Kindesmissbrauch (Symbolbild).
Foto:  dpa/Patrick Pleul

BerlinIn Berlin wurden Kinder oder Jugendliche wohl länger als bisher angenommen gezielt zur Pflege an Pädophile vermittelt und von diesen dann auch sexuell missbraucht. Das legt ein am Montag in der Hauptstadt vorgestellter Zwischenbericht eines Forschungsvorhabens der Universität Hildesheim zum verstörenden Wirken des Berliner Sozialpädagogen Helmut Kentler (1928-2008) nahe.

In dem Bericht, den der Senat in Auftrag gab, werden die Fälle von zwei Fünfjährigen aufgelistet, die 1989 beziehungsweise 1991 zu Pflegevätern kamen, die regelmäßigen Kontakt zu Kentler pflegten. 

Verstörender Modellversuch

Ab Ende der 1960er Jahre förderte der Berliner Sozialpädagogen gezielt sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, indem er sie als Pflegekinder an Pädophile vermittelte.

Kentler glaubte, dass sich diese Männer als Pflegeväter besser um ihre Schützlinge kümmern würden als andere Pflegeeltern. Dass sie dafür Sex wollen könnten, war für den Psychologen und Sexualforscher kein Hinderungsgrund.

Nach Medienberichten erhielten die Pädophilen sogar Pflegegeld. Von Seiten der Behörden blieben diese Vorgänge entweder unbemerkt, wurden bewusst ignoriert oder sogar beschönigt und gefördert. 

Sandra Scheeres: „Es ist zutiefst erschütternd”

Ein erstes Gutachten zum sogenannten Kentler-Experiment wurde im Auftrag der Senatsverwaltung durch das Göttinger Institut für Demokratieforschung erstellt und 2016 veröffentlicht. Die Verwaltung hatte 84.000 Euro für die weitere Forschung an der Universität Hildesheim bewilligt.

„Das sind wir den Betroffenen schuldig. Es ist zutiefst erschütternd, was Kindern und Jugendlichen, die sich in staatlicher Obhut befanden, angetan wurde”, sagte Senatorin Sandra Scheeres (SPD). Wichtig sei zudem, die Verantwortung staatlicher Stellen, auch des Senats, herauszuarbeiten, Strukturen offenzulegen und Lehren für die heutige Jugendhilfepraxis zu ziehen.

Kentler wurde nie strafrechtlich verfolgt

Im Rahmen des Forschungsprojektes, das nicht das erste, aber wohl das umfassendste zu Kentler ist, sichten die Hildesheimer Wissenschaftler unter anderem Akten und sprechen mit unterschiedlichsten Zeitzeugen. Hilfreich wären dabei Opfer des quasi staatlich geförderten sexuellen Missbrauchs - allerdings haben sich bislang erst drei gemeldet, von denen zwei den Forschern über ihr Schicksal berichteten.

Wieviele Opfer es überhaupt gibt, ist nach Aussage der Forscher unklar. Kentler, der nach seiner Zeit am „Pädagogischen Zentrum Berlin“ als Professor für Sozialpädagogik an der TU Hannover lehrte, wurde für sein „Experiment“ nie strafrechtlich verfolgt, weil seine Taten als verjährt galten. An dieser rechtlichen Hürde scheiterten auch Anläufe von Opfern für eine juristische Aufarbeitung.