven diese – freiwillig, oft nach langer Suche und weil sie es wollten – zu den Nazi-Ideen fanden.

Gustav Heinsch, Arbeiter aus Berlin-Westend, schrieb: „Wer sich in der Kampfzeit zum Nationalsozialismus bekannte, hatte damals allein schon eine große Tat vollbracht. Fast alle waren wir ja damals verfemt, selbst in der eigenen Familie prallten die Gegensätze aufeinander.“ Was hatte die Schreiber in diesen Kampf getrieben?

Fritz Junghanss aus Charlottenburg war der heißen Mischung von Nationalismus und Sozialismus verfallen, die (bis heute) große Anziehungskraft entfaltet und in den Texten auf vielfache Weise variiert wird: „Gerechtigkeit in den sozialistischen Forderungen des Programms, Gerechtigkeit dem Arbeiter gegenüber, dessen Verbitterung ich verstand. Fortentwicklung in der Erweckung der natürlichen Kräfte, in der Forderung des Persönlichkeitsprinzips.“ Dazu die „höhere Rasse“. Diese Idee werde „unser ganzes Volk einen“, so Junghanss’ Hoffnung. Darum: „Nach den Sternen greifen und nicht den Boden unter den Füßen verlieren.“

Klassen- und Standesdünkel überwinden

Gustav Heinsch begeisterte die Idee, Klassen- und Standesdünkel mithilfe des Nationalsozialismus zu überwinden. Der fünfte Sohn eines Gutsgärtners wuchs in extremer Armut auf, obwohl Vater wie Mutter schwer arbeiteten. Alle jüngeren Geschwister starben. Bald fragte er sich: „Warum gab es für die höhere Gesellschaftsschicht so viele Vorrechte? Warum behandelte man den Arbeiter oder Untergebenen so von oben herab?“ Wo doch Rittmeister und Knecht „blutsmäßig zusammengehören“.

Erst arbeitete er in einem Papierwerk, mit 17 wurde er Diener, später Akkordarbeiter in einer Fabrik. Er litt, wenn ihn jemand Standesunterschiede krass spüren ließ, und wurde so zum „Feind der höheren Gesellschaftsschicht“. Im Schützengraben, so seine Erfahrung als Soldat, „gab es keine Unterschiede“, nur herrliche Kameradschaft. Die Heimkehr aus dem Krieg empfand er als Desaster: Man hätte doch siegen können, aber in der Heimat waren überall Verräter.

Das Revolutionschaos erschütterte ihn. Er suchte nach einem Platz in der Gesellschaft, ging in politische Versammlungen, hörte Juden „frech von Hindenburg und Ludendorf und den zwei Millionen Toten reden“ und entdeckte eine „Gefährlichkeit der jüdischen Intelligenz“. Weil diese die Presse beherrsche, sei der „ehrliche deutsche Handarbeiter“ deren üblem Einfluss auf die öffentliche Meinung unterworfen. So wurde Heinsch „zum größten Judengegner“.

Die „wahre Volksgemeinschaft“

Auf der Suche nach einer Partei, die das Sozialistische und das Rassische zusammenführte, stieß der kleine Mann schließlich auf Hitler, der in München eine Bewegung führte, „die hauptsächlich sozialistisch sein sollte“. Im Januar 1926 machte er die erste Bekanntschaft mit Nazis: „So hatte ich mir die wahre Volksgemeinschaft immer vorgestellt“, schrieb er begeistert. Er fand „Disziplin, offene und freie Gesichter, einen Hauswart (!!!) als Ortsgruppenleiter, weder Neid noch Missgunst“; er gewann einen Akademiker als „wirklichen Freund und Kameraden“. Während „im Volk, außerhalb unserer Reihen Standesdünkel und Klassenhass größer wurden“, war „der Standesdünkel bei uns in der Partei restlos ausgemerzt“. 1934 sah er den „Staat der Ordnung, Sicherheit und Gerechtigkeit“ kommen: Hitlers Volksstaat.

Hedwig Eggert steht exemplarisch für die Hitler-Unterstützerinnen: eine selbstbewusste, intelligente, selbstbestimmt lebende Frau, die ihren Lebensunterhalt – zumal als alleinerziehende Mutter – selbst verdiente und zu eigenen Ansichten durch aktive Suche fand. Als achtes von elf Kindern eines Webers und einer Fabrikarbeiterin hungerte sie sich durch die Kindheit. „Wohlfahrtsamt oder Jugendamt, was heute bei kinderreichen Familien segnend eingreift, kannte man damals noch nicht“, war ihr wichtig zu erwähnen. In der Volksschule lobte man sie als gute Schülerin. Am ersten Tag nach Schulabschluss ging es in die Fabrik, so konnte sie „der Mutter etwas Kostgeld bringen“.

