Klimaproteste: Gerne! Aber wohltemperiert müssen sie sein!

Die Proteste der Klimaaktivist*innen sind nicht zu wild und verantwortungslos, sondern zu zahm, vereinzelt und vor allem: Es sind zu wenige, die sie unterstützen. Ein Meinungsbeitrag.

Eine Klimaschutz-Demonstrantin hat sich auf der Fahrbahn selbst angeklebt.
Eine Klimaschutz-Demonstrantin hat sich auf der Fahrbahn selbst angeklebt.dpa/Paul Zinken

Nachdem einige sogenannte Klimaaktivist*innen in Museen Ölgemälde mit Tomatensuppe oder Kartoffelbrei beworfen haben und schließlich sogenannte Klima-Kleber*innen der Aktionsgruppe „Letzte Generation“ angeblich Mitschuld am Tod einer Radfahrerin in Berlin tragen, hagelt es von allen Seiten Kritik für die Protestformen der Aktivist*innen. Bundesinnenministerin Nancy Faeser sichert der Polizei ihre volle Unterstützung bei der Verfolgung etwaiger Straftäter*innen zu.

Ex-Verkehrsminister Alexander Dobrindt mahnt: „Das Entstehen einer Klima-RAF muss verhindert werden“. Gunnar Schupelius schwadroniert in der Bild von einer „Klima-Guerilla“ und „fanatischen Umweltschüzern“. Die Bild wusste natürlich auch gleich: „Radfahrerin hirntot: Das ist auch eure Schuld, ihr Klima-Kleber“. Dass Aussagen wie diese bisher nicht durch Fakten gedeckt sind, legt Stefan Niggemeier auf Übermedien dar. Schon vor dem Unfall machte sich ein Artikel im sozialistischen Jacobin-Magazin über die „narzisstische Weltrettung“ der Ölbildbewerfer*innen lustig, die nichts bewirkten und so keine breite Solidarität erzeugen könnten.

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Maren Kaschner
Zum Autor
Anselm Neft, geboren 1973 bei Bonn, studierte abseitige Fächer, schrieb seine Magisterarbeit über zeitgenössischen Satanismus, verschliss Jobs vom Tellerwäscher bis zum Unternehmensberater und lebt heute als freier Autor und Schriftsteller in Hamburg. Dort betreibt er den Literaturpodcast „laxbrunch“ und schreibt Artikel und Bücher. Sein neuester Roman heißt „Späte Kinder“. Das Buch ist im Rowohlt-Verlag erschienen.

Der Klimawandel erzeugt lebensbedrohende Katastrophen

So sind an der ausbleibenden Unterstützung für die Proteste also nicht die Fernbleibenden, sondern die Protestierenden schuld. Wären die französischen oder die haitianischen „Jakobiner“, nach denen das Magazin benannt ist, so bequem gewesen – die Revolutionen wären gescheitert. Durch die Auswirkungen des menschengemachten Klimawandels sterben bereits jetzt Hunderttausende von Menschen allein durch verstärkte Wetterextreme. Von Tieren und Pflanzen oder ungewöhnlichen Dürreperioden wie zum Beispiel in Kenia ganz zu schweigen. Nahrungsmittelspekulant*innen mag das freuen, für alle anderen sind es lebensbedrohende Katastrophen, die auch den Migrationsdruck verstärken.

Es ist verständlich, dass sich viele von uns – zusätzlich erschöpft von Pandemie, chronischer Selbstausbeutung und den wirtschaftlichen Auswirkungen des russischen Angriffskriegs – einigeln und am liebsten nur noch regional denken wollen („bei uns wird es schon nicht so schlimm werden“), aber wir wissen auch: Angst wird größer, wenn man ihr nachgibt. Und echte Probleme lösen sich nicht, indem man sie ignoriert.

Die Proteste der Klimaaktivist*innen sind nicht zu wild

Rettungssanitäter stehen täglich im Stau, weil ein Paketbote in der zweiten Reihe parkt, Autos bei Rot trotz Erlaubnis im Falle eines näher kommenden Rettungswagens nicht weiterfahren, Autofahrer nicht in der Lage sind, Rettungsgassen zu bilden, Harley-Days, Marathons oder Treckerproteste stattfinden und schlicht: weil zu viele Autos auf den Straßen sind.

Die Proteste der Klimaaktivist*innen sind nicht zu wild und verantwortungslos (die „Kleber“ in Berlin haben wie üblich Platz für eine Rettungsgasse gelassen), sondern zu zahm, vereinzelt und vor allem: Es sind zu wenige, die sie unterstützen. Also bitte: Hier und heute geht es los, Freunde!

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