Eine Pflegekraft (l.) begleitet die Bewohnerin eines Seniorenheims beim Gang über den Flur.
Foto: dpa/Oliver Berg

BerlinIn Deutschland boomt die Leiharbeit in der Pflege. Immer mehr Alten- und Pflegekräfte entscheiden sich für eine Beschäftigung über eine Leiharbeitsfirma. Die Zahlen sind in den vergangenen Jahren bundesweit merklich gestiegen.

Waren 2014 noch rund 12 000 Leiharbeitnehmer in der Krankenpflege tätig, so waren es 2018 schon fast doppelt so viele (22 000). Auch in der Altenpflege stieg die Zahl der Leiharbeiter in den vergangenen fünf Jahren: von gut 8 000 auf 12 000 im Jahr 2018. Immer mehr Krankenhäuser können nur so die Versorgung überhaupt noch sicherstellen.

Bundesweit zwei Prozent Leiharbeiter – Berlin deutlich drüber

Während man im Bundesdurchschnitt zwar nur von rund zwei Prozent Zeitarbeitern in diesem Sektor spricht, sind es in Berlin deutlich mehr. In Spitzenzeiten kommen manche Schichten auf bis zu 30 Prozent Alten- und Krankenpfleger, die über Leiharbeitsfirmen angestellt sind. Der Durchschnitt liegt in Berlin bei fünf Prozent – und damit deutlich über dem Bundesmittel.

Viele Pflegekräfte fliehen quasi in solche Beschäftigungsverhältnisse. Aus einem nachvollziehbaren Grund: Sie finden bessere Bedingungen vor – vor allem wegen klarer geregelter Arbeitszeiten. So müssen sie zum Beispiel weniger Wochenend- oder Nachtschichten absolvieren. Zudem erhalten sie teilweise sogar höhere Löhne. Zeitarbeit ist für viele zu einer Alternative geworden, im Beruf zu bleiben und sich zugleich den schlechten Seiten in der Branche weitestgehend zu entziehen.

Doch diese Verschiebung zur Zeitarbeit in der Pflege gehe zulasten des festen Stammteams, sagt Judith Heepe. Sie ist Pflegedirektorin in der Charité-Universitätsmedizin und arbeitet täglich mit Pflegekräften zusammen, die als Zeitarbeiter angestellt sind. „Unser Beruf funktioniert in Teamarbeit. Er setzt Vertrauen, Verlässlichkeit und Einarbeitung voraus. Wie soll sowas entstehen, wenn jeden Tag jemand anderes kommt?“, sagt Heepe. Leiharbeit habe eine „zersetzende Wirkung auf das ganze Team“, kritisiert sie.

Für Patienten bedeutet Leiharbeit oft Qualitätsverlust

Das ist nur eine Seite. Auch die Patienten bekämen jeden Tag neue Mitarbeiter zu Gesicht – und zwar nicht nur im stationären Bereich, sondern auch im hoch spezialisierten Sektor, sagt die Pflegedirektorin. Man könne hier nicht mehr von Versorgungsqualität und Patientensicherheit sprechen, resümiert Heepe.

Marc Schreiner, Geschäftsführer der Berliner Krankenhausgesellschaft (BKG), fasst es noch dramatischer zusammen: Diese Situation sei ein „erhebliches Gefährdungspotenzial für die Patientensicherheit“. Bei allem Bemühen, so Schreiner, könnten sich die Kräfte nicht im Haus auskennen und übernähmen weniger Verantwortung – sei es organisatorisch oder in der Dokumentation. „Die Pflegeleistung entspricht nicht der Leistung einer Stammbelegschaft“, betont er.

So sieht es auch Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci. Die SPD-Politikerin hat deswegen am Montag ein umfangreiches Maßnahmenpaket vorgestellt, das Leiharbeit in der Pflege eindämmen soll. Es wurde gemeinsam mit den Akteuren aus der Branche entwickelt. Denn Kalayci sagt: „Leiharbeit in der Pflege ist ein Problem. Das verträgt sich nicht.“ Leasingfirmen würden gezielt insbesondere im intensivmedizinischen Bereich Pflegepersonal abwerben. „Pflege ist eine Mensch-zu-Mensch-Beziehung. Die ist bei kurzen Einsätzen der Leiharbeitskräfte schwer aufzubauen“, betonte die Senatorin.

Bundesratsinitiative ab 2020

Ein gemeinsam mit der Charité zu erstellendes Gutachten soll die Auswirkungen der Leiharbeit auf die Pflegequalität und die Versorgungssicherheit überprüfen. Darüber hinaus will Kalayci auch eine Bundesratsinitiative auf den Weg bringen, deren Ziel ein grundsätzliches Verbot von Leiharbeit im Pflege- und im Krankenhausbereich ist. Im kommenden Jahr soll die Initiative starten. Auch Schleswig-Holstein und Hamburg unterstützten die Initiative, so Kalayci. Vor einigen Wochen hatte auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gesagt, dass Leiharbeit in der Pflege eine Ausnahme sein solle und nicht zur Regel werden dürfe. Daher wolle man Anreize schaffen, Pflegekräfte anzustellen.

Am Montag meldete sich auch der Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen zu Wort: Ein Verbot von Zeitarbeit in der Pflege würde gravierend in die grundgesetzlich geschützte Berufsfreiheit der Pflegerinnen und Pfleger eingreifen, ebenso in die Berufsfreiheit der Arbeitgeber, hieß es. Zudem würde es die angespannte Lage in der Pflege massiv verschärfen.

Ein Teil der heutigen Zeitarbeitnehmer würde vielleicht gezwungenermaßen in Stammeinrichtungen wechseln und dort mit dem Gefühl des Zwangs, ohne jede Motivation tätig sein. Wahrscheinlicher sei es jedoch, dass diese Pflegekräfte den Beruf wechselten und der Pfleger am Ende gar nicht mehr zur Verfügung stehe.