Es gab eine Zeit, da stiegen Kosten. Oder, wenn sie es eilig hatten, dann schnellten sie in die Höhe oder schossen auch schon mal in den Himmel. Seit 2012 reicht das nicht mehr: Kosten sind dazu übergegangen, einfach zu explodieren.
Womöglich hat das damit zu tun, dass sich Politiker zunehmend gerne in halsbrecherische Bau-Abenteuer stürzen, wobei sie dann unterwegs irgendwann einmal merken, dass sie das Ganze nicht überblicken. Auf Murks folgt dann der Sturz, siehe Kurt Beck.

Berlins Großflughafen: Der Alptraum des Berliner Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD): der Willy-Brandt-Airport. Wann er in Betrieb gehen könnte, steht noch immer in den Sternen. Berlin sei arm, aber sexy, warb Wowereit vor Jahren mit lockeren Sprüchen für die fast pleite Hauptstadt. Mittlerweile verkneift sich Wowereit flotte Reden, er ist bei den Berlinern unten durch. Im Frühjahr 2011 sollte der erste Flieger starten und landen, inzwischen wurde der Eröffnungstermin in den Oktober 2013 verlegt. Ob es dabei bleibt, ist ungewiss. Die Airport-Kosten machten, was Kosten im märkischen Sand gerne so tun, wo man schon einmal wider alle Physik und jeden Menschenverstand eine Zeppelinfertigungshalle baute, die heute als Spaßbad die dortige Landbevölkerung erfreut: Die Kosten explodierten, zuerst auf 2,8 Milliarden Euro, mittlerweile auf 4,3 Milliarden Euro. Das entspricht ungefähr 17 Erlebniswelten in der Eifel oder sieben Elbphilharmonien.

Beck muss in Nürburgring-Affäre aussagen

Nürburgring: Anfang des neuen Jahres und kurz vor Ende seiner Amtszeit muss der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Beck (SPD) vor dem Landgericht Koblenz ein paar Erklärungen abgeben. Es geht um die „Erlebniswelt“ Nürburgring, die aus der uralten Rennstrecke in der Eifel einen hippen Vergnügungspark ums Renngeschäft machen sollte. Los ging es vor fünf Jahren, einen Investor fand man nicht, also baute Rheinland-Pfalz mutig selbst. Im vergangenen Sommer ging die landeseigene Betreibergesellschaft pleite, über 250 Millionen Euro waren futsch. Das Land als Bauherr hatte sich dummerweise auch noch mit Hochstaplern eingelassen. Der frühere Finanzminister Ingolf Deubel steht seit Herbst 2012 wegen Veruntreuung vor Gericht. Das Ende eines typischen Politikergroßprojekts: Viel guter Wille, etwas weniger Ahnung, so gut wie keine Kontrolle. Kurt Beck hat sich schon entschuldigt und steigt aus der Politik aus.

Elbphilharmonie: Die Erlebniswelt Nürburgring ist ein Sparmodell, verglichen mit dem, was Europas Konzertsaal Nummer eins, die Hamburger Elbphilharmonie, einmal kosten wird. Aus 77 Millionen öffentlicher Zuschüsse sind mittlerweile 575 Millionen geworden. Nach einjährigem Stillstand und Dauerkrach zwischen Architekten und dem Baukonzern Hochtief, hat es Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) Mitte Dezember aber immerhin geschafft, dass sich die Verkrachten vertragen und das hanseatische Jahrhundertprojekt nun fertigbauen wollen.
Eigentlich sollten in dem schicken Turm bereits seit einem Jahr spektakuläre Konzerte gegeben werden und die sündhaft teuren Luxuswohnungen mit Blick über den Hafen verkauft sein. Aber über den Rohbau ist man noch nicht hinaus. Geplante Fertigstellung: Herbst 2016, erstes Konzert: Frühjahr 2017.

Stuttgarts unterirdischer Bahnhof

Stuttgart 21: Aber auch die Kosten für Hamburgs Konzertrohbau sind Peanuts, verglichen mit dem Loch, was sich in Stuttgart aufgetan hat. Stuttgart 21, der ehrgeizige Versuch, einen Bahnhof im Erdboden verschwinden zu lassen, hat der Bahn und dem Land Baden-Württemberg in der Vergangenheit nicht nur unendlichen Protest, den neuen Typus des Wutbürgers und eine grün-rote Landesregierung beschert. Nach neuen Berechnungen der Bahn wird der U-Bahnhof noch einmal um 1,1 Milliarden Euro teurer. Außerdem gebe es noch Risiken in Höhe von 1,2 Milliarden. Man wäre dann bei 6,8 Milliarden Euro angekommen, gut 2,3 Milliarden Euro über dem vereinbarten Maximum.

Ende der neunziger Jahre sprach die Bahn noch von 2,5 Milliarden Euro Baukosten, dann hieß es drei Milliarden, schließlich redeten alle von einem Deckel bei 4,5 Milliarden. Nun streitet man wieder: Baden-Württemberg, Stuttgart und der Bund wollen keinen Cent zuzahlen, die Bahn will allerdings auch nicht auf den Mehrkosten sitzen bleiben. Dort argumentiert man: Eine Beerdignung des Tiefbahnhofs käme noch teurer, nämlich auf gut zwei Milliarden Euro.

Ein Wort zu den Risiken: Wenn öffentliche Träger etwas bauen, dann vergeht eine Weile und plötzlich – als hätte es wie ein Handtaschendieb hinterm Baum gelauert –, schwupps, taucht so ein Risiko auf wie in Stuttgart: 1,2 Milliarden Euro. Und das Risiko ist dann natürlich sofort so groß, dass der Laie sich fragt: Wie konnte man das denn übersehen?
In Berlin-Brandenburg ist der Flughafen noch nicht fertig, aber angeblich schon jetzt deutlich zu klein geplant. „Die Frage einer Erweiterung werde sich bald stellen“, soll ein Verantwortlicher gesagt haben. Klingt fast wie ein explodierendes Risiko. Es geht also noch teuer weiter, wenn es endlich einmal ein bisschen vorangegangen ist.