Vergangenen Winter war unter anderem der Bahnhof Moritzplatz an der U8 für Obdachlose offen. Solche Lösungen soll es in dieser Saison nicht mehr geben. Stattdessen ist in Kreuzberg eine zentrale Anlaufstelle für Wohnungslose geplant.
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Berlin-KreuzbergIn Berlin sind in diesem Jahr keine Bahnhöfe für Notübernachtungen Obdachloser vorgesehen. Das erfuhr die Berliner Zeitung am Mittwoch exklusiv aus der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales. Stattdessen wird es in Kreuzberg eine Warte- und Wärmehalle geben, in der wohnungslose Menschen übernachten können.

Die Unterkunft wird in Kooperation mit der Sozialgenossenschaft Karuna vom 15. November an öffnen. Sie soll in den Räumen des Sozialen Zentrums „Gitschiner 15“ in der Gitschiner Straße 15 der Evangelischen Kirchengemeinde Heilig Kreuz-Passion eingerichtet werden. Laut Sozialverwaltung handelt es sich um ein niedrigschwelliges Angebot für alle schutzsuchenden Menschen. Wohnungslose Menschen können sich dort aufhalten oder auch übernachten. Die Kapazität des Standorts sei nach den Erfahrungen der vergangenen Winter ausreichend, heißt es aus der Verwaltung. Man bleibe aber flexibel, es würden zudem keine Grenzen oder Hürden für die Aufnahmen festgelegt. Jeder sei willkommen.

Warte- und Wärmehallen für Obdachlose anstatt Kältebahnhöfe

„Die Senatsverwaltung und die BVG haben die Erfahrungen des vergangenen Jahres ausgewertet und wollen das Konzept der Warte- und Wärmehalle als Ersatz für die klassischen Kältebahnhöfe in diesem Winter in modifizierter Form fortführen“, begründet man die Entscheidung aus der Verwaltung, die U-Bahnhöfe der BVG nicht für Obdachlose zur Verfügung zu stellen. Noch im September hatte BVG-Chefin Sigrid Nikutta in New York angekündigt, dass auch in diesem Winter wieder zwei Bahnhöfe von der BVG für Wohnungslose bereitgestellt würden.

Die Warte- und Wärmehalle liegt zwischen den U-Bahnhöfen Hallesches Tor und Prinzenstraße in Kreuzberg. An diesen beiden Bahnhöfen sollen Obdachlose mit einem Leitsystem über das Angebot informiert werden. Zusätzlich wird Betreuungspersonal eingesetzt, das die Obdachlosen zu der Wärmehalle geleiten sollen. Vor Ort kümmern sich Sozialarbeiter um die Menschen.

Leitsystem und Betreuungspersonal soll über Angebot informieren

„Es ist unser gemeinsames Ziel, dass keine Obdachlosen in Bahnhöfen übernachten müssen“, sagte Alexander Fischer, Staatssekretär für Soziales, der Berliner Zeitung. Es sei die Gruppe von Obdachlosen, die die größte Hilfe bräuchte, sie aber am schwersten bekomme. „Wir wollen deshalb so viele betroffene Menschen wie möglich dazu bewegen, Notübernachtungen aufzusuchen“, betonte Fischer.

Daher soll versucht werden, die Obdachlosen davon zu überzeugen, die regulären Notunterkünfte aufzusuchen. Mehr als 1200 solcher Unterkünfte stehen in Berlin in diesem Winter zur Verfügung. Allerdings gelten dort Regeln: Es darf kein Alkohol getrunken werden, Drogen sind ebenso wie Hunde verboten. Diese Regularien zwingen viele Wohnungslose, die in besonders schwierigen Verhältnissen leben, auf der Straße zu bleiben und im Freien zu übernachten. In der Warte- und Wärmehalle soll es keine Aufnahmekriterien wie bei den regulären Unterkünften geben.

Kältebahnhöfe verursachten Unmut bei Anwohnern

Im vergangenen Jahr waren der Bahnhof Moritzplatz in Kreuzberg (U8) und der Bahnhof Lichtenberg (U5) für Obdachlose nachts offen. Die BVG hatte das zunächst verweigert, weil sie sich um die Sicherheit ihrer Fahrgäste sorgte. Es kam zum Streit zwischen der BVG und dem Senat. Nachdem Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) an die soziale Verantwortung des Landesbetriebs appelliert hatte, öffnete die BVG die beiden Bahnhöfe doch noch. Allerdings trieb das Thema die Stadt und die Politik weiter um. In manchen Nächten schliefen zum Beispiel am Bahnhof Moritzplatz bis zu 25 Menschen.

Anwohner beschwerten sich – wegen Müll, Scherben, Fäkalien und weil offensiv Drogen genommen wurden. Manche Fahrgäste mieden den Bahnhof deshalb. Anfang des Jahres hatte der Vorschlag Breitenbachs zu Irritationen geführt, Zeltstädte als neue Form der Unterbringung für eine begrenzte Zeit zuzulassen. Die Idee zerschlug sich allerdings schnell.

Die Kältehilfesaison startete bereits am 1. Oktober. Zu Beginn standen den obdachlosen Menschen 443 Plätze in Notübernachtungen und in Nachtcafés zur Verfügung. Bis Dezember soll die Zahl der Notübernachtungen weiter erhöht werden – auf insgesamt 1 162 Notschlafplätze bis Jahresende. Ziel ist, dass kein Mensch im Freien aufgrund von Kälte gesundheitlich Schaden nimmt oder sogar erfrieren muss.

Die Kältehilfe ist ein Sonderprogramm zur Bereitstellung von Notschlafplätzen während der kalten Jahreszeit zwischen November und März für Menschen, die Angebote der Regelversorgung nicht oder noch nicht in Anspruch nehmen. Das ist Aufgabe der Bezirke, die Senatsverwaltung unterstützt die Bezirke dabei jedoch.

Senat hat die Fördermittel für Obdachlose erheblich erhöht

Der Senat hat die Fördermittel für Projekte der Wohnungslosenhilfe von 2,9 Millionen Euro im Jahr 2015 auf inzwischen 8,3 Millionen Euro in diesem Jahr erhöht, um die Angebote entsprechend auszubauen.

Wie viele Obdachlose in Berlin leben, wird bisher nur geschätzt: Zwischen 6000 und 10.000 Menschen sollen es sein. Laut jüngsten Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) leben deutschlandweit 650.000 wohnungslose Menschen.

Damit die Senatsverwaltung endlich konkrete Zahlen für Berlin bekommt, findet am 29. Januar die Nacht der Solidarität statt. In dieser Nacht soll die Zahl der wohnungslosen Menschen in Berlin erfasst werden. 1600 freiwillige Helfer werden für diese Aktion noch gesucht. Die Ergebnisse sollen dazu beitragen, bessere und individuellere Hilfen anbieten zu können. Die Zählung soll regelmäßig erfolgen, um verlässliche Zahlen zu erhalten und damit das gesamte Hilfesystem passgenauer auszubauen.