VdK-Präsidentin Verena Bentele: „Für manche reichen die Entlastungen eben nicht“

Verena Bentele war mehrfach Siegerin bei den Paralympics. Jetzt macht sie als Chefin des Sozialverbands VdK Furore und kämpft für Gerechtigkeit. Was treibt sie an?

Verena Bentele ist seit 2018 Präsidentin des Sozialverbandes VdK. 
Verena Bentele ist seit 2018 Präsidentin des Sozialverbandes VdK. Hans Buttermilch

Das Büro an der Linienstraße in Mitte liegt im fünften Stock. Es ist hell, von viel Glas eingerahmt. Verena Bentele steht von ihrem Schreibtisch auf, stellt sich in den Raum und streckt den Arm aus, sie ist bereit zur Begrüßung. Ihr Händedruck ist fest und entschlossen. 

Sie geht zu dem Tisch, an dem sie Besucher empfängt, setzt sich auf einen Stuhl, stellt ihr Laptop auf dem Tisch ab. Eine Kollegin bringt Wasser. Kaffee habe sie heute schon zur Genüge getrunken, sagt Verena Bentele, während sie den Tisch abtastet, ihr Glas sucht. Als Blinde könne sie Menschen durch den Händedruck „lesen“, sagt sie. Und durch die Stimme. Sie könne zum Beispiel erkennen, ob jemand dominant oder zurückhaltend ist.

Verena Bentele, 40 Jahre alt, ist Präsidentin des Sozialverbandes VdK und ganz gewiss eher forsch, zupackend. Sie verschafft dem Verband mehr und mehr Einfluss, hat ihn durch ihre Stimme zu einer relevanten Instanz gemacht. Seit dem Mai 2018 wird sie nicht müde, sich für soziale Gerechtigkeit einzusetzen; damals hat sie das wichtige Amt übernommen. Schon während der Pandemie avancierte der VdK, der vor mehr als sieben Jahrzehnten gegründet wurde, zu einem der lautesten Mahner der Republik. Und angesichts der steigenden Inflation hat der Verband seine Aktivitäten noch verstärkt.

Seit acht Uhr morgens ist Verena Bentele im Büro, sie hat Mails beantwortet und telefoniert. Sie trägt ein schwarzes Shirt, darüber ein graues Jackett. Wie an jedem Morgen ist sie mit der U-Bahn gekommen, hat sich an dem Schall der Wände und mit ihrem Blindenstock orientiert.

Unten auf der Straße lärmen Bauarbeiter, die Oranienburger Straße und ein Teil der Linienstraße sind umzäunt. „Am Anfang wusste ich nicht, wie ich zu unserem Gebäude komme, ich musste Passanten fragen“, erzählt sie. Sie ist seit ihrer Geburt gehandicapt, kann nur Hell und Dunkel erkennen. Verena Bentele hat gelernt, sich durchzukämpfen, charmant und energisch zugleich.

Sie lehnt sich auf ihrem Stuhl zurück, ab und an muss es auch mal gut sein mit dem Kämpfen. „Ich freue mich jetzt auf ein paar Tage Urlaub“, sagt sie. Sie wird zu ihrer Familie fahren, das Weihnachtsfest und die Zeit zwischen den Jahren im Süden Deutschlands verbringen. Ihre Eltern betreiben am Bodensee einen Bio-Bauernhof. Ihre Geschwister werden da sein, weitere Verwandte. 

„Persönlich und privat war es ein schönes Jahr“, sagt sie. Alle um sie herum seien gesund geblieben; nur sie selbst konnte wegen eines Bänderrisses an keinem Marathon teilnehmen. „Dabei wollte ich in diesem Jahr nach Corona wieder richtig durchstarten. Aber das hebe ich mir jetzt für 2023 auf.“

Das Laufen brauche sie, es mache den Kopf frei, sagt Verena Bentele, die ehemalige Hochleistungssportlerin, die durch ihre Erfolge im Biathlon und Skilanglauf bekannt wurde. In Berlin trifft sie sich dreimal pro Woche mit einer Freundin. „Sie ist eine Frühaufsteherin wie ich.“ Die beiden starten meist um sechs Uhr morgens, rennen bis zu zehn Kilometer an der Spree entlang, manchmal auch auf dem Tempelhofer Feld.

