Berlin - Er sorgte in den vergangenen Jahren für Diskussionsstoff mit seinen Studien über die wachsende soziale Spaltung in Deutschland. Der Sozialwissenschaftler Marcel Helbig arbeitet im Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), einem großen Neorenaissance-Bau am Reichpietschufer 50, einst Sitz des Reichsversicherungsamts. 1988 zog hier das WZB ein. Mit seinen modernen, pastellfarbenen Anbauten im Stil einer Bastei ist es schon von weitem sichtbar. Ein Teil ist eingerüstet. Hier entstehen weitere Geschosse.

Marcel Helbig ist 1,96 Meter groß und wirkt sehr jugendlich für einen Professor. Wir sitzen in einer Loggia mit Blick auf den Landwehrkanal. Marcel Helbig redet schnell, mit leichter thüringischer Sprachfärbung, was auf seine Herkunft hinweist. Geboren wurde er 1980 in Erfurt. Zu seinem Forschungsthema „Bildung und soziale Ungleichheit“ sei er eher durch Zufall gekommen, erzählt er. Aber wenn man ihm eine Weile zuhört, merkt man, dass es durchaus viel mit seinem eigenen Leben zu tun hat.

Eigentlich habe er nie studieren wollen, sagt er. Seine Eltern stammen aus der Arbeiterschicht. Wirklichen Bildungs-Ehrgeiz entwickelte er – wie viele Jungen – erst spät. Helbig lernte am Erfurter Gutenberg-Gymnasium, genau an jener Schule, an der 2002, zwei Jahre nach seinem Abitur, der ehemalige Schüler Robert Steinhäuser während eines Amoklaufs sechzehn Menschen tötete und dann sich selbst.

Der „Amoklauf von Erfurt“ – ein Schock fürs ganze Land – ließ auch Helbig über manches nachdenken, was den persönlichen Weg und sein Umfeld betrifft.

Sozialwissenschaftler Marcel Helbig: Privatschulen seien ein Symptom für die sich spaltende Gesellschaft 

Auch wenn sich vieles nicht zwangsläufig ergab – das Bachelorstudium für Sozialwissenschaften in Erfurt, der Master an der Humboldt-Universität (HU) Berlin, der Wechsel ans WZB als wissenschaftlicher Mitarbeiter, die Professur –, so hat Helbig am Ende doch genau das Thema gefunden, das ihn bewegt und antreibt. Das merkt man daran, wie engagiert er darüber spricht.

„Je mehr ich über Bildung gelesen habe, desto klarer wurde mir, wie unglaublich ungerecht das deutsche Bildungssystem ist“, sagt er. Es seien die Strukturen der Gesellschaft und des Bildungswesens, die sozial ungleiche Chancen vermittelten. Einen Beleg dafür lieferten Marcel Helbig und der Bildungsjurist Michael Wrase Ende 2016 mit einer aufsehenerregenden Studie über Privatschulen. „Die Privatschulen sind mittlerweile ein Symptom für die sich spaltende Gesellschaft“, sagt Helbig. „Besonders im Osten werden sie vor allem von Akademikerkindern besucht.“ Kinder von Eltern ohne Berufsabschluss seien eine Ausnahmeerscheinung.

Den Bundesländern stellten Helbig und Wrase ein schlechtes Zeugnis aus. Ihr Urteil: Nahezu alle – bis auf Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen – verstießen mit ihrer Bildungspolitik und Verwaltungspraxis permanent gegen das Grundgesetz, dem zufolge es im Bildungssystem keine „Sonderung nach den Besitzverhältnissen der Eltern“ geben dürfe. 

So gebe es fast nirgendwo die klare Ansage an die Privatschulen, dass Transferleistungsempfänger kein Schulgeld zahlen dürften oder dass es eine soziale Staffelung der Schulgelder geben müsse. Eine zweite Studie, die Marcel Helbig mit seiner Kollegin Stefanie Jähnen im vergangenen Jahr vorstellte, ging noch tiefer in die Strukturen. Sie zeigte am Beispiel von 74 deutschen Städten, wie dort die soziale Spaltung voranschreitet. „In etwa 80 Prozent der Städte konzentrieren sich die Menschen, die Grundsicherung beziehen, zunehmend in bestimmten Stadtteilen.

