Kitas kurz vor dem Ausnahmezustand: „Teufelskreis aus Krankheit und Überarbeitung“

Laut einem Personalratsvorsitzenden fehlt in Kitas teils die Hälfte der Angestellten. Der Senat spricht von weniger als acht Prozent. Weiß man es nicht besser?

Eine Erzieherin schaut mit einem Kind in der Kita ein Bilderbuch an. Sich für einzelne Kinder Zeit zu nehmen, wird aufgrund des Personalmangels immer schwieriger.
Eine Erzieherin schaut mit einem Kind in der Kita ein Bilderbuch an. Sich für einzelne Kinder Zeit zu nehmen, wird aufgrund des Personalmangels immer schwieriger.dpa/ Sebastian Gollnow

Die Personalsituation in Berlins Kitas spitzt sich weiter zu. Bereits im Oktober und November mussten weit überdurchschnittlich viele Kindertagesstätten ihre Öffnungszeiten verkürzen. In über 230 Kitas waren die Personalausfälle so dramatisch, dass sie der SPD-geführten Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie als „besonderes Vorkommnis“ gemeldet wurden. Das sind ungefähr dreimal so viele wie in den vergangenen drei Jahren. Eine Friedenauer Kita sah sich aufgrund des Personalmangels gezwungen, zum Januar zu schließen, über zwanzig unter Dreijährige werden ihren Krippenplatz verlieren. Angesichts der sich auftürmenden Erkältungswelle dürfte sich der Personalmangel im Dezember noch einmal verschärfen.

Umso verwunderlicher sind die Zahlen, die die Senatsverwaltung nun als Antwort auf eine parlamentarische Anfrage des CDU-Abgeordneten Roman Simon herausgab: Gut 92 Prozent der Beschäftigten im Kita-Bereich seien „aktiv tätig“. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) reagierte umgehend auf die genannten Zahlen: „Wenn man den Beschäftigten sagen würde, dass durchschnittlich 92 Prozent doch aktiv sind, würden sich die Beschäftigten stark wundern. Die Realität ist eine ganz andere“, schreibt Christiane Weißhoff, Kita-Expertin der GEW, in einer Pressemitteilung. Die Antwort der Senatsverwaltung auf die parlamentarische Anfrage liegt der Berliner Zeitung vor.

Der Winter hat gerade erst begonnen

Grund für die Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung der Angestellten im Kita-Bereich und den Zahlen der Senatsverwaltung ist wohl, dass letztere die Anfrage in einer Weise beantwortete, die die aktuelle Situation nicht wiedergibt. Anfragensteller Roman Simon bat explizit um eine Aufschlüsselung der Fehltage, die der Senatsverwaltung gemeldet wurden. Herausgegeben wurden jedoch Zahlen über „Beschäftigungsverbote und Mutterschutz, Elternzeiten und Langzeiterkrankungen von mindestens sechs Wochen“. Das Problem: Entweder hat der Senat keinen Überblick, wie viele Ausfälle es aktuell tatsächlich gibt, oder er möchte nicht, dass die Bevölkerung es erfährt. Und dabei hat der Winter gerade erst begonnen.

Cem Erkisi ist Personalratsvorsitzender der Kindertagesstätten Süd-Ost und im GEW-Landesvorstand tätig. Er hat den Überblick über die Ausfälle in 44 Kitas in Neukölln und Treptow-Köpenick, die zum Eigenbetrieb Süd-Ost gehören und spricht von einer absoluten Ausnahmesituation: „Fast die Hälfte des Personals fehlt, denn im Moment kommt einfach alles zusammen. Ein geschwächtes Immunsystem durch die Corona-Zeit und folglich zahllose Krankheitsfälle – aber auch viel Erschöpfung und Überarbeitung.“

Im August, so Erkisi im Gespräch mit dieser Zeitung, habe „der Teufelskreis aus Erkrankungen und Überarbeitung begonnen“. Und weiter: „Ich weiß von den anderen vier Eigenbetrieben der Stadt, dass die Situation dort ähnlich ist.“ Bildungsarbeit könne man sowieso so gut wie nicht mehr leisten, es gehe allein darum, eine Aufsicht zu gewährleisten. Erkisi richtet auch einen Appell an die Arbeitgeber Berlins: „Unser großer Wunsch an Arbeitgeber der Stadt ist, dass ermöglicht wird, Arbeitszeiten so anzupassen, dass eine Kita-Betreuung von 8 bis 16 Uhr ausreicht.“ Eine Betreuung von 6 bis 18 Uhr sei, wenn sich die Ausfallzahlen weiter so dramatisch entwickeln, nicht mehr machbar.


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