Rom - Er will es noch einmal wissen. Einer wie er gibt nicht einfach auf. „Ich will meinen Verrätern ins Gesicht sehen“, versichert Silvio Berlusconi, lieber wolle er „das Schicksal Caesars teilen“ und im Plenarsaal „sterben“. Etwas Pathos und Schwulst muss sein in der italienischen Politik. Seinen Getreuen aber ist an diesem Dienstagnachmittag, einen Tag vor der erneuten Abstimmung des Rechenschaftsberichts für das Jahr 2010, längst klar, was der 75-Jährige nicht einsehen mag, vielleicht auch gar nicht mehr einsehen kann: Seine Regierung ist am Ende, seine politische Karriere auch. Diese Realität leugnet er.

„8 Verräter“ wird er 24 Stunden später auf einen Zettel schreiben. Mit versteinertem Gesicht nimmt Italiens Regierungschef das Ergebnis zur Kenntnis. Draußen entlädt sich ein schweres Unwetter über der Hauptstadt. Es wird zum Menetekel für den Premier und Italien. Silvio Berlusconi hat gewonnen, aber es ist ein Pyrrhussieg.

Mit 308 Ja-Stimmen passiert die Vorlage dieses Mal, doch liegt er damit weit unter der absoluten Mehrheit von 316. Es ist ein Debakel. Pier Luigi Bersani, Chef der Demokraten, fordert erneut seinen Rücktritt. Er stellt fest, die Regierung habe keine Mehrheit mehr im Abgeordnetenhaus. Und an Berlusconi gewandt fügte er hinzu: „So kann es nicht weitergehen. Sie müssen zurücktreten.“

Die Opposition hat, zusammen mit den abtrünnigen Berlusconi-Parteigängern, obwohl anwesend, nicht teilgenommen an der Abstimmung. Das ist ein riskantes, sehr römisches Spiel. Man will sich nicht dem Vorwurf aussetzen, dass man den Bericht endgültig habe durchfallen lassen. Denn dann wären die Staatskassen nicht mehr zahlungsfähig. Aber die Opposition hofft dennoch, Berlusconi so vorführen zu können, dass er aufgeben muss.

Erst Gesetz, dann Rücktritt

Der denkt zu diesem Zeitpunkt aber nicht daran. Vorläufig zumindest. Er zieht sich erneut zu Beratungen zurück, ehe er am Abend den unvermeidlichen Gang zum Staatspräsidenten antritt. Zu einem „Gespräch“, nicht um zurückzutreten, wie sein Umfeld versichert.

Eine knappe Stunde dauert es, die Ungewissheit hält an. Dann aber kommt, was ohnehin nicht mehr zu vermeiden ist. Der Ministerpräsident sei sich der Bedeutung der Abstimmung bewusst, wird der Quirinale, der Präsidentenpalast, schriftlich verbreiten lassen.

Ehe er sein Amt zurückgebe, wolle er jedoch noch die Erwartungen der europäischen Partner erfüllen und die Sparmaßnahmen auf den Weg bringen, sagt Berlusconi. Er kündigt also einen Rücktritt auf Raten an, einen schrittweisen Auszug. Die Lösung trägt eindeutig die Handschrift von Giorgio Napolitano. Seit Wochen mahnt er, dass die Regierung ihre Verpflichtungen gegenüber der EU erfüllen müsse. Die hat, wie an diesem Schicksalstag bekannt wird, sogar zusätzliche Sparanstrengungen verlangt.

Wie es nun weitergehen wird in Rom, ist trotzdem offen. Bis zum 15. November soll das Stabilitätsgesetz den Senat passiert haben, danach muss es noch in die Abgeordnetenkammer. Die Entscheidung, ob es danach zu Neuwahlen kommt, liegt allein beim Staatspräsidenten. Als wahrscheinlicher gilt, dass er nach Sondierungsgesprächen eine sogenannte technische Regierung einsetzt, die von einem Experten geleitet wird. Sie müsste bis zu den nächsten regulären Wahlen im Jahr 2013 Reformen einleiten. Denkbar wäre auch eine Regierung der nationalen Einheit wie in Griechenland – oder, dass er einen anderen Politiker aus Berlusconis Partei mit der Regierungsbildung beauftragt. Angesichts der Mehrheitsverhältnisse ist das jedoch unwahrscheinlich.

Nur eines ist gewiss. Die Ära Berlusconi ist zu Ende. Mit ihm stürzt voraussichtlich ein ganzer Hofstaat, mit Pfründen und Privilegien, die in Europa ihresgleichen suchen. Wer daran teilhaben wollte, von dem erwartete Berlusconi Vasallentreue bis zum bitteren Ende. So hat das System Berlusconi funktioniert.

Und so ist er aufgestiegen zu einem der mächtigsten Unternehmer und Politiker der europäischen Nachkriegsgeschichte. Dabei ist er bis heute Antipolitiker geblieben. 1994, nach der Implosion des alten italienischen Parteiensystems, erkannte der Bau- und Medienunternehmer aus Mailand seine Chance und stieß mit einer neuen politischen Bewegung, die er nach einem Fußballschlachtruf Forza Italia nannte, in das politische Vakuum in der Mitte vor. Es begann damit eine kometenhafte Karriere. Silvio Berlusconi verstand es in einzigartiger Manier, persönliche und politische Macht zu verschränken.

Eine ganz eigene Reformresistenz

Und er wurde immer wieder gewählt, nicht nur, weil sich die mittelständischen Unternehmer, das Rückgrat der italienischen Wirtschaft, bei ihm gut aufgehoben fühlten. Auch für viele andere war sein Versprechen, ihnen den ungeliebten, gefräßigen Staat vom Hals zu halten, eine Verheißung. Dass er Reformen versprach, störte da nicht. Man wusste ja, dass die italienische Gesellschaft über ihre ganz eigene Reformresistenz verfügt.

Das böse Erwachen kam erst mit der Eurokrise. Geradezu schockartig begriffen und spürten viele Italiener, dass die Krise mitnichten nur andernorts stattfindet, wie Berlusconi es ihnen stets versichert hatte. Nach dem Angriff der Finanzmärkte verlor sein süßes Gift an Wirkung – spätestens, als Italien unter Kuratel der EU und des Internationalen Währungsfonds (IWF) gestellt wurde. Europa traut Silvio Berlusconi längst nicht mehr zu, Reformen umzusetzen und zu sparen.

Seither läuft unaufhaltsam die Uhr gegen Italiens Premier. Damit neigt sich eine Ära ihrem Ende zu: mit jedem Zehntelprozent, um das die Renditen für Staatsanleihen steigen. Nun hat er in seinem eigenen TV-Sender angekündigt, dass er gehen wird. Die Eurokrise ist stärker als sein System.