Ein sowjetischer Panzer des Typs T-34 bei den Kämpfen in Berliner Stadtzentrum.
Foto: Planeta, Moskau 1989

BerlinDie größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg erleben wir mit der Corona-Pandemie, sagt die Kanzlerin. Welche Zustände herrschten damals in Berlin? Vor genau 75 Jahren, im Frühling unter blühenden Bäumen? ´´

Noch 2, 8 Millionen Berlinerinnen und Berliner saßen in 75 Millionen Kubikmetern Trümmer, dazu 800.000 Zwangsarbeiter. Wasser, Strom, Essen, Transport, Medizin – alles „runtergefahren“, wie man heute sagt. Wenn die Leute an die frische Luft gingen, dann kamen sie aus Kellern. Und dann trat ein, was zu fürchten man sie gelehrt hatte: Die Russen kamen. Artillerie- und Panzerbeschuss kündigten den Vormarsch mit Höllenlärm an.

Die Rote Armee traf auf  schwache reguläre Verteidiger der „Festung Berlin“: 41.000 verteidigungsbereite Männer, die Hälfte von ihnen gehörten zum Volkssturm - kaum ausgebildete Alte und 16- bis 18 Jährige. Durch Alarmierungen stieg die Zahl noch auf 94.000. Nur die Hälfte trug Waffen. Hinzu kamen geschlagene Resttruppen von der Schlacht um die Seelower Höhen und einige SS-Verbände.

Mit dem Fahrrad zum besten Abschusspunkt

Die Rote Armee hatte mit 2,5 Millionen Soldaten, 6250 Panzern und 42.000 Artilleriegeschützen ab dem 16. April die Oder überschritten. Etwa 1600 Panzer, darunter viele T-34, kamen im Häuserkampf zum Einsatz. Fanatisierte Hitlerjungen, ausgestattet mit der tragbaren und leicht zu bedienenden Panzerfaust, wurden zu einem der gefährlichsten Gegner.

Der Militärhistoriker Peter Lieb, dessen Buch „Die Schlacht um Berlin“ soeben erschienen ist, sieht diese Halbwüchsigen als „stark ideologisiert, auf der Suche nach Abenteuern“: „Die stürzten sich mit Todesverachtung in die Kämpfe", sagte der Wissenschaftler vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam. Wie viele waren das? Peter Lieb schätzt sie auf Tausende.

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Auch der westdeutsche Publizist Erich Kuby beschreibt  in seinem 1965 veröffentlichten Buch „Die Russen in Berlin 1945“, wie Hitlerjungen mit Panzerfäusten durch die Gegend radelten. Fanden sie eine Schussposition, drückten sie ab. Keine Statistik erfasst, wie viele sowjetische Soldaten durch fanatisierte Berliner Kinder und Jugendliche umgebracht wurden. Die Panzerbesatzungen schützten sich, in dem sie um den Gefechtsturm herum Metallzäune oder andere Abstandshalter montierten, die die Wucht der Panzerfaustexplosion  minderten.

Adolf Hitler, der in Berlin ausharrte, hatte die Parole ausgegeben: „Die Reichshauptstadt wird bis zum letzten Mann und bis zur letzten Patrone verteidigt.“ Er wähnte sich noch als Feldherr, der alsbald Wunderwaffen abschießen und Truppen zusammenziehen würde und fantasierte, die Wende werde kommen wie 1759 nach der Schlacht bei Kunersdorf, einem Dorf östlich der Oder.  Dort hatte Friedrich II. zwar die Bataille gegen Russen und Österreicher verloren, und doch den Siebenjährigen Krieg gewonnen, weil der Feind abzog. Das tat die Rote Armee nicht.

Frauen bauen Panzersperren

Die Hauptstadt des nationalsozialistischen Reiches umgaben drei  Verteidigungsringe. Der äußere zog sich im 40-Kilometer-Radius um das Stadtzentrum, der zweite umfasste die Vororte, der dritte entsprach etwa dem S-Bahnring. Hier arbeiteten Frauen sowie für den Volkssturm untaugliche Männer an Straßensperren und Panzergräben während die sowjetische Offensive bereits lief. 

Am 12. Januar 1945 hatte die Rote Armee  auf einer 1200 Kilometer breiten Front zwischen Ostsee und Karpaten ihren rasanten Vormarsch gestartet. Am 3. Februar erreichte sie nach etwa 600 Kilometern Weg die zugefrorene Oder. Jetzt warteten die erschöpften Truppen auf Nachschub. Berlin lag keine 80 Kilometer entfernt.

Auf dem Vormasch Richtung Berlin passiert ein T-34 eine Stadt. In Städten agieren Panzer grundsätzlich gemeinsam mit der Infanterie.
Foto: Planeta, Moskau 1989

Vor allem die T-34-Panzer machten das Durchqueren der polnischen Tiefebene in hohem Tempo möglich. "Der T-34 war schnell, geländegängig, verfügte über eine kräftige Kanone, eine ausreichend starke Panzerung und war von der Besatzung gut zu bedienen. Ein ausbalancierter, seinerzeit moderner Panzer", sagt Jens Wehner, Experte am Militärhistorischen Museum Dresden. Keine Wunderwaffe, eher der VW Golf der Roten Armee: zuverlässig und vor allem in gewaltigen Stückzahlen zu bauen. Montiert wurde er inbis zu sechs großen Traktoren- und anderen Fabriken. Die offene Landschaft zwischen Weichsel und Oder bot günstige Bedingungen für seinen Einsatz. In der Großstadt Berlin sollte das anders werden.

