Etwa zehn Zentimeter lang ist dieser verrostete Dorn, den Torsten Dressler zum Gespräch auf dem früheren Grenzstreifen in Glienicke/Nordbahn mitgebracht hat. Es ist eines der Fundstücke, die den Archäologen bei seinen Ausgrabungen entlang der Berliner Mauer am meisten beeindruckt haben. „Weil dieser Dorn die Brutalität und Unmenschlichkeit der Mauer besonders deutlich macht“, sagt Dressler. Ihn erinnere diese Konstruktion aus Metalldornen an ein Folterinstrument aus dem Mittelalter. „Direkt an der Hinterlandmauer sollten Flüchtlinge geradezu aufgespießt werden.“

Entlang der Berliner Mauer gab es mehr als 60.000 solcher Gittermatten

Hunderte solcher spitzen Metallstücke ließ man in der DDR nach dem Mauerbau auf Stahlgitter schweißen, sodass an beiden Seiten ein je fünf Zentimeter langes Metallstück nach oben ragte. So entstand ein Stachelbett, das die Grenztruppen der DDR entlang der Berliner Mauer ausgelegt haben, meist in sumpfigen Gebieten, an Flüssen und Gräben. Dicht unter der Wasseroberfläche, also kaum zu erkennen. Wer über die Mauer nach West-Berlin floh und in diese Gitter sprang oder trat, verletzte sich schwer. Selbst wer Schuhe mit Stahlsohle trug, konnte auf den Gittermatten schlecht laufen, stürzte und verletzte sich an Händen und Knien.

In Ost- und West-Berlin gab es verschiedene Namen für das perfide Hindernis. Flächensperren und GV-Matten sagten die Grenztruppen. GV war die Abkürzung für Grenzverletzer. Im Westen hieß das Stachelbett Stalinrasen. Mehr als 60.000 solcher Gittermatten gab es entlang der Berliner Mauer, sagt Dressler. Wie viele Menschen sich daran schwer verletzten oder gar verblutet sind, wurde offiziell nicht dokumentiert.

Wegen der vielen Fluchtversuche legten Grenztruppen die Matten aus

In den 70er-Jahren forderte die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) die DDR auf, die Gittermatten abzubauen. Die Regierung tat das allerdings nur in der Innenstadt und entfernte dort nur die sichtbaren Matten.

Torsten Dressler hat im Jahr 2015 in den Eichwerder Moorwiesen von Glienicke zehn solche Gittermatten gefunden. Dort verlief früher die Berliner Mauer. In den 60er-Jahren gab es in dieser Gegend besonders viele Fluchtversuche. Wohl deswegen legten die Grenztruppen dort die Gittermatten aus, ebenso am Ufer der Havel bei Saacrow und in der Heidelberger Straße zwischen den Bezirken Treptow und Neukölln. Eines der übrig gebliebenen Exemplare der Grenzanlage zeigt die Stiftung Berliner Mauer in der Dokumentation an der Bernauer Straße.

Am Berliner Mauerweg gibt es eine Ausstellung zu den DDR-Stahlgittermatten

Wie gefährlich diese Konstruktion ist, hat Torsten Dressler selbst miterlebt. Als er mit Kollegen die verrosteten Gittermatten aus dem Moor gezogen hat, verletzte sich ein Arbeiter. „Das war wie eine Bärenfalle“, sagt er. Einige der geborgenen Gittermatten sind im Kreismuseum Oranienburg ausgestellt.

Andere Teile liegen gleich in der Nähe des Fundortes in Glienicke, direkt am Berliner Mauerweg, auf Höhe der Jungbornstraße. Dort gibt es jetzt eine kleine Dauerausstellung zu den DDR-Stahlgittermatten. Spaziergänger, Radfahrer und Nachbarn bleiben stehen. Und Torsten Dressler ist froh, dass die Fundstücke an historischer Stelle ausgestellt sind. „Diese Matten sind in ihrer Aussagekraft sehr deutlich“, sagt er.