Das Laufen zählt für Verena Bentele zum Schönen und auch das: Während der Pandemie musste sie auf vieles verzichten, vermisste beispielsweise den Händedruck, der ihr Informationen über ihr Gegenüber liefert. Das sei nun glücklicherweise vorbei, sagt sie und lächelt.

Dann wird sie ernst, sagt: „Und es war natürlich ein schwieriges Jahr, weil in Europa erstmals seit vielen Jahren leider wieder ein Krieg stattfindet, ganz in unserer Nähe.“ Die Auswirkungen dieses Krieges seien für die Menschen dort am schlimmsten. Sie seien aber auch hierzulande deutlich spürbar, etwa durch die hohen Energiekosten. „Und das ist etwas, was unsere Mitglieder im Sozialverband VdK wirklich sehr beschäftigt, ängstigt und quält. Dass viele sich ihr Leben von ihrer kleinen Rente oder als pflegende Angehörige und Pflegebedürftige eigentlich kaum mehr leisten können.“

Es sei eine Herausforderung, die vielen Briefe und E-Mails der Menschen, die der Sozialverband bekäme, so zu beantworten, dass die, die in ihrer Verzweiflung geschrieben haben, danach ein bisschen optimistischer sind. „Es gibt ja Entlastungen der Bundesregierung, aber für manche Menschen reichen die eben nicht“, sagt sie.

VdK-Präsidentin: Man muss trommeln, sonst wird man nicht gehört

Verena Bentele und ihr Team schreiben sich seit Monaten die Finger wund. An den vielen Antworten. Und kaum ein Tag vergeht ohne Pressemitteilung. Zuletzt alarmierte der VdK so: „Eine traurige Weihnacht – Kinderarmut muss entschlossener bekämpft werden.“ Millionen von Menschen müssten in Deutschland jeden Euro zweimal umdrehen, könnten ihren Kindern kein besonderes Weihnachtsessen oder irgendwelche Extras spendieren.

Verena Bentele nickt. „Man muss trommeln, sonst wird man nicht gehört.“ Für ihr Team und sie sei 2022 ein extrem herausforderndes Jahr gewesen. „Wir haben eine große Kampagne zur Pflege gestartet und haben das Thema häusliche Pflege von Angehörigen politisch nach vorne gebracht und mehr in den Fokus gerückt.“ Und natürlich habe der Verband zu vielen aktuellen politischen Entscheidungen, zu den diversen Entlastungspaketen, zu anderen Themen wie dem Bürgergeld oder der Pflegereform, die nicht stattfand, Stellung bezogen.

Ich fand diese Diskussion echt entlarvend für unsere Gesellschaft, weil da scheinbar ein extrem schlechtes Menschenbild bei vielen vorherrscht.

Verena Bentele über die Debatte zum Bürgergeld

In der Debatte um das Bürgergeld wurde behauptet, dass Faule sich damit noch mehr in sozialen Hängematten ausruhen können. Das fand sie „grauenhaft“. Sie sagt: „Ich fand diese Diskussion echt entlarvend für unsere Gesellschaft, weil da scheinbar ein extrem schlechtes Menschenbild bei vielen vorherrscht.“ Dabei wollten sich Bedürftige lediglich ihr Leben leisten können.

