So etwas muss man erst einmal hinbekommen: Politische Karriere im Eimer, fast drei Jahre weg vom Fenster, abgetaucht in Afrika. Und nun? Nun wird Bernd Althusmann, 50 Jahre alt, CDU, womöglich im Oktober Ministerpräsident von Niedersachsen. Gut möglich, dass er Stephan Weil beerben wird, den vom Glück verlassenen und von einer abtrünnigen Grünen-Abgeordneten abgesägten SPD-Regierungschef. Ob sich Althusmann manchmal in den Arm kneift, um zu prüfen, ob alles wirklich passiert, was er gerade erlebt?

Weiß man nicht. Die Geschichte von Althusmanns Fall und Wiederaufstieg ist nicht außergewöhnlich für Niedersachsens Landespolitik, in der es öfter schon knapp und spannend wie in einem Krimi zugegangen ist.

Herber Verlust im Jahr 2013

Mit 98,55 Prozent Zustimmung hatte die CDU den Afrika-Heimkehrer im November 2016 zum Landesvorsitzenden und Spitzenkandidaten gewählt. Davor war er für die Konrad-Adenauer-Stiftung in Namibia gewesen, ein Ausstieg, nötig geworden, nachdem die CDU unter Ministerpräsident David McAllister 2013 zusammen mit Partner FDP die Macht verloren hatte. Nur 300 Stimmen fehlten. Althusmann war plötzlich nicht mehr Kultusminister und Abgeordneter war er auch nicht mehr: Seinen Wahlkreis hatte er an die SPD verloren und auf der Landesliste stand der Oldenburger auf dem wertlosen Platz Nummer vier.

Pastorensohn Althusmann ist Diplom-Pädagoge und promovierter Betriebswirt, außerdem Hauptmann der Reserve. 1994 zog er in den Landtag von Hannover und machte Karriere unter Ministerpräsident Christian Wulff. Althusmann war Abgeordneter und leidenschaftlicher Kämpfer für das G8-Abitur und das dreigliedrige Schulsystem, dann wurde er 2009 Staatssekretär im Kultusministerium, schließlich im April 2010 Minister.

Das Karriereende drohte bereits

Im Sommer 2011 sah schon einmal alles nach Karriereende aus: Seine Doktor-Arbeit wurde wegen Plagiatsverdachts durch die Mangel gedreht. Sechs Monate wurde geprüft, dann sprach ihn die Universität Potsdam von den Vorwürfen frei. Man war zu dem Ergebnis gekommen, die  seinerzeit mit „rite" (=ausreichend) bewertete Arbeit „habe zwar „Mängel von erheblichem Gewicht" und verstoße gegen die „gute wissenschaftliche Praxis". Aber von „wissenschaftlichem Fehlverhalten" könne man auch nicht sprechen. Klang alles nicht schön, aber er war gerettet.

Althusmann gilt eigentlich als ein abwägender Typ, besonnen, pragmatisch und ziemlich umweltverträglich. Aber die vergangenen sehr aufgeladenen Tage am Regierungssitz Hannover zeigten auch, dass er genau weiß, wie man mit ein paar Bemerkungen oder durch beredtes Schweigen die Dinge am Kochen halten kann. Regierungschef Weil kassierte Prügel, weil er 2015 als VW-Aufsichtsratsmitglied eine Regierungserklärung zum VW-Diesel-Skandal mit dem Autokonzern abgestimmt hatte. Dass der Landtag Bescheid wusste, war plötzlich vergessen. Ebenso, dass auch Ministerpräsidenten der Union jahrelang im VW-Aufsichtsrat saßen.

„Verleumderisch“, kritisierte Althusmann zudem SPD und Grüne, weil die gehört haben wollen, dem Übertritt der Grünen-Abgeordneten Elke Twesten zur CDU könnte auch ein „unmoralisches Angebot“ der Union zugrunde liegen.

Mit Althusmanns Wiedererscheinen auf der politischen Bühne Hannover, stöhnte jedenfalls Ministerpräsident Weil kürzlich, sei keine Entspannung, sondern eine weitere Zuspitzung entstanden. Ein Satz, der dem Herausforderer und obersten Wahlkämpfer von der CDU eigentlich gefallen müsste.