Berlin - Die Grünen sind seit mehr als einem Jahr bei Umfragen stärkste Partei in Berlin. Das gilt bis heute, acht Monate vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus. Doch der Vorsprung bröckelt. Gut möglich, dass das mit Bettina Jarasch zu tun hat, die nur wenige kennen und als Spitzenkandidatin für das Amt der Regierenden Bürgermeisterin kaum wahrnehmen. Schon stellt sich die Frage nach einem Jarasch-Effekt, einem negativen allerdings.

Der berühmteste Effekt in der Berliner Landespolitik dieser Zeit ist der Giffey-Effekt. Lange bevor die frühere Neuköllner Bezirksbürgermeisterin und jetzige Bundesfamilienministerin zur Vorsitzenden und  Spitzenkandidatin gemacht wurde, baute die darbende Hauptstadt-SPD darauf, dass die Umfragekönigin mit ihrer Mischung aus Bekanntheit, Anpackgeist und Mutterwitz sie retten würde. Jetzt scheint Franziska Giffey so langsam zu liefern.

Jarasch redet selten im Parlament 

Bei einer Umfrage von Infratest Dimap kletterte die SPD vorige Woche von 15 Prozent im September 2020 auf 18 Prozent. Das ist genau jene Differenz, die die Grünen verloren (von 26 auf 23 Prozent). Alle anderen blieben weitgehend gleich. Das lenkt den Blick auf die Persönlichkeitswerte: Franziska Giffey wird nur vom scheidenden Amtsinhaber Michael Müller getoppt, der einen wundersamen Aufstieg vom verbraucht wirkenden Bürokraten zum geschätzten Corona-Manager auf Augenhöhe mit Schwergewichten wie Angela Merkel und Markus Söder hingelegt hat. Ganz am Ende der Skala steht Bettina Jarasch. Gerade einmal 24 Prozent der Befragten kennen sie überhaupt. Das liegt auch an ihrer Partei.

Bettina Jarasch sitzt im Berliner Abgeordnetenhaus in einer der hinteren Reihen. In Parlamentsdebatten tritt sie selten auf. Neben der sehr präsenten Fraktionsdoppelspitze Antje Kapek/Silke Gebel kommen bei den Grünen vor allem die Fachpolitiker zu Wort.

Da war es fast schon ein Aha-Moment, als der mittlerweile aus der AfD ausgeschlossene Abgeordnete Andreas Wild während einer Debatte vor einigen Wochen - es ging mal wieder um die überhaupt nicht im Saal befindliche, aber in der Berliner Politik omnipräsente Franziska Giffey - sagte: „Da ist mir ja Frau Jarasch lieber, die hat das Herz am rechten Fleck.“

Bettina Jarasch: Grüne Spitzenkandidatin nach einem Hinterzimmerdeal

Dieses Lob nützt Jarasch natürlich gar nichts. Aber sie hat nun einmal kein echtes Fachgebiet, das - zumal in Coronazeiten - gerade besonders gefragt wäre. Sie war Spezialistin für Integration, Flucht und (als engagierte Katholikin) Religionspolitik, als sie vorigen Herbst überraschend Spitzenkandidatin wurde. Damit hatten selbst die eigenen Gefolgsleute nicht gerechnet. Manche Grüne kritisierten den klassischen Hinterzimmerdeal.

Sie selbst sieht sich als Brückenbauerin - und muss im nächsten Moment erklären, dass sie weder eine Brücke zwischen zwei parteiinternen Lagern schlagen wolle („Nicht nötig, die Partei ist geeint“) noch zu möglichen Koalitionspartnern. Sie würde Rot-Rot-Grün gerne weiterführen - nur eben mit einem großen G vorne. Mit Schwarz-Grün in Berlin kann Jarasch nicht viel anfangen - schuld sei die hiesige CDU. Die Brücke wolle sie in die Stadtgesellschaft schlagen, in die vielen Gruppen und Initiativen mit „grünen“ Themen, sagt sie. Klimapolitik hält sie für das alles entscheidende Thema.

Die Grünen gehen mit einer Kompromisskandidatin ins Rennen

Also erkannte Jarasch in der von allen Spitzenpolitikern kritisierten Initiative „Volksentscheid Berlin autofrei“ zuletzt vor allem Rückenwind für die Grünen - ansonsten bleibt sie gerne im ausgewogen Ungefähren. Immer wieder muss sie auf Interviews von Franziska Giffey reagieren, die diese in großer Zahl führt. Beim Wahlkampfthema U-Bahnbau sieht Jarasch dann einen „Überbietungswettbewerb“ oder erkennt anders als Giffey in der Berliner Polizei Bedarf für mehr Antidiskriminierungsstellen.  

Jedenfalls stellt sich immer mehr die Frage, ob die Partei wirklich gut beraten war, Bettina Jarasch aufzustellen. Die Rechnung haben die beiden starken Frauen der Berliner Grünen aufgemacht: Wirtschaftssenatorin Ramona Pop - nach gängigem Muster Realpolitikerin - und Fraktionschefin Antje Kapek, durch ihre Kreuzberger Herkunft von jeher unter Fundamentalismusverdacht. Sie einigten sich auf eine, die nicht so stark polarisiert: auf Jarasch. 

Noch baut die Parteispitze darauf, dass die Rechnung aufgeht. Fragt man zum Beispiel Co-Fraktionschefin Silke Gebel, kriegt man vor allem beschwichtigende Antworten. „Das ist doch erst der Anfang. Wir haben noch Zeit bis zur Wahl.“ Das wird sich auch der eine oder andere Konkurrent sagen. Tatsächlich hat auch der CDU-Kandidat Kai Wegner ein Popularitätsproblem. Seine Werte sind kaum besser als die von Jarasch.