Optimismus vor dem letzten Kapitel des Großen Vaterländischen Krieges verbreitete der Reporter der Prawda am 22. April: „Nachdem wir viele Hügel, Seen und unzählige kleine Flüsse und Kanäle bei Seelow passiert hatten, malte man auf die Kanonenrohre: ,Wir feuern als erste auf Berlin!'" Der Chef eines Panzerkorps notierte: „Das ist sie, die Höhle des faschistischen Ungeheuers! Die Stadt, in der die hirnverbrannten Pläne zu Niederwerfung der Völker Europas geboren wurden. Der Panzer von Plechanow war der erste.“ 

Viele Berichte sowjetischer Soldaten finden sich in Walter Kempowski Großwerk „Echolot“: Rotarmist Pjotr Sebeljow schrieb am 25. April 1945 seinen Eltern: „Wir bewegen uns auf das Zentrum Berlins zu. Überall gibt es Schießereien, Feuer, Rauch. Die Soldaten laufen von Haus zu Haus, kämpfen sich über die Höfe vorwärts. Die Deutschen greifen unsere Panzer aus Fenstern und Türen heraus an. Aber unsere Panzerfahrer haben eine kluge Taktik gewählt: Sie fahren nicht über die Straßen, sondern auf den Bürgersteigen voran. Die einen schießen aus Kanonen und Maschinengewehren nach rechts, die anderen nach links, und die Deutschen laufen von Fenstern und Türen weg.“

Berlin brennt. Unter Tränen gehen auf den Straßen Frauen und Herren Richtung Osten. Wenn schon, sollen sie weinen, schließlich haben sie vier Jahre lang gelacht.

Alexei Saporoschez am 25. April 1945 in einem Brief an seine „liebe Dora“

„In der Stadt sind Panzer relativ blind, können nur gemeinsam mit de Infanterie vorgehen“, sagt Peter Lieb. In den nach dem Krieg vom sowjetischen Generalstab angestellten Analysen las er: „Die T-34 konnten mitunter die überall errichteten Straßensperren gut durchbrechen und Plätze sichern. Das half, die Stadt möglichst schnell zu erobern und die menschlichen Verluste gering zu halten.“ Gegen Ende des Krieges konnte die Sowjetarmee die Mannschaften nicht so leicht ersetzen wie zu Beginn, sagt der Militärhistoriker.

Ebenfalls am 25. April schrieb der Rotarmist Alexei Saporoschez an seine „liebe Dora“: „Berlin brennt. Unter Tränen gehen auf den Straßen Frauen und Herren Richtung Osten. Wenn schon, sollen sie weinen, schließlich haben sie vier Jahre lang gelacht.“

An der Tegeler  Brücke schoss Oberleutnant Fritz Radloff (1916-1989) auf übersetzende T-34 und hinterließ der Nachwelt diese Gefühle: „Bravo Treffer! Ein Panzer brennt! – Weiter, weiter!! Gruppen um Gruppen raus aus den Rohren! Wir müssen es schaffen! Der zweite Panzer brennt, die Besatzung steigt aus. Panzer um Panzer geht dem Feind verloren.“ Bei der Befreiung Berlins fielen nach offiziellen Angaben bei 80.000 Sowjetsoldaten, auf deutscher Seite lagen die Opferzahlen deutlich über 100.000. In der Euphorie des Sieges vergewaltigten sowjetische Soldaten Zehntausende Frauen.

30. April am Bradenburger Tor

Rotarmist Pjotr Sebeljow überlebte und beschrieb am 30. April die Lage: „Heruntergekommene, abgerissene, oft völlig erschöpfte Soldaten und Offiziere legen überall auf den Straßen und Plätzen die Waffen nieder und ergeben sich scharenweise als Gefangene unseren Truppen. Ich sehe gerade in dieser Minute, wie zwei Hitler-Offiziere mit ihrem gesenkten Banner und ohne Waffen vom Tiergarten-Park Richtung Brandenburger Tor gehen, in dessen Nähe ein Haufen deutschen Waffen liegt und sich deutsche Soldaten und Offiziere drängen.“

Genau dort, unweit vom Reichstag,  sollte auf Befehl der Roten Armee das erste sowjetische Ehrenmal  errichtet und bereits am 11. November 1945 eingeweiht werden. Den Zugang zum Ehrenmal im Tiergarten flankieren zwei T-34-Panzer und zwei Artilleriegeschütze, die in der Schlacht um Berlin im Einsatz waren. „Der Zweite Weltkrieg wird mit Panzern assoziiert“ sagt Peter Lieb.

Die Legende über die Exemplare im Tiergarten berichtet, es handele sich um die Panzer, die als erste die Berliner Stadtgrenze überschritten und die beiden Kanonen, die die letzten Salven vor der vollständigen deutschen Niederlage abfeuerten. Das ist nicht zu belegen“, sagt Peter Lieb, „ein typischer Mythos“.