Studie von Marcel Helbig: Menschen ohne deutschen Pass landeten vor allem in den ärmsten Stadtvierteln 

Besorgniserregend ist der Befund mit Blick auf arme Kinder“, sagt Helbig. „In über 30 Städten finden sich Stadtteile, in denen mehr als jedes zweite Kind arm ist.“ 2017 lagen neun der zehn Städte mit der stärksten räumlichen Trennung von Arm und Reich in den neuen Bundesländern.

Beispiele dafür sind Schwerin, Potsdam, Erfurt, Halle, Weimar und Rostock. „Über die soziale Spaltung werden auch die Bildungschancen gesteuert“, sagt Helbig. Besonders kritisch sieht Helbig „das Wirken privater Grundschulen in städtischen Räumen“. Hier beginne die Differenzierung bereits bei den kleinen Kindern.

Aber nicht nur Ost und West sind laut Helbig drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall tief gespalten. Die Kluft bestehe auch zwischen Nord und Süd, wie eine Nachfolgestudie Helbigs aus diesem Jahr zeigte. Diese sei von der Öffentlichkeit kaum registriert worden, stellt der Soziologe verwundert fest. Dabei passe sie genau in die aktuelle Debatte. Aber vielleicht sei genau das der Grund für das Schweigen der Medien.

In der Studie hatten die WZB-Forscher 86 Städte daraufhin untersucht, wie sich Zuwanderer im Zeitraum von 2014 bis 2017 räumlich verteilten. Dabei sei es nicht nur um Asylbewerber gegangen, sondern auch um viele andere, die zum Beispiel aus Osteuropa wegen der Arbeit nach Deutschland gekommen seien.

Die Forscher stellten fest: Menschen ohne deutschen Pass seien vor allem in den ärmsten Stadtvierteln gelandet. Besonders stark sei das im Osten ausgeprägt, wo es in einigen Städten einen hohen Leerstand an billigen Wohnungen in den sozial benachteiligten Stadtteilen gebe, aber auch im Ruhrgebiet und dem Nordwesten Deutschlands. „Die Folge ist, dass die ärmsten Städte in ihren ärmsten Gebieten die Last der Integration tragen müssen“, sagt Helbig.

Marcel Helbig: Warum haben wir so wenige Ostdeutsche in der ostdeutschen Elite?“ 

Man spürt, dass Helbig mit seinen Studien Debatten auslösen will. Und zwar Debatten, die sich um die „großen, zentralen Probleme des Landes“ drehen. Diese sieht Helbig nicht in einer angeblichen Überfremdung durch Migration. Er sieht sie in der sozialen Ungleichheit, der Spaltung der Vermögen und Einkommen.

Und auch in der „Meritokratie“, deren Mantra es sei, „dass die Erfolgreichen deshalb erfolgreich sind, weil sie sich mehr anstrengen oder mehr leisten als die weniger Erfolgreichen“. Diese Rechtfertigung sozialer Ungleichheiten verschleiere aber deren strukturelle Ursachen.

Der Arbeitersohn aus Erfurt schaffte das, was viele andere nicht schaffen. Er ist seit 2015 Professor, pendelt wöchentlich zwischen dem WZB in Berlin und Erfurt, wo er mit Frau und zwei Kindern lebt und auch an der Uni lehrt. Erst jüngst stellte Helbig den Thüringer Sozialstrukturatlas vor, der unter anderem zeigt, dass hier im Jahre 2030 etwa 60 Menschen im Alter von über 65 Jahren etwa 100 Erwerbstätigen gegenüberstehen werden. „Thüringen und weite Teile Ostdeutschlands werden Japan beim Altenquotienten überholen“, sagt er.

Eine Frage treibt den Sozialwissenschaftler besonders um: „Warum haben wir so wenige Ostdeutsche in der ostdeutschen Elite?“ Und das noch immer, dreißig Jahre nach dem Fall der Mauer. „Ich würde gerne verstehen, warum das so ist.“