Sie wolle die soziale Spaltung im Land bekämpfen, sagt sie, dafür sei sie VdK-Präsidentin geworden. „Wir haben 2022 viel Einsatz gezeigt. Aber der hat sich auch für uns in meinen Augen gelohnt.“ Es sei ein „schönes Gefühl, etwas bewirkt zu haben“. Sei es, dass es Verbesserungen bei der Erwerbsminderungsrente gab oder für Rentnerinnen und Rentner im Dezember doch noch die Energiepreispauschale von 300 Euro. Sie waren anfangs ausgespart worden, der VdK plante eine Klage dagegen.

VdK-Präsidentin: Viele bereichern sich auf Kosten Ärmerer

Verena Bentele redet schnell und klar. „Wir sind wirklich ausschließlich an der Sache unserer 2,1 Millionen Mitglieder orientiert“, sagt sie. Der VdK mache eben keine interessengeleitete Politik für finanzielle Interessen von irgendwelchen Anbietern. „Das sieht man jetzt an den Krankenhausreformen, was da für verschiedene Interessen von Leuten am Werk sind, die daran einfach gutes Geld verdienen. So etwas haben wir halt einfach nicht.“ Und das sei auch gut so.

Es ärgere sie, wenn sich andere auf Kosten Ärmerer bereicherten. Und das sei auch bei den Entlastungspaketen der Fall. „Es gibt immer, auch in Zeiten wie diesen, Firmen und Menschen, die extrem horrende Gewinne einfahren.“ Deswegen sei es für den VdK das Wichtigste, „dass der Sozialstaat nicht diesen Menschen Gewinne ermöglicht, die sie dann einfach behalten können, sondern dass diese Gewinne wirklich hoch besteuert werden und man von dieser Übergewinnsteuer – oder wie auch immer man das Kind nennt – dann eben auch die Sozialleistungen und Unterstützungsleistungen finanzieren kann“. Das sei für sie soziale Marktwirtschaft. „Sozial mit Ausrufezeichen. Das dürfen Sie gerne schreiben.“

Verena Bentele: Meine Eltern haben mich zu einem mutigen Menschen gemacht

Verena Bentele schätzt das offene Wort. Und die Basis für diese Offenheit ist in ihrer Kindheit gelegt worden. Sie wuchs unbeschwert auf dem Land auf. „Ich hatte dort die Freiheit, alles auszuprobieren, was ich wollte. Zum Beispiel allein Fahrrad zu fahren. In der Großstadt wäre das nicht möglich gewesen.“ Ihre Eltern hätten ihr und ihrem ebenfalls blinden Bruder viel zugetraut. Das habe sie zu einem mutigen Menschen gemacht.

Mit drei Jahren lernte sie von ihren Eltern Skilaufen. „Unsere Eltern sind rückwärts vor uns hergefahren und haben uns diesen Sport beigebracht. So ist früh meine Leidenschaft entstanden. Und bei zwei Brüdern musste ich mich auch in anderen Bereichen oft durchschlagen“, erzählte sie einmal in einem Interview.

Jahre später zählte sie zu den erfolgreichsten deutschen paralympischen Sportlerinnen. Mit 16 gewann Verena Bentele ihre erste Goldmedaille bei den Paralympics in Nagano, elf weitere folgten, viermal wurde sie Weltmeisterin im Langlauf und Biathlon.

Zwischenzeitlich drohte ihr das Karriereende. Bei einem dramatischen Sturz in einen Abgrund erlitt sie einen Kreuzbandriss, Kapselrisse an zwei Fingern und Verletzungen an Leber und Niere. Ihr Begleitläufer, der ihr verbal die Richtung vorgeben muss, hatte links und rechts verwechselt. Sie wurde wieder gesund, machte weiter auf ihren Skiern. Erst 2011 beendete sie ihre sportliche Karriere.

Damals hatte sie bereits begonnen, sich sozialpolitisch zu engagieren. „Ich bin in einer sehr engagierten Familie aufgewachsen, mein Vater war beim Roten Kreuz, meine Mutter bei den Landfrauen.“ Sie habe einen großen Gerechtigkeitssinn, sagt sie, könne es nicht ertragen, dass es Menschen aus ärmeren Verhältnissen schwerer haben.

