Berlin - Die Hoffnungen sind groß, dass das dichte Netz der Arztpraxen bald Schwung in die Corona-Impfungen bringen kann. Doch es gibt Ärger – sei es wegen des Verwaltungsaufwandes oder der Impf-Priorisierung.

Wann sollen die Hausärzte denn nun starten?

Anvisiert war zunächst für Anfang April, dass die 75.000 Hausarztpraxen in Deutschland den Großteil der Impfungen übernehmen. Nun hat sich der Start auf Mitte April verschoben – auf diese Empfehlung einigten sich die Gesundheitsminister von Bund und Ländern. Begründet wurde dies damit, dass noch nicht genug Impfstoff für einen früheren Start zur Verfügung stehe. Eine endgültige Entscheidung steht allerdings noch aus. Die fällen Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Länderchefs, das nächste Mal tagen sie am 22. März. Die Kassenärztliche Vereinigung rechnet allerdings erst mit einem Impf-Start der Hausärzte im Mai.

Liegt es nur am fehlenden Impfstoff, dass sich alles verzögert?

Nein, es gibt wohl auch viele bürokratische Hürden. Bei der Konferenz der Gesundheitsminister ging es ebenso um Fragen, wie und vor allem welcher Impfstoff an die Praxen verteilt werden soll und wie sich vermeiden lässt, dass Impf-Willige Einladungen für die Impfzentren bekommen, obwohl sie bereits vom Hausarzt geimpft worden sind. Außerdem wird befürchtet, dass keine Daten mehr ans Robert-Koch-Institut weitergereicht werden und die Zuverlässigkeit der Corona-Statistik Schaden nimmt. In den Impfzentren ist dies dank vieler Mitarbeiter möglich. Für die Hausärzte sei der Aufwand zu groß, hieß es. Daher wurde ebenso darüber diskutiert, wie der Verwaltungsaufwand verringert werden könnte.

„Jetzt rächt sich mal wieder, dass seinerzeit zu spät und zu wenig Impfstoff bestellt wurde“, sagte Christine Aschenberg-Dugnus, gesundheitspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion im Bundestag, der Berliner Zeitung. „Dazu kommt: Die Bundesregierung hat immer noch kein Konzept, wie der Impfstoff verteilt wird – wenn er dann ausreichend geliefert wird. Auch die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte müssen sich darauf einstellen. Stattdessen werden großspurige Ankündigungen gemacht, die dann wieder verschoben werden.“

Wie viel wurde in Deutschland denn bisher geimpft?

Laut Robert-Koch-Institut wurden hierzulande bislang rund 8,4 Millionen Impfdosen verabreicht, die meisten davon in Nordrhein-Westfalen (1,7 Millionen). In Berlin wurden knapp 390.000 Dosen verimpft, das entspricht einer Impfquote von 6,9 Prozent (Erstimpfung). Komplett immunisiert sind in Deutschland 3,2 Prozent der Bevölkerung. Zum Vergleich: In Großbritannien sind 1,8 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft, in Israel 46,2 Prozent. Ab einer Impfquote von 60 bis 70 Prozent geht man von der sogenannten Herdenimmunität aus.

Wo wird zurzeit geimpft?

Nach wie vor in den 450 Impfzentren. Allein in Berlin gibt es sechs. Die Auslastung könnte allerdings besser sein. Mario Czaja, Präsident des Deutschen Roten Kreuzes (Betreiber der Impfzentren in Berlin), sagte der Berliner Zeitung: „Wir könnten in allen sechs Impfzentren täglich rund 20.000 Menschen impfen. Zurzeit sind es weniger als 10.000.“ Auch er nennt als Grund den limitierten Impfstoff. Rechnet er damit, dass bis September alle Menschen einen Piks erhalten haben, so wie es die Bundesregierung versprochen hat? Czaja: „Ja, sollten die versprochenen Impfstoffmengen wirklich in den nächsten Tagen ankommen, bin ich sehr zuversichtlich, dass bis Ende September alle geimpft sein können.“

Wie laufen die Modellprojekte an?

Sie laufen in einigen Bundesländern. Am Donnerstag haben in Berlin die Impfungen gegen das Coronavirus in ersten Arztpraxen begonnen. Das teilte die Kassenärztliche Vereinigung (KV) mit. Rund 100 Praxen sind für das Pilotprojekt ausgewählt worden. Sie laden eigene Patienten ein, die an einer chronischen Erkrankung leiden. Genutzt wird das Präparat von Astrazeneca. Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) hatte am Mittwoch getwittert, Berlin starte im Rahmen des Projekts mit 150 Praxen. „Für die Erstimpfungen stellen wir die 37.500 angeforderten Impfdosen bereit.“

Was sagen die Allgemeinmediziner über den verschobenen Termin?

Viele sind enttäuscht, weil sie längst in den Startlöchern stehen. Wolfgang Kreischer, Vorsitzender des Hausärzteverbandes Berlin/Brandenburg, sagte der Berliner Zeitung: „Wir stehen bereit, doch es gibt jeden Tag eine neue Hürde. Wir haben unsere Patienten jetzt erst einmal vertröstet.“ Allgemeinmediziner Erik Schulze: „Die Hausärzte dürften sich in überwältigender Mehrheit freuen, wenn sie endlich mit dem Impfen beginnen und einen noch aktiveren Beitrag zur Bekämpfung der Pandemie leisten könnten. Das ist unser tägliches Geschäft, wir kennen die Patienten, und sie vertrauen unserem Urteil.“ Daher werde es auch Zeit „für ein dezentrales Impfen, weil über 70 Prozent der Bevölkerung in keine Risikogruppe gehört“. Der Arzt: „Ohne diese Menschen zu impfen, wird ein schnelles Ende der Pandemie nicht herbeizuführen sein. Voraussetzung dafür ist allerdings die Bereitstellung von genügend Impfstoff. Dann kann auch die Priorisierung fallen, die von der Natur der Sache her mit hohem bürokratischen Aufwand verbunden ist.“

Was bedeutet das Impfen für die Praxen?  