Das Vaterland am Abgrund

Es ging von einer Fabrik zu nächsten, Tagschicht 6 Uhr früh bis 6 Uhr abends, Nachtschicht 6 Uhr abends bis 6 Uhr früh. Keine Pause, Brot essen nebenbei. Mit 18 wurde sie Plätterin, im Juni 1916 Hausmädchen in Charlottenburg, dann baute sie bei AEG in der Ackerstraße Sprengkoffer für den Krieg. 1918 erlangte sie einen Bürojob. Dann kam der November-Schock: Am Potsdamer Platz tobte „Hoch- und Niedergebrüll“, sie beschrieb Erschaudern, weil ein Jude von einem Lastwagen schrie, der Kaiser habe abgedankt und Fritz Ebert die Führung des Reiches übernommen: „Es war gewiss der gesunde Instinkt einer deutschen Seele“, meinte Hedwig Eggert 1934 rückblickend, „welche aus all diesen Wirrnissen nichts Gutes ahnte.“

Die verstörte junge Frau klagte: „Ein Drunter und Drüber und keiner wusste, wo er hingehörte. Täglich entstanden neue Parteien. Jeder war des anderen Feind geworden, und alle vergaßen darüber, dass sie eigentlich Deutsche waren und sich hätten einig sein müssen. Keiner war da, der das Volk zur Besinnung brachte und einte. Eine Partei machte die andere schlecht. Ein Mensch, der nun zwischen all den Parteien stand, war unglücklich und glaubte, zerquetscht zu werden.“

Ihr Verdacht: „Da steckt jemand dahinter, der unser Vaterland in den Abgrund ziehen will.“ Sie besuchte Versammlungen: Sozialdemokraten (öde und langweilig); Kommunisten, wo noch Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg sprachen (erzeugten in ihr eine antisemitische Einstellung).

Hitler – ein „mustergültiger Mann“

Inzwischen Näherin in einem Modesalon, heiratete sie einen unpolitischen Luftikus, ging zur Deutsch-Nationalen Partei von Knüppel-Kunze (Richard Kunze, völkisch-nationalistischer Lehrer in Schöneberg, bald Politprofi und Verbreiter der Legende von der jüdischen Weltverschwörung.) Der bot fast, was sie suchte, aber nicht ganz.

1923 hörte sie von Hitler, „diesem mustergültigen Mann“. Kurz darauf kam ihre Tochter zur Welt; sie trennte sich von ihrem Mann, dem „leichtsinnigen Menschen“, machte sich mit einer Nähstube selbstständig. Abends las ihr Schwager aus „Mein Kampf“ vor: „Das gefiel uns.“

Als Hitlers Kampfschrift als Volksausgabe für sieben Mark erschien, kaufte sie das Buch, um es an andere „Volksgenossinnen“ zu verleihen. Sie berichtete für das Preisausschreiben von „herzerfreuenden Versammlungen mit unserem lieben Dr. Goebbels“ und von ihrem ersten Mal mit dem Führer – im Saalbau Friedrichshain. 1928 wurde sie Parteigenossin und erlebte nun die „schlimme Verbotszeit“. Kommunisten zerschlugen ihren Zeitungskarren, den sie inzwischen betrieb. Trotzdem spendete sie für die Partei und Goebbels, der gerade „sehr schwach bei Kasse“ war. Hedwig Eggert bekannte: „Ich hätte mich für die nationalsozialistische Idee in Stücke reißen lassen.“

Der Führer erwiderte die starke Zuwendung der Frauen unter anderem, indem er zum ersten deutschen Gender-Politiker wurde: Kein Politiker vor ihm (und lange, lange nach ihm) begann seine Reden konsequent mit der Anrede „Volksgenossinnen und Volksgenossen“.

Inflation, Deflation, dauernde Auspressung der Gewerbetreibenden als Steuerzahler. Man nahm mir die letzte Substanz.

Herrmann Müller, Spandau, Klempner, Handwerker, arbeitslos

Aus dem vielfältigen Panoptikum deutschen Lebens destilliert Wieland Giebel, der Herausgeber des Bandes, einige zentrale Motive heraus, die in den autobiografischen Einsendungen in der einen oder anderen Form immer wieder auftauchen. An erster Stelle die zündende Idee der harmonischen Volksgemeinschaft. Hitler habe, das sieht Giebel auch von diesen Selbstzeugnissen bestätigt, nicht nur die erste Volkspartei gegründet, er habe sie erfunden: „Eine Partei, die nicht an katholisch oder evangelisch gekoppelt ist, die nicht regional auftritt, die nicht für eine bestimmte Klasse da ist wie die KPD für das Proletariat.“

