Bergrettung: Undatierte Aufnahme der Vereinigten Kletterabteilung.
Foto: Deutsche Fotothek

BerlinUnter dem Titel „Rote Bergsteiger“ lief im Jahre 1967 die erste DDR-Fernsehserie im – damals noch – Deutschen Fernsehfunk. Sie erzählte spannende Begebenheiten einer Gruppe sächsischer Bergsteiger, die im deutsch-tschechischen Grenzgebiet Widerstand gegen das NS-Regime leisteten. Die reale Vorlage der Fernsehserie bildete die kommunistische Widerstandsgruppe Vereinigte Kletterabteilung (VKA).

Die auch Rote Bergsteiger genannte Gruppe schmuggelte bis 1936 Flugschriften und geheime Nachrichten über die tschechische Grenze nach Deutschland und brachte deutsche Oppositionelle in die damals noch unbesetzte Tschechoslowakei in Sicherheit. In einem Felsversteck in der Sächsischen Schweiz sind – wie jetzt bekannt wurde – Unterlagen eines KPD-Verbandes aus jener Zeit gefunden worden, die auch mit Aktivitäten der Roten Bergsteiger in Verbindung stehen könnten.

Klettern und Kämpfen

Die Vereinigte Kletterabteilung (VKA) gründete sich als sächsischer Landesverband des Touristenvereins Naturfreunde. Die VKA war eine Widerstandsgruppe in Deutschland in der Zeit des Nationalsozialismus, die sich aus den Reihen der Arbeiterbewegung, der Naturfreunde zusammensetzte und besonders in der Sächsischen Schweiz und im Erzgebirge aktiv war.

Gegründet wurde die VKA bereits in den 1920er-Jahren als ein Bund linker Bergsteiger, denen die sportliche Meisterschaft des Bezwingens schwieriger Gipfel und die sprichwörtliche Bergkameradschaft genauso wichtig waren wie der politische Kampf gegen alles Reaktionäre und besonders gegen die heraufziehende Gefahr der faschistischen Diktatur.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten kamen den Sportlern ihre guten Geländekenntnisse in der illegalen Arbeit als Grenzgänger zugute. So kamen Flugschriften über die tschechische Grenze nach Deutschland oder Verfolgte wurden über die Grenze in Sicherheit gebracht. Mithilfe einer in der Höhle am Satanskopf versteckten Druckmaschine wurde dort eine illegale Zeitung hergestellt und verbreitet.

Ende April hatten zwei Dresdner Bergwanderer etwa fünf Kilometer nordöstlich von Bad Schandau auf einem abseitigen Wildschweinpfad ungewöhnliche Papierfetzen gefunden. „Die Aufschriften schienen darauf hinzudeuten, dass es sich um alte KPD-Unterlagen aus den 1930er-Jahren handeln könnte“, erzählt Wolf Meyer, der bei dem Fund dabei war. In der Umgebung des Pfades hätten demnach Schnipsel und zerrissene Seiten gelegen. „Auf den Papierfragmenten konnten wir unter anderem auch Anschriften der Roten Hilfe entziffern, einer zu NS-Zeiten aktiven Gefangenenhilfsorganisation.“

Fundort Wildschweinpfad: Aufmerksam wurden die Bergsteiger durch Papierfetzen, die im Wald verstreut lagen. 
Foto: BLZ/Wolf Meyer

Er und sein Begleiter hätten daraufhin die Gegend abgesucht und seien auch auf die umliegenden Felsen in den dortigen Ochelwänden geklettert. „Auf einem dieser Felsen stießen wir in sieben bis acht Meter Höhe auf eine kleine Boofe, das ist ein bauchiger, einige Meter tiefer Felsüberhang, in dem Bergsteiger Schutz finden können“, erklärt Meyer. „Darin lagen ganz hinten mehrere zusammengeschnürte Pakete, von denen eines vermutlich von einem Tier aufgerissen worden war, sodass der Wind den Inhalt über den angrenzenden Wald verteilt hatte.

Die beiden Kletterer nahmen zunächst einige der bereits erheblich verwitterten Papiere an sich. Am darauffolgenden Tag informierten sie das Landesamt für Archäologie in Dresden, das eine Woche später zwei Grabungstechniker schickte, die das restliche Material bargen. Insgesamt wurden aus der Boofe zwei größere Kisten mit teilweise noch recht gut erhaltenen Heftern und Büchern sowie weitere drei Kisten mit einzelnen Blättern und Papierfragmenten nach Dresden geschafft.