Der Pankower Arzt Schulze: „Die Impfung ist mit einem erheblichen Aufwand verbunden: Aufklärung – bei mir in jedem Fall mit schriftlicher Einverständnis-Erklärung –, Dokumentationen sowie die Nachbeobachtung von mindestens einer halben Stunde im Wartebereich. Mehr als einen bis zwei Patienten pro Stunde, vielleicht acht pro Tag werde ich daher kaum impfen können. Daher sollte der bürokratische Aufwand für die Praxen so gering wie möglich gehalten werden. Anderswo – wie in den USA oder Israel – geht das ja offenbar auch.“ Unabdingbare Voraussetzung sei für ihn, dass das Land Berlin sämtliche Haftung für durch den Impfstoff entstehende Schäden übernimmt – exklusive Fahrlässigkeit seinerseits. „Des Weiteren benötige ich eine Bestätigung meiner Arzthaftpflicht, dass sie im Falle einer Nebenwirkung haftet. Andernfalls schicke ich meine Patienten zu den Impfzentren.“

Gesundheitspolitikerin Aschenberg-Dugnus plädierte dafür, die Prozedur für die Vereinbarung eines Impftermins insgesamt zu vereinfachen. „Bis jetzt muss sich jemand, der eine Vorerkrankung hat, das vom Facharzt bestätigen lassen, dann muss er sich einen Impftermin geben lassen und ein Impfzentrum aufsuchen. Es wäre doch viel besser, wenn gleich beim Facharzt geimpft werden könnte.“

Hat sich die Impf-Priorisierung bald überholt?

Zurzeit werden Personen der Priorisierungsgruppe 2 geimpft – dazu zählen Grundschullehrer, Ärzte, chronisch Kranke, Polizisten und Erzieher. Es könnte gut sein, dass die Priorisierung danach aufgehoben wird. „Die Priorisierung ist ein ethisches Prinzip, das sicherstellen soll, dass Höchstrisikogruppen zuerst berücksichtigt werden“, sagte Wolfram Henn, Ethikrat-Mitglied und Humangenetiker. „Jetzt geht es nicht darum, die Priorisierungen aufzuheben, sondern darum, sie zu individualisieren.“ Das, so Henn, sei ganz in Linie mit den Vorgaben aus der Ethik. Damit lasse sich sogar ein Qualitätsgewinn erreichen: „Die Hausärztin weiß im Zweifel einfach besser, ob der 69-jährige Lungenkranke einen höheren Impfstoffbedarf hat als der 71-jährige Marathonläufer.“

Henn sieht einen weiteren Vorteil: Mit dem Impfstart in den Praxen werde endlich eine Gruppe in den Fokus gerückt, die bislang vernachlässigt wurde: Ältere Menschen mit Vorerkrankungen, die nicht im Pflegeheim leben, aber gerade in den Flächenländern nicht ohne weiteres in ein Impfzentrum kommen könnten. Henn warb in diesem Zusammenhang für Vertrauen gegenüber den Medizinerinnen und Medizinern. „Man muss den Hausärzten genügend Spielraum lassen und darf nicht überkontrollieren. Ärzte haben ihre Berufsordnung, an die sie rechtlich gebunden sind, und außerdem gilt für sie der hippokratische Eid.“ Die Sorge, dass übrig gebliebene Impfdosen im Mülleimer landen könnten, teilt Wolfram Henn nicht. „Impfstoffrestmengen dürfen niemals weggeworfen werden, das ist klar. Aber man muss den Ärzten auch den Freiraum geben, übrig gebliebene Dosen innerhalb der Priorisierungsgruppe an andere Patienten zu verimpfen.“ In den Impfzenten geschehe das ja bereits.

Ist Astrazeneca weiterhin ein Ladenhüter?

Viele Menschen haben Vorbehalte gegen das Serum. In Dänemark wird es derzeit nicht verimpft, weil bei Patienten Blutgerinnsel im Körper auftraten. Norwegen und Italien haben die Impfung mit dem Serum ebenso gestoppt. Noch ist allerdings nicht zweifelsfrei geklärt, ob die Komplikationen wirklich im Zusammenhang mit der Impfung stehen.

Wie viele zusätzliche Dosen werden in der kommenden Zeit erwartet?

Regierungssprecher Steffen Seibert sagte am Mittwoch, dass die Zahl der gelieferten Impfdosen im zweiten Quartal deutlich steigen werde, im April auf fünf Millionen Dosen in der Woche. Im Juni könnten auch zehn Millionen erreicht werden. Das wäre mehr als die Menge, die seit Start der Impfkampagne Ende Dezember in Deutschland verimpft wurde. An diesem Donnerstag hat die EMA zudem die Zulassung des Johnson-&-Johnson-Vakzins in der EU empfohlen. Eine baldige Zustimmung durch die EU-Kommission gilt als Formsache. Damit kann der Impfstoff auch in Deutschland eingesetzt werden. Erste Lieferungen hat das Unternehmen für April angekündigt. Die EU-Kommission hat bereits Johnson-&-Johnson-Impfdosen für 200 Millionen Menschen bestellt. Davon würde Deutschland 36,7 Millionen erhalten.