Man sollte alles ausprobieren.

Verena Bentele

Verena Bentele machte sich zwischenzeitlich als Coach selbstständig, engagierte sich im Münchner Stadtrat für die SPD. Im Dezember 2013 rief die damalige SPD-Chefin Andrea Nahles an, fragte, ob Bentele im Januar 2014 Behindertenbeauftragte der Bundesregierung werden wolle. Sie sagte zu, kam in das große Berlin, netzwerkte, besuchte Veranstaltungen. „Kontakte sind wichtig“, sagt sie. 

„Man sollte alles ausprobieren“, so lautet ihr Motto. Mitstreiter beschreiben sie als empathisch, angstfrei, taff und meinungsstark. Als eine, die keine Barrieren scheut und an einem Thema dranbleibt. Und sich auch in der Freizeit herausfordert. Ein paar Mal schon fuhr sie 540 Kilometer von Trondheim nach Oslo mit dem Fahrrad. Und 2013 bestieg sie mit einem befreundeten Ehepaar den Kilimandscharo. Auf einer Route, die sogar für Sehende gefährlich sein kann. Verena Bentele ist eine Gipfelstürmerin.

Verena Bentele: Es gibt Parallelen zwischen Politik und Leistungssport

Sieht sie Parallelen zwischen dem Leistungssport und ihrer jetzigen Arbeit? „Man braucht für beides extrem viel Durchhaltevermögen und extrem viel Resilienz“, sagt sie. Man müsse beim Biathlon damit leben, dass man eben mal nicht gut schießt und eine Strafrunde laufen muss. „Und hier muss man damit leben, dass man in politischen Diskussionen zum Beispiel, wenn es eben um Gesetzgebungsverfahren geht zur Rentenpolitik oder zu anderen Dingen, eben mal nicht kriegt, was man so braucht oder was man für die Mitglieder gut findet.“ Danach gehe es aber trotzdem weiter. Sie habe „Ausdauer, Durchhaltevermögen und die Fähigkeit, aufzustehen, wenn man etwas nicht erreicht hat, weiterzumachen und nicht frustriert zu sein.“ Man brauche eine hohe Frustrationstoleranz, grinst sie. „Ansonsten sind sowohl politisch als auch sportliche Jobs fordernd.“

Verena Bentele hat eine Nachricht erhalten, sie hört sie über einen Kopfhörer ab. „Mit der neuen Technik ist alles viel einfacher für mich geworden“, sagt sie. „Ich kann Zeitung lesen übers Handy, ich kann alle Korrespondenz über E-Mails selber machen. Früher hätte ich jetzt irgendwelche Briefe ausdrucken und verschicken müssen. Das war schon viel aufwendiger.“ 

Mich stresst mein Beruf nicht, ich mache ihn mit Leidenschaft.

Verena Bentele

Dennoch sei es für viele Menschen mit Handicap nach wie vor nicht einfach, den Alltag zu meistern. Im Koalitionsvertrag versprechen die Regierungsparteien, dass Anstrengungen unternommen werden, private Anbieter zur Barrierefreiheit zu verpflichten. „Das wäre wirklich wichtig, denn das Leben der Menschen spielt sich nicht nur in Behörden ab.“ Es gehe um Bereiche der Daseins- und Gesundheitsvorsorge, aber auch um Restaurants, Kinos oder Geschäfte. „Dort ist es mit der Barrierefreiheit leider immer noch schwierig.“

Anderthalb Stunden sind vergangen, Verena Bentele hat sich viel Zeit genommen. Ihr Terminkalender ist voll. Sie wirkt dennoch gelassen. „Mich stresst mein Beruf nicht, ich mache ihn mit Leidenschaft“, sagt sie.

Wir verabschieden uns mit einem Handschlag. Ihrer ist wieder fest und entschlossen.