Berlin - Da sitzt ein junger Mann vor Gericht, 29 Jahre alt – und erzählt von sich und seinen Obsessionen. Öffentlich. Er selbst sei gegen einen Ausschluss der Öffentlichkeit gewesen, wird später erklärt. Zuerst spricht er stockend und mit den Tränen kämpfend, bald flüssiger. Er berichtet davon, dass er nie Geschlechtsverkehr gehabt habe, aber lange schon Fantasien mit blonden, blauäugigen Jungen vor der Pubertät. Wenn er sich selbstbefriedigt habe, habe er sich solche Jungen vorgestellt.

Weil Michael N. seine Fantasien als Pfleger auf der Kinder-Intensivstation des Helios-Klinikums in Buch gewaltsam in die Tat umsetzte, muss jetzt das Landgericht über ihn richten. Am Donnerstag begann der Prozess. In einer von seinem Anwalt vorgetragenen Erklärung hat N. die ihm vorgeworfenen Taten gestanden. Er entschuldigte sich mehrfach für sie.

Während der Taten unter Medikamenteneinfluss

Demnach hat N. zwischen Juni und Dezember 2010 drei Kinder schwer sexuell missbraucht. Er hat die Szenen mit seinem Handy gefilmt. Drei Jungen – einer fünf, einer acht, einer neun Jahre alt. Sie lagen wegen Chlorgasvergiftung, Gehirnerschütterung und einem epileptischen Anfall auf der Intensivstation. Sie waren an Apparate angeschlossen, zum Teil stark betäubt und völlig hilflos, als sich N. an ihnen verging. Er war seit 2009 Krankenpfleger auf der Station, sie waren seine Patienten.

Nachdem ein Junge sich seinen Eltern offenbart hatte, wurde Michael N. am 17. Dezember 2010 in seiner Wohnung in Karow festgenommen und der Fall publik. In manchen Zeitungen wurde N. zur Sex-Bestie, zum Monster. Verängstigte Eltern klingelten Sturm im Krankenhaus. Mittlerweile wurden auf der Station Kameras installiert, neue Mitarbeiter müssen ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen.

Zumindest dieses Zeugnis hätte kein Opfer vor Michael N. schützen können, er war bis zu seiner Verhaftung ein unbeschriebenes Blatt. Für die Polizei. Er selbst habe schon lange unter seiner pädophilen Veranlagung gelitten und seinen Trieb mit Medikamenten zu bekämpfen versucht. So habe er über lange Zeit hinweg ein stark beruhigendes Schmerzmittel überdosiert, aber das Verlangen habe nicht aufgehört. Auch während der Taten habe er unter dem Einfluss von Medikamenten gestanden, sei dennoch regelrecht in „einen Rauschzustand“ gekommen, wie er sagt. Warum er das Arzneimittel weiter einnahm, wenn es doch offensichtlich nicht half, er doch aber sein Verlangen unterdrücken wollte, wird bei späterer Gelegenheit zu klären sein.

Drei Selbstmordversuche

Bis zur Tat habe er sich nie jemandem offenbart, sagt N. „Ich habe mein ganzes Leben lang gelogen. Alle sollten glauben, dass ich ein ganz normaler Mann bin. Irgendwann muss mit dieser Lügerei Schluss sein“, sagt er und redet sich regelrecht in Schwung. In seiner Wohnung fand die Polizei 639 Bilddateien mit kinderpornografischem Inhalt. Er habe auch damit gehandelt, heißt es.

Kurz nach der Festnahme unternahm Michael N. drei Selbstmordversuche, schnitt sich dabei auch einen Hoden ab. Seitdem ist er hüftabwärts gelähmt und sitzt im Rollstuhl. Wegen der schweren Verstümmelung erhielt er Haftverschonung. Er lebt jetzt bei seiner Mutter, die ihn pflegt. Ob die Lähmung anhalten wird, sei nicht absehbar. Ebenso, ob N. je wieder zu sexuellen Handlungen fähig sein wird. Darüber, was er für Fantasien hat, wenn er heute ein Kind sieht, sagt er nichts. Richter Uwe Nötzel wird ihn danach befragen müssen.

Nach den Worten von Verteidiger Ulrich Dost hat sich sein Mandant wegen seiner sexuellen Veranlagung vor seiner Verhaftung nicht in Therapie begeben, weil er das soziale Stigma fürchtete. Auch habe er sich selbst überschätzt. Er dachte, er habe sich im Griff. Merkwürdig nur, dass N. an anderer Stelle sagt: „Ich wusste: Wer einmal übergriffig wird, wird es auch ein zweites Mal, ein drittes Mal, ein viertes Mal… Ich wusste: Jetzt ist der Teufel nicht mehr im Zaum zu halten.“