Der Krieg um die autonome Region Berg-Karabach (Republik Arzach) im südlichen Kaukasus ist seit Dienstag vermutlich vorbei. Mit der Eroberung der strategisch wichtigsten Stadt Shushi haben die angreifenden aserbaidschanischen Truppen den Armeniern eine schwere Niederlage zugefügt. Der Ministerpräsident von Armenien, Nikol Paschinjan, sah sich deshalb in der Nacht auf Dienstag gezwungen, in eine De-facto-Kapitulation mit umfangreichen Gebietsverlusten einzuwilligen.

Wie es dazu kam

Mehr als sechs Wochen verteidigte Armenien sich gegen aserbaidschanische Truppen, die mit massiver türkischer Unterstützung und im Verbund mit Tausenden von der Türkei finanzierten islamistischen Söldnern aus Syrien kämpften.

Die Aserbaidschaner gingen dabei mit großer Brutalität vor: Sie sollen gezielt Städte und Ortschaften, Kindergärten, Krankenhäuser und uralte armenische Kirchen bombardiert haben. Sie sollen international verbotene Streu- und weiße Phosphorbomben gegen die Zivilbevölkerung Karabachs eingesetzt haben. Experten des Krisenreaktionsteams von Amnesty International haben die Streubomben als israelische Streumunition identifiziert.

Gefangen genommene armenische Soldaten sollen gefoltert, erniedrigt und während ihrer Qualen gefilmt worden sein. Filme von toten armenischen Soldaten, deren Hälse mit aserbaidschanischen Flaggen umschlungen waren, wurden in sozialen Netzwerken veröffentlicht, geteilt und gefeiert. 

Vorwurf der Brutalität

Aserbaidschan versuchte seine Aggression damit zu rechtfertigen, dass Karabach einst völkerrechtlich anerkannter Teil der aserbaidschanischen Sowjetrepublik gewesen sei und ein Anspruch noch heute bestehe. Doch Bakus rechtlicher Anspruch auf das traditionell mehrheitlich armenisch besiedelte Gebiet Berg-Karabach ist umstritten.

Glaubt man der aserbaidschanischen These, wäre das armenische Volk wahrscheinlich das einzige Volk, das als „Okkupanten“ eines 1921 willkürlich an Aserbaidschan geschenkten Gebiets bezeichnet wird, auf dem Klöster der armenischen „Okkupanten“ aus dem 4. Jahrhundert stehen.

Der richtige Zeitpunkt war entscheidend

Der Zeitpunkt für den aserbaidschanischen Angriff am 27. September war nicht willkürlich gewählt, sondern von langer Hand geplant. Dieser Herbst war ideal: Aserbaidschan hatte die Türkei als Unterstützung, die USA waren durch den Wahlkampf, Europa durch die Corona-Pandemie und Russland durch die Weißrussland-Krise sowie innere Unruhen mit sich selbst beschäftigt.

Um auf sich aufmerksam zu machen, hat die armenische Seite vielen internationalen Journalisten Zutritt gewährt und Interviews gegeben. Es gab Zugang in die umkämpften Städte wie Stepanakert. Aserbaidschan hingegen ließ nur ausgewählte Journalisten einreisen und hinderte sie oftmals daran, von der Front zu berichten. Dennoch blieb der Westen stumm, als das älteste christliche Land der Welt lautlos vor den Augen der Weltöffentlichkeit in die Knie gezwungen wurde. 

Drei gebrochene Waffenstillstände und etliche bestätigte Kriegsverbrechen später war der humanitäre Albtraum dann endlich vorüber. Russland schuf Fakten, ohne die EU und ohne die Nato, auch ohne die OSZE, die seit 1992 in dem Konflikt verhandelt.

Putin nutzte die zerbrechliche Lage in Karabach zu seinen Gunsten, zwang Armenien und Aserbaidschan, ein „Friedensabkommen“ zu unterzeichnen, von dem jeder profitierte, außer den Armeniern selbst. Für sie kommt die Friedenserklärung einer Katastrophe gleich. Während Baku, Ankara und Moskau feiern, überschlagen sich die Aufstände in Armenien.

Beschämende Gleichgültigkeit

Für Deutschland und die EU gestaltet sich Putins Feldzug überaus praktisch. Ein unangenehmes und beschämendes Problem wie der „Berg-Karabach-Konflikt“ hat sich für die westliche Welt in Luft aufgelöst. Mehr als ein paar wirkungslose Appelle hatten wir nicht übrig für ein Land, das nicht mehr als seine uralten Kulturgüter zu bieten hat.

Jetzt droht eine Katastrophe: Aserbaidschan dürfte mithilfe der Türkei Zehntausende Armenier in die Flucht treiben, Karabach dauerhaft „ethnisch säubern“ und jegliche Eigenständigkeit in dieser Kleinrepublik vernichten.

Armenien hatte keine Chance, den Völkermord von 1915 zu verarbeiten, und trotz deutscher Mitschuld sind wir auch heute nicht willens gewesen, ihnen zur Seite zu stehen. Deutschland und die EU sind mitverantwortlich für den Untergang zweier aufblühender Demokratien.