Bewohner des Lagers Moria 
Foto: AP/Petros Giannakouris

Berlin/BrüsselNach dem Ausbruch mehrerer Brände im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos werden Stimmen zu einer raschen Evakuierung des Lagers laut. „Spätestens jetzt muss Innenminister Horst Seehofer seine Blockadehaltung aufgeben. Die Menschen müssen sofort evakuiert werden“, forderte Michael Buschheuer, Gründer von Sea-Eye und Vorstand der Hilfsorganisation Space-Eye. 

Berlin steht bereit, Flüchtlinge aufzunehmen. „Wir haben diese Kapazitäten und es ist unsere Pflicht, Menschen in Not zu helfen“, schrieb der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) auf Twitter. „Es ist unverständlich, wieso der Bund es den Städten, die sich dazu bereit erklärt haben, nicht ermöglicht, schnelle und solidarische Hilfe zu leisten und Geflüchtete aus Moria aufzunehmen.“ Hintergrund der Kritik ist das Aufenthaltsgesetz, nachdem das Bundesinnenministerium den Ländern erlauben muss, Flüchtlinge aufzunehmen. Müller und Innensenator Andreas Geisel (SPD) kündigten am Mittwoch erneut eine Bundesratsinitiative an, um die Bestimmung zu ändern. Zuletzt hatte Berlin mehrfach der Bundesregierung angeboten, über ein eigenes Landesaufnahmeprogramm bis zu 300 Personen aufzunehmen. 

„Seit Monaten warnen wir vor einem Corona-Ausbruch im Lager“, sagte Raid Al Obeed aus Syrien, der im Lager nach Angaben von Medico International mit für die Corona-Prävention verantwortlich war. „Wir haben es lange Zeit geschafft, das Virus fernzuhalten.“ Seit vergangener Woche treten jedoch immer mehr Fälle von Corona-Infektionen auf, weshalb das Lager unter Quarantäne gestellt worden ist.


Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: Griech. Migrationsministerium, dpa, OSM-Mitwirkende

Die EU-Innenkommissarin Ylva Johansson hat schnelle Hilfe versprochen. Sie sei in Kontakt mit dem griechischen Minister und den lokalen Behörden, schrieb die Schwedin am Mittwoch auf Twitter. Dabei habe sie zugestimmt, den unverzüglichen Transfer und die Unterbringung der verbleibenden 400 unbegleiteten Kinder und Jugendlichen aufs Festland zu finanzieren. „Die Sicherheit und der Schutz aller Menschen in Moria hat Priorität.“ Zudem drückte Johansson ihr Mitgefühl mit den Menschen auf der Insel Lesbos und insbesondere mit den Migranten sowie den Arbeitern in dem Flüchtlingslager Moria aus.

Auch Grünen-Chefin Annalena Baerbock fordert schnelle Hilfe für die Flüchtlinge. „Die Bilder aus Moria sind erschütternd“, sagte Baerbock am Mittwoch den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. „Das Lager steht fast komplett in Flammen, Menschen irren umher, sie haben Angst – und das auf europäischem Boden.“ Europa könne und dürfe nicht mehr wegsehen. „Deutschland muss handeln“, forderte Baerbock. Die Bundesregierung bremse jedoch Hilfe aus. „Unsere Anträge im Bundestag zur Aufnahme von Flüchtlingen wurden abgeschmettert“, kritisierte die Grünen-Chefin. Bundesländer, die bereit und in der Lage seien, mehr Menschen aufzunehmen, liefen bei Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) gegen die Wand. „Es gibt Kapazitäten, es gibt den Platz, es gibt eine überaus große Bereitschaft von Ländern und Kommunen in Deutschland, zu helfen“, zeigte sich Baerbock überzeugt. 

Das Flüchtlingslager ist seit Jahren heillos überfüllt, derzeit leben dort nach Angaben des griechischen Migrationsministeriums rund 12.600 Flüchtlinge und Migranten – bei einer Kapazität von gerade mal 2800 Plätzen. In der Nacht zum Mittwoch sind in Moria mehrere Brände ausgebrochen.