Randale in Neukölln – und die Politik streitet, als ginge es um Winnetou oder Layla

Die einen zeigen auf Ausländer, andere sagen nichts oder schimpfen über Rassisten. Viel mehr hat der Streit über Silvester nicht gebracht. Das hilft niemandem. Ein Kommentar.

Feuerwehrleute in Neukölln – und in ein paar Monaten brennt es woanders.
Feuerwehrleute in Neukölln – und in ein paar Monaten brennt es woanders.dpa/Paul Zinken

Bald haben sich alle wieder beruhigt, dann hat sich die „Silvester-Debatte“ erledigt. Ein paar Wochen noch, und die Krawalle von Neukölln sind vergessen. Dann spricht niemand mehr über verletzte Polizisten und vergessene Migranten. Dann geht es wieder um Winnetou oder einen sexistischen Ballermann-Hit – irgendein „Aufreger“ wird sich schon finden.

Wir erleben das immer gleiche Ritual, denn es ist doch so gemütlich in der parteipolitischen Brüll-Ecke. Die einen zeigen auf Ausländer, die anderen sagen nichts oder schimpfen über Rassisten. Und bald sind alle erschöpft, jede Zeile auf Twitter wurde kommentiert, jeder hat Konsequenzen gefordert, für die einen oder die anderen.

Nun ist es aber so, dass diese Art des politischen Streits, wenn man das so nennen will, meist keine Konsequenzen hat, jedenfalls keine in der Sache. Sie zielt nicht auf das vielschichtige Problem, um das es eigentlich gehen sollte, sondern auf möglichst klare Abgrenzung: CDU-Politiker wollen nicht so klingen wie Grüne oder Sozialdemokraten und andersherum. Ach so, AfD und Linke machen selbstverständlich mit. Attacke!

Es geht um mehr als Identitätspolitik

Und so wirkt dieses Ritual wie das Kläffen zweier Hunde, die aneinander vorbeigeführt werden, sich kurz die altbekannte Meinung bellen, und ein paar Meter weiter schon wieder vergessen haben, was eben noch so schlimm erschien. Oh, eine Katze! Hat da jemand Indianer gesagt? „La-la-la-la-la-la-la-Layla.“

Das Traurige ist, dass es hin und wieder um mehr geht als um erstarrte Identitätsdebatten. Diesmal geht es um Fehler der Einwanderungspolitik und Rassismus. Um mangelnde Perspektiven und Macho-Gehabe. Um einen überforderten Staat und Respektlosigkeit vor ihm. Es geht um soziale, kulturelle und religiöse Fragen, um ein Sowohl-als-auch, das, wenn man es auf Kampfbegriffe eindampft, niemals entwirrt werden kann.

Dummerweise müsste man sich dafür nämlich aus der Komfortzone bewegen, Gewissheiten hinterfragen, einige Wähler verschrecken. Man müsste zuhören, argumentieren und auf Applaus aus der eigenen Blase verzichten.

In ein paar Monaten brennt woanders ein Bus

Auf rechter Seite müsste man sich eingestehen, dass Namen nichts über Herkunft und schon gar nichts über Gesetzestreue aussagen. Dann könnte man zwar nicht wie die CDU in Berlin nach Vornamen der Tatverdächtigen mit deutscher Staatsangehörigkeit fragen, hätte aber mehr Zeit für Sinnvolleres. Ein gutes Buch vielleicht oder eines von Karl May. Auf linker Seite müsste man einsehen, dass es durchaus Gegenden in Großstädten gibt, in denen Eltern Angst um ihre Kinder haben.

Stattdessen aber wiederholen zahlreiche Politiker erneut das Ritual der maximalen Aufregung. Und in ein paar Monaten brennt in einer anderen Stadt ein Bus, angezündet von Migranten, Linksextremisten oder Neonazis, ganz egal von wem, denn es bietet ja Stoff für die nächste substanzlose Empörungswelle.

Wie wäre es stattdessen, und das ist nur so ein Gedanke, dass man sich einigt, gemeinsam ein Problem erkannt zu haben: Angriffe auf Feuerwehrleute, enthemmte junge Männer, Randale in Neukölln. Niemand will das. Und dass man nicht gleich das nächste scharfe Pressestatement formuliert, oder den nächsten überdrehten Tweet. Es gibt Themen, die sind zu groß für reflexhaftes Gekläffe.