Für Meyer und seine Mitstreiter ist der Fund auf dem Felsen ein ganz besonderes Erlebnis. Gehören sie doch seit Jahren der Vereinigung Schwarz-Rote Bergsteiger_innen Dresden an, die sich der Gedenkarbeit und Erforschung des NS-Widerstandes in Sachsen und speziell im Elbsandsteingebirge verschrieben hat. Leute vom Fach also, die deshalb auch recht schnell die historische Bedeutung des Zufallsfundes einordnen konnten.

Schutz für Bergsteiger: In diesem Felsüberhang – einer sogenannten Boofe – wurden die Pakete gefunden.
Foto: BLZ/Wolf Meyer

Offenbar, so viel scheint bereits festzustehen, stammen die in der Boofe versteckten Materialien aus dem Besitz einer KPD-Ortsgruppe aus dem nahen Kohlmühle, das heute zu Hohnstein gehört. „Nach den Reichstagswahlen 1932, aus denen die NSDAP als Sieger hervorging, verstärkten sich die Repressionen gegen die Kommunisten“, sagt Meyer. „Es kam zunehmend zu Hausdurchsuchungen, auch in Sachsen, sodass die KPD-Führung die Weisung herausgab, interne Dokumente und Materialien an sichere Orte auszulagern.“

Im Dresdner Landesamt für Archäologie hat man den Fund bereits untersucht. Demnach besteht das Material zu 80 bis 90 Prozent aus Büchern, Flugschriften und ein paar gedruckten Postkarten. Unter den Publikationen sind Texte von Rosa Luxemburg und anderen marxistischen Theoretikern, die für die Bildungsarbeit der Partei verwendet wurden, aber auch Periodika aus jener Zeit. So etwa die kommunistische Gewerkschaftszeitung „Rote Textilarbeiter“, die in der damaligen Textilfabrik in Kohlmühle verteilt wurde.

„Für uns als Landesamt ist das Besondere an dem Fund die Zusammenstellung des Materials und der Akt des Verbergens. Das ist ein archäologisches Phänomen, das wir durch alle Zeiten der Menschheitsgeschichte hindurch kennen“, sagt Landesarchäologin Regina Smolnik. Es spreche viel dafür, dass es sich bei dem jetzt gefundenen Material um die Bibliothek einer Ortsgruppe und einige zusätzliche Dokumente handele. „Interessant ist, dass wir hier einen geschlossenen Fund aus der Zeit Mitte, Ende 1933 vor uns haben, der in einer ganz besonderen Zusammensetzung dort liegt und einen Einblick erlaubt in die damalige Arbeit einer KPD-Ortsgruppe.“

Eigentumsfrage ungeklärt: Das KPD-Material gehört – als Rechtsnachfolgerin – eigentlich der Linkspartei.
Foto: BLZ/Wolf Meyer

Zu den geborgenen Dokumenten gehört laut Wolf Meyer auch ein schmaler Hefter mit Schriftverkehr zwischen der KPD-Bezirksleitung und dem für die Region zwischen Hohnstein und Bad Schandau zuständigen Unterbezirksleiter der KPD, Max Richter. Richter, der 1933 in die Illegalität abtauchte, übernahm von da an als Instrukteur mit Decknamen „Sonnenschein“ die Aufgabe, die Untergrundarbeit der KPD in der Region zu organisieren, Spenden für die Partei zu sammeln und von der Verfolgung bedrohten Genossen bei der Flucht zu helfen.

„Damit war er in jenen Jahren auch eine wichtige Kontaktperson der Roten Bergsteiger, die ja vornehmlich von tschechischem Gebiet aus agierten und Dokumente und Personen über die Grenze schmuggelten“, erklärt Meyer. Richter wurde 1939 von der Gestapo verhaftet. Er saß zunächst im Zuchthaus und in einem Strafarbeitslager, bevor er ins KZ Buchenwald deportiert wurde, wo er zweieinhalb Jahre lang bis zur Befreiung des Lagers interniert war. Er verstarb 1967 in der DDR.

Was mit dem Fund aus den Ochelwänden passiert, steht noch nicht fest. „Da das Material aus dem 20. Jahrhundert stammt und nicht aus der, sagen wir, Bronzezeit, müssen wir die Eigentumsfrage klären“, erläutert Landesarchäologin Smolnik. „Wir haben daher unter anderem die Linkspartei angeschrieben, die sich möglicherweise in der Rechtsnachfolge der KPD sieht, aber noch keine Antwort darauf erhalten.“ Falls niemand Anspruch auf den Fund erhebt, könnten die am besten erhaltenen Stücke an das Sächsische Staatsarchiv übergeben werden, wo sie dann für die wissenschaftliche Forschung zur Verfügung stehen.