Die Abel-Sammlung belegt, wie verhasst der als destruktiv empfundene Parteienstreit der Weimarer Republik war. Auffällig tritt die massenhafte Irritation angesichts des Revolutionschaos von 1918 bis 1923 hervor. Viele Einsender teilten diese als höchst negativ empfundene Erfahrung. Und kein starker Mann weit und breit, der ordnen und führen konnte – 15 Reichskanzler sah das Volk in der Weimarer Zeit kommen und gehen. Bis Hitler erschien und mit dem Versöhnung verheißenden Satz faszinierte: „Sie müssen sich einander wieder verstehen lernen, die Arbeiter der Stirn und der Faust. Keiner kann ohne den anderen bestehen.“

Zudem gefiel vielen das Angebot, sich als edlere Rasse zu fühlen, das Edle, Tiefe des Deutschen gegenüber dem Frechen, Lauten (Erfolgreichen, Jüdischen) wertzuschätzen. Dass die braune Bewegung frühe Stützung durch „das Kapital“ erhalten habe, wie in der DDR behauptet, verweisen die Berichte ins Märchenreich.

Die nunmehr der großen Öffentlichkeit zugängliche Sammlung birgt Teile der Antwort auf die Frage, wie die Deutschen zu einem Volk wurden, das Raub und Massenmord als begrüßenswerte Methoden staatlichen Handelns erachtete. Die meisten der Schreiber werden sich über die sozialpolitischen Großtaten der Naziregierung ebenso gefreut haben wie über das Verschwinden der Juden. An der Kleinteiligkeit der Biogramme mögen Wissenschaftler verzweifeln.

Aber wer heute wissen möchte, warum nationalistische Ideen wieder Massen ergreifen, wird in den politischen Lebensberichten deutscher Normalos von 1934 einige Antworten finden. Was nervt heute? Parteiengezänk, laute Minderheiten, unfähige Politiker. Wir sehen den Zorn der Abgehängten, den Neid der Zukurzgekommenen, die Furcht vor neuer Konkurrenz, Abstiegsängste. Und erkennen sie wieder. 

Fritz Junghanss, Charlottenburg, geb. 1900

Kaufmännische Lehre, Vertreter, NSDAP-Beitritt 1930: In zwar bürgerlichem, aber lieblosem Elternhaus aufgewachsen, sieht Fritz Junghanss sich früh veranlasst, sich „charakterlich selbst zu bilden“. Zunächst von einem kommunistischen Mentor angezogen und von „krassem Materialismus“ abgestoßen, überzeugt eine Massenveranstaltung mit Goebbels 1929 den Arbeitslosen vom Nationalsozialismus: „Ich fand, was ich so lange gesucht hatte! Gerechtigkeit und Fortentwicklung“ – sozialistische Forderungen für den Arbeiter und Aufartung der Rasse.

Begeistert meint er: „Diese Idee wird einmal die Weltanschauung auch der anderen reinrassigen Völker der Erde.“ Dann werde ein „aufrichtigerer Frieden sein in der Welt“. Die Rassen der Erde vergleicht er mit Blumen in einem Garten, jede in ihrer Art schön, und – soweit nicht giftig – zum Leben berechtigt. Wenn der Planet zu eng werde, werde sich die am besten befähigte Rasse durchsetzen.

Hedwig Eggert, Steglitz, geb. 1898

Arbeiterin, Kleinstselbstständige, NSDAP-Mitglied seit 1928: Aus ärmsten Verhältnissen stammend, arbeitet sie umgehend nach der Volksschule. Mit beeindruckender Zähigkeit arbeitet sie sich Stellung um Stellung bis zur Selbstständigkeit voran – obwohl „die Zeit der Inflation kam, es immer unruhiger wurde und immer mehr bergab ging“. Als Hitler 1924 nach seinem Putschversuch wegen Hochverrats in München vor Gericht stand, fing ihre „Verehrung für unseren geliebten Führer“ an, weil dieser „alle Verantwortung auf sich allein nahm“.

Mit Freude besuchte sie Massenversammlungen, auch wenn das manchmal gefährlich war, „denn die rote Meute der verhetzten Kommunisten lieferte uns immer eine Saalschlacht“. Die Gewalt zog sie an wie Boxkämpfe, und sie bewunderte „so manchen tapferen SA-Mann“, der verwundet wurde. Ihr Bekenntnis, eingereicht in sauberster Handschrift.

<strong>Gustav Heinsch, Westend, geb. 1890</strong>
Gustav Heinsch, Westend, geb. 1890

Arbeiter, Fronteinsatz, Diener, NSDAP-Beitritt 1931: Als Kind träumte er davon, sich „endlich Bücher kaufen zu können“, Geld dafür hatte er erst, als er nach der Schule in einer Papierfabrik arbeitete. Dort erkannte er: „Der Standesdünkel und der Klassenkampf ließ die in allen Lagern befindlichen Menschen, die guten Willens waren, nicht zusammenfinden.“ Ihn stieß ab, wie „die Jagd nach Besitz und sonstigen materiellen Dingen auch den letzten Menschen ergriff“.

