Berliner Wirtschaft: Ihr müsst jetzt in den See springen, um Gas zu sparen

Die IHK Berlin fordert die Schließung von Schwimmbädern. Politik und Sportverbände halten dagegen – doch der Druck wächst

Warten vor dem Sommerbad Neukölln am Columbiadamm
Warten vor dem Sommerbad Neukölln am Columbiadammdpa/Paul Zinken

Das Gas aus Russland ist weiter ein knappes Gut. Und niemand weiß, wie viel wie lange überhaupt noch zuverlässig geliefert wird. Das führt zu Streit um Priorisierungen: Wem soll zuerst der Gashahn zugedreht werden, wer wird bis zuletzt versorgt? In Berlin gibt es jetzt Streit über einen Vorschlag aus der Wirtschaft, Schwimmbäder zu schließen. Die Antworten kamen prompt.

Angesichts einer drohenden Gasknappheit muss es aus Sicht der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) aktuell mehr Einsparungen geben. „Wir müssten eigentlich die Schwimmbäder schließen und den Leuten sagen: Ihr müsst jetzt in den See springen, um Gas zu sparen“, sagte IHK-Hauptgeschäftsführer Jan Eder am Montag im RBB-Inforadio.

Vom Senat forderte er ein Konzept, das der Industrie hilft. Wichtig seien „Überbrückung und Unterstützung“. Vor allem müsse die Rechtslage geändert werden, sodass eher generell mehr Energie eingespart werden könne, statt Betriebe abzuschalten. So habe jedes Unternehmen eine Chance, auf dem Markt zu bleiben.

In der Berliner Industrie sind laut IHK etwa 50.000 Arbeitsplätze – rund die Hälfte des verarbeitenden Gewerbes – von der Gasversorgung abhängig. Besonders gefährdet seien die Branchen Chemie/Pharma sowie Lebensmittel, aber auch Metall, Glas und Kunststoff sowie Papier und Zellstoff.

Wenn diese Branchen schärfer vom Liefermangel betroffen wären, seien die Folgen immens, so Eder. „Was für die Wirtschaft und aus Sicht der IHK in Berlin vermieden werden muss, sind die angekündigten Abschaltkaskaden“, sagte er mit Blick auf die Belieferung nach Prioritäten, wie sie das Energiesicherheitsgesetz vorsieht. „Was nützt es, wenn mein Badezimmer nach wie vor mollig warm ist, ich aber meinen Arbeitsplatz verloren habe?“, sagte Eder.

Im Gespräch mit der Berliner Zeitung griff Eder am Montag den Satz von Bundeskanzler Olaf Scholz („You’ll never walk alone“) auf und sagte: „You’ll never safe alone.“ Soll heißen: „Jeder muss einen Beitrag leisten.“

Olaf Scholz (Kanzler): „You’ll never walk alone!“ – Jan Eder (IHK): „You’ll never safe alone!“

Kurz und knapp fällt Stefan Försters Reaktion auf die Bäder-Debatte aus: „Das ist ziemlicher Schwachsinn und deswegen vollkommen abzulehnen“, sagte der sportpolitische Sprecher der FDP-Fraktion in einem Gespräch mit der Berliner Zeitung. Gerade in der Zeit nach Corona, als auch die Schwimmbäder geschlossen waren, würden die Bäder gebraucht.

Förster ist dieser Tage mit einer Delegation Berliner Sportpolitiker in Barcelona unterwegs, der Olympiastadt von 1992. Mit in Försters Bus in der katalanischen Metropole saß am Montag auch Thomas Härtel, Präsident des Landessportbunds (LSB) Berlin. Auch er hält Eders Vorstoß für „zu kurz und zu schnell gedacht“, wie er der Berliner Zeitung am Telefon sagte.

Man wisse um die gemeinschaftliche Verantwortung beim Energiesparen, sagt Härtel. Und man wisse auch, dass Bäder und auch Sporthallen viel Energie verbrauchten. Dennoch hätte eine Schließung zahlreiche nachhaltig negative Auswirkungen, ein Zusperren sei „gesellschaftlich nicht verantwortbar“. Denn: „Schwimmen ist eine Grundfertigkeit“, so Härtel.

„Insbesondere für die Schwimmausbildung wäre das erneute Schließen eine Katastrophe“, sagt auch Ute Vogt, Präsidentin der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG). Bereits vor der Pandemie hätten viele Kinder nicht richtig schwimmen gelernt, und in den vergangenen beiden Jahren habe kaum Schwimmausbildung stattfinden können. Dabei gelte der Grundsatz: Alle Schülerinnen und Schüler sollen am Ende der Grundschule sichere Schwimmer sein.

Berliner Bäderbetriebe: Temperatur in Schwimmbädern ist bereits um zwei Grad niedriger

Angesichts solch massiver Rückendeckung kann Matthias Oloew von den landeseigenen Berliner Bäderbetrieben (BBB) relativ gelassen bleiben. Man nehme den Vorstoß aus der Wirtschaft zur Kenntnis, so Oloew. Und er erinnert daran, dass die BBB bereits im Mai die Temperatur in ihren Bädern pauschal um rund zwei Grad Celsius gesenkt haben. Dank des warmen Sommers habe es deswegen kaum Klagen von Kunden gegeben.

Doch wie geht es jetzt weiter? Nach Aussage ihres Sprechers warten die Bäderbetriebe jetzt auf eine Aussage des Senats. Dieser müsse entscheiden, wie mit den Bädern umzugehen sei. „Es laufen Gespräche“, sagt Oloew. Genauer werden wollte er dazu nicht.

Von der Senatsportverwaltung gibt es zunächst Zuspruch. Natürlich müsse auch in den Bädern ein Beitrag geleistet werden, heißt es auf Anfrage aus der Verwaltung. „Die pauschale Aussage des IHK-Geschäftsführers greift jedoch zu kurz“, sagt Sprecherin Sabine Beikler. Im Übrigen gelte auch für Bäder, dass ein Mindestbetrieb selbst bei Nichtnutzung zwingend sei, um für den Erhalt der Gebäude und Anlagen Sorge zu tragen.

Chef der Bundesnetzagentur: Schwimmbäder gehören nicht zum kritischen Bereich, genau wie die Produktion von Schokoladenkeksen

So oder so – die Gespräche über die Bäder werden nicht die letzten bleiben. So wie der Vorstoß von IHK-Hauptgeschäftsführer Eder nicht der erste war, in dem eine Bäderschließung gefordert wurde. Bereits im Mai sagte Klaus Müller, Chef der Bundesnetzagentur, voraus, was in Zeiten einer Gasmangellage geschehe: „Das Leben ist dann nicht mehr fröhlich und locker, und deshalb bin ich sicher, dass solche Eingriffe auf Verständnis stoßen würden.“

Für Müller heiße das unter anderem: Bäder schließen! Denn: „Wenn es zur Notlage kommt, ist es einleuchtend, zunächst im Freizeitbereich einzugreifen, bevor wir Industriebetriebe reduzieren oder abschalten, an denen ja viele Arbeitsplätze und auch wichtige Produkte hängen.“

In einem Interview im Juli äußerte sich Müller zur Frage nach Bereichen, bei denen zuerst der Gashahn zugedreht werden könnte. Er sprach von „Produkten und Angeboten, die in den Freizeit- und Wohlfühlbereich“ fielen. „Schwimmbäder gehören wohl nicht zum kritischen Bereich, genauso wie die Produktion von Schokoladenkeksen.“