Wohnungsnot: Eine Auslese aus 1600 Kommentaren unter einem Artikel

Nach einer Reportage über eine türkische Familie – zu viert auf 46 Quadratmetern – explodierten unsere Kommentarspalten. Was die Berliner so schreiben.

Frau Yilderim lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in Neukölln.
Frau Yilderim lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in Neukölln.Sebastian Wells/Ostkreuz

Nico erträgt „dieses Opfergesülze nicht mehr“. Es gebe genügend Deutsche, die eine größere Wohnung benötigten, schreibt er. Georg findet den Rassismus in der Debatte furchtbar. Theodora glaubt, Alleinerziehende hätten genauso schlechte Aussichten bei der Wohnungssuche wie Ausländer. Yvonne sagt, Vermieter wollten keine Hartz-IV-Empfänger. Und für Monika ist klar: „Das weiß doch jeder, dass hier die Wohnungen nicht auf Bäumen wachsen.“

Die Wohnungsnot beschäftigt die Berliner. Das haben wir gewusst, bevor wir begonnen haben, diese Not in der Berliner Zeitung anhand von Einzelbeispielen abzubilden. Uns hat interessiert, wie so etwas ganz konkret aussieht. Jede Woche erzählen wir deshalb von Menschen, die beengt leben, keine größere Wohnung finden, die suchen, dabei erfinderisch werden oder resignieren.

Als wir die Geschichte der türkischen Familie Yildirim aus Neukölln erzählten – die Yildirims leben zu viert auf 46 Quadratmetern –, zeigte sich: Die Berliner sind in dieser Lage des Mangels dünnhäutig geworden. Sie sind sauer, traurig und empört. Manche haben aufgegeben, andere machen ihre Mitmenschen verantwortlich dafür, dass sie selbst so beengt leben müssen und keine größere Wohnung finden.

Innerhalb kürzester Zeit ist die Kommentarspalte unter dem digital veröffentlichten Text quasi explodiert. 1600 Menschen äußerten sich allein in den ersten zwei Tagen. Schon diese Zahl hebt sich deutlich ab von dem, was zu unserer Berichterstattung sonst so angemerkt wird.

Manche der Bemerkungen sind rassistisch. Die Schreiber lästern über das Kopftuch der Protagonistin, sie behaupten, Ausländer seien schuld daran, dass es zu wenige Wohnungen gibt, und sie empfehlen der Familie die Heimreise in die Türkei, obwohl die Erwachsenen dort politisch verfolgt wurden. Es geht gegen Ausländer im Allgemeinen und auch gegen Ukrainer, obwohl sich der Text mit den jüngsten Kriegsflüchtlingen gar nicht beschäftigt hat.

Es gibt aber auch Widerspruch. Einer schreibt, ihm werde ganz schlecht, wenn er diese Kommentare lese. Die Deutschen hätten Rassismus wohl einfach in ihrem Blut. Anders könne er sich das nicht erklären. Eine Schreiberin sagt, sie fühle sich von den bösen Kommentaren angewidert.

Wohnungsnot Berlin: Dachmansarde ohne fließend Wasser

Interessant sind die Schilderungen dann, wenn die Schreibenden von ihrer eigenen Not erzählen. Eine Frau sucht mit ihrem Partner seit fünf Jahren. Sie leben zu zweit in 1,5 Zimmern auf 33 Quadratmetern – beide sind schwerbehindert. Andere sind zu dritt in einem Zimmer. Eine Frau mit zwei Kindern wird immer wieder vertröstet wegen einer größeren Wohnung. Es schreiben Menschen, die zu dritt, zu viert, zu sechst in kleinen Wohnungen zurechtkommen müssen. Eine Frau schildert sogar ein Leben mit drei Personen in einer Dachmansarde ohne eigenes Bad und ohne Küche. Nicht einmal Wasser gibt es.

Viele haben eine lange Leidensgeschichte und auch viel unternommen. Ohne Erfolg. So weiß einer zu berichten, in Berlin gebe es manchmal bis zu 1500 Bewerber auf eine Wohnung. Viele Vermieter würden ihre Wohnungsanzeigen nach der Veröffentlichung sofort wieder deaktivieren, weil sie innerhalb von Minuten mit Anfragen bombardiert würden. Ein Satz, der in der einen oder anderen Variante immer wieder fällt: Wer die Kohle nicht hat, der ist raus in Berlin.

Das Wohnungs-Problem ist nicht neu. Im Wahlkampf hat der Mangel zuletzt eine große Rolle gespielt. Nur passiert ist seitdem immer noch viel zu wenig.