Die Deutsch-Völkische Freiheitspartei gefiel ihm wegen des straffen Antisemitismus, sie schien Antwort auf seine Fragen zu bieten: „Ich hatte inzwischen erfasst, warum wir national sein mussten, wusste nicht recht, das mit meinem sozialistischen Empfinden in Einklang zu bringen.“ Dann las er von einer Bewegung in München, „die hauptsächlich sozialistisch sein sollte“. Bei Hitler fand er, was er suchte. 

Alfred Kotz, Neukölln, geb. 1886

Soldat, Beamter, NSDAP-Beitritt 1930: Das prägende Kindheitserlebnis des Maurersohnes: „Wir gingen barfuß zur Schule, die Bürgersöhne mit Kragen und Schuhen.“ Er fragte sich, wieso Herkunft ein Plus schaffte, „ohne dass dieses Mehr durch Leistung oder Fähigkeit gerechtfertigt wäre“. Der redlich schaffende Mensch werde von den Trägern des Kapitalismus ausgenutzt. Die Inflation nahm seiner Frau das Erbteil, auch sie wird Nationalsozialistin.

Feministisch gestimmt forderte Alfred Kotz „Brüderlichkeit und Freiheit der Frau gegenüber“. Die Sozialdemokraten hielt er für doppelzüngig: Zwischen Bebels Theorie und der Praxis klaffe ein Gegensatz. Klotz: „ Ich war Nationalsozialist, noch bevor es den Namen dafür gab.“ Er wollte Deutschland stark sehen. Als Revolutionär sei er „im Schlamme des Trichterfeldes“ an der Front erstanden: „Wir saßen in den Unterständen und hörten von der versauten Etappe und von der vermorschenden Heimat.“

Margarethe Schrimpff, Lichterfelde-Ost, geb. 1880

Kauffrau, NSDAP-Beitritt 1928: Als Tochter des Amtsvorstehers von Kloster Lehnin hatte sie Bildungschancen, erlernte einen kaufmännischen Beruf und hielt sich beste Zeugnisse zugute. Ihre Wortwahl war gleichwohl grob. Sie war sich sicher, dass Juden und Freimaurer den Weltkrieg angezettelt hätten. Die Revolution 1919 erlebte sie in Berlin: „In Steglitz zieht ein Lastwagen kreischender Weiber mit roten Kopftüchern vorüber, sie schleifen unsere schwarz-weiß-rote Fahne in den Schmutz. Ringsherum auf Rädern eine Horde Verbrechertypen, die dieses Treiben schützen.“

Sie sprach von Kommunisten. Kein Wunder, dass sich „Deutschland nach einem Manne sehnte, der diesen Augiasstall mit eisernem Besen ausfegte“. Politische Versammlungen wurden ihr „zur Würze des Lebens“. Sie betonte, über das Preisausschreiben wolle sie „Euch drüben in New-York und der ganzen Welt“ die Hitler-Botschaft senden.

Georg Köhrbrück, Steglitz, geb. 1891

Musiklehrer, Justizinspektor, NSDAP-Beitritt 1928: Er stellte sich als Sohn eines Kanzleirats und als Musikfreund vor (Klavier und Orgel) und betonte, seine „besondere Liebe zu Richard Wagners Werken“ habe in ihm früh den Boden bereitet „für die sich später mächtig entwickelnde völkische und nationalsozialistische Bewegung“. Seine Gesinnung bewies er dann mit der Gründung der Tarnorganisation Deutsche Staatsbürger christlichen Glaubens und arischer Herkunft.

Er gehörte den Deutschen Christen an, einer antisemitischen und am Führerprinzip orientierten starken Strömung im deutschen Protestantismus. Nach der Revolution von 1918 misstraute er der neuen Staatsform Republik, hielt ein Funktionieren aber für möglich , falls „die richtigen Männer und ein starker Wille zum Aufbau an die Spitze des Reiches treten würden“. Stattdessen sah er den „Beginn der Judenherrschaft“. Rettung erhoffte er von Hitler.

Infobox image
Berlin Story
Im Buch und online
Wieland Giebel (Hrsg.): Warum ich Nazi wurde.
Biogramme früher Nationalsozialisten.
Berlin Story, Berlin 2018,
930 S., 49,95 Euro

Im Netz: Faksimiles aller erhaltenen Texte online unter https://oac.cdlib.org/findaid/ark:/13030/tf3489n5vz/entire_text/

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