Berlin leidet unter extremem Fachkräftemangel

IHK Berlin warnt: Die Prognose bis 2035 ist düster. Mangel an allen Ecken – keine Azubis, keine Akademiker, keine Facharbeiter und keine Meister.

Ein Schweißer bei der Arbeit
Ein Schweißer bei der Arbeitdpa/Patrick Pleul

Der wohl berühmteste Berlin-Werbespruch kam von Klaus Wowereit: Er nannte Berlin im Jahr 2003 „arm, aber sexy“. Eine Beschreibung, die fast 20 Jahre später auf den Berliner Arbeitsmarkt zutrifft. Berlin hat viele sexy Unternehmen. Junge und innovative Unternehmen. Berlin ist Start-up- Hauptstadt, aber der Verdienst ist in den jungen Kleinunternehmen gering. Hier zählen andere Werte, wie Pioniergeist und Freiheiten. Große Tech-Giganten wie Amazon und Zalando bauen ihre Unternehmenszentralen aus und als Tourismushauptstadt hat Berlin ein gigantisches Angebot an Arbeitsplätzen. Durch das diverse Angebot an Kultur und Freizeit und dem berühmten Berliner Way of Life ist Berlin lebenswert.

Wer will hier nicht leben und arbeiten? Berlin ist aber auch arm. Durch hohe Mieten, einen gravierenden Wohnungsmangel und durchschnittlich geringe Einkommen, ist Berlin für Fachkräfte von außerhalb unattraktiv. In keiner anderen deutschen Metropole ist das Kapital pro Arbeitsplatz so gering. Dies spürt man beim Einkommen. Das Einkommen ist in den letzten Jahren gestiegen und beim durchschnittlichen Bruttogehalt liegt Berlin auf Platz fünf, aber die vielen negativen Aspekte wiegen oft mehr auf. Aus dem, was Berlin an potenziellen Arbeitnehmern anzubieten hat, ist gerade im Bereich der Ausbildung Alarmstufe Rot zu verzeichnen. Der Bildungsmonitor 2022 hat erneut bescheinigt, dass es in Berlin die höchste Schulabbrecherquote gibt und viele Jugendliche erreichen nicht den Mindeststandard an Kompetenz.

Berlin gehört zu den Bundesländern, die nach der Wende 1990 eine stetig hohe Arbeitslosenquote haben. Trotz einer konstanten Stärkung der Berliner Wirtschaft beträgt die aktuelle Arbeitslosenquote 8,7 Prozent. In Zahlen bedeutet dies, dass dem Arbeitsmarkt theoretisch 175.967 Menschen zur Verfügung stehen. Da die Suche nach qualifizierten Arbeitnehmern gewissen Regeln und bestimmten Voraussetzungen unterliegt, hat Berlin trotz einer hohen Arbeitslosigkeit einen erheblichen Fachkräftemangel.

Berliner Arbeitsmarkt ist „arm, aber sexy“

Für 2022 weisen die mit dem Wirtschaftsforschungsinstitut WifOR durchgeführten Berechnungen der IHK Berlin rund 100.000 fehlende Fachkräfte in allen Branchen der Hauptstadt aus. Für 2035 wird der Fachkräfteengpass voraussichtlich auf 414.000 Personen steigen. Damit wäre der Fachkräfteengpass im Jahre 2035 viermal höher als 2022.

Maßgeblich liegt diese Verschärfung daran, dass das Angebotspotenzial an Fachkräften in Berlin in der nächsten Dekade deutlich sinken wird. Die unternehmensseitige Nachfrage wird bis 2035 zwar ebenfalls sinken, jedoch nur um rund 122.000 Fachkräfte.

Dass der Berliner Arbeitsmarkt attraktiver werden muss, sieht auch Maren Jasper-Winter, arbeitsmarktpolitische Sprecherin der FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus von Berlin. Sie weist darauf hin, dass bestimmten Berufen mehr Wertschätzung entgegengebracht werden sollte. „Dazu gehört“, sagt sie dieser Zeitung, „dass der Berliner Senat endlich mit einer verstärkten Kampagne dafür zu sorgen hat, direkt für Handwerks- und Sozialberufe oder auch das Personalwesen zu werben.“ Jasper-Winter ist außerdem dafür, eine Meisterprüfung einem Master gleichzusetzen. „Wie bei einem Studium soll auch der Meister kostenfrei sein und die Prüfungsgebühren wollen wir hierfür abschaffen und perspektivisch auch die Meisterlehrgänge entgeltfrei machen.“

Mangel an allen Ecken – Azubis, Akademiker, Facharbeiter und Meister

Die Berliner Unternehmen wollen gerne ausbilden. Die Stellen sind da. Es fehlt an qualifizierten Arbeitskräften in allen Ebenden. Laut IHK-Studie konnten gut 40 Prozent der Berliner Unternehmen ihre angebotenen Ausbildungsplätze nicht besetzen. Zwei von drei Unternehmen lagen schlicht keine geeigneten Bewerbungen vor.

Die CDU im Abgeordnetenhaus von Berlin sieht das Problem in der Berliner Bildung. „Wir brauchen bessere Bildung an unseren Schulen“, sagt CDU-Politiker Martin Pätzold, „wir müssen die Schüler für den Arbeitsmarkt vorbereiten, mehr Weiterbildungsangebote sowie eine Kampagne für die Anwerbung von ausländischen Fachkräften.“

Berlin hat mit elf staatlichen Hochschulen und 30 staatlich anerkannten privaten Hochschulen einen guten Nährboden für den akademischen Nachwuchs. Anscheinend kann Berlin die Studienabsolventen nicht halten, da die IHK ein wachsendes Personalproblem bei Akademiker-Stellen voraussagt. Experten gehen davon aus, dass im Jahr 2035 jede dritte nachgefragte Stelle für Akademiker nicht besetzt werden könnte. Bei Berufen mit einer technischen Ausrichtung soll die Zahl der freien Stellen dann noch höher sein.

Gemessen an den zu besetzenden Stellen, wird sich bei den beruflich Qualifizierten mit technischer Ausrichtung und hoher Qualifikation, sprich Meisterinnen und Meister oder Technikerinnen und Techniker, eine besonders große Fachkräftelücke auftun. 2035 wird hier, ähnlich wie bei akademischen Fachkräften, voraussichtlich jede dritte Stelle nicht besetzt werden können (32,2 Prozent).

Berlin muss noch stärker in die Zukunft investieren, um die Prognose zum Fachkräftemangel abzumildern. Der Präsident der IHK Berlin, Sebastian Stietzel: „Berlin muss sein vorhandenes Potenzial endlich besser nutzen.  Um die demografische Lücke zu füllen, die sich in den nächsten Jahren weiter auftun wird, gilt es, bürokratische Prozesse zur Einwanderung von Fachkräften auf allen Ebenen zu beschleunigen und Orientierungs- und Beratungshilfen zur Weiterbildung in Unternehmen systematisch auszubauen.“

Da Berlin auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen ist, fügt Stietzel hinzu: „Auch bei der Sprachförderung sehen wir immer noch großen Handlungsbedarf, gerade um Geflüchteten den Weg in Arbeit und Ausbildung zu ebnen. Hier bedarf es passgenauer berufsbezogener Sprachkursangebote, die auch die Kinderbetreuung sicherstellen. Aus Sicht der Wirtschaft braucht es eine umfassende Fachkräftestrategie, die alle diese Themen fokussiert und vorgibt, wie Politik und Verwaltung die Wirtschaft konkret unterstützen können.“