Er hat die Vorwahl gegen Hillary Clinton verloren. Er hat nie die Chance bekommen, es mit Donald Trump aufzunehmen. Er ist genau genommen ein Verlierer. Aber die gut 1 000 meist jungen Frauen und Männer in Berlin-Dahlem sehen das an diesem Abend nicht so. Für sie ist er ein Gewinner, er lässt sie hoffen, dass die Welt gerechter werden kann.

Als Bernie Sanders, der US-Senator aus dem Bundesstaat Vermont, am Mittwochabend im Audimax der Freien Universität das Wort ergreift, klatschen sie begeistert Beifall. Der 75 Jahre alte Mann ist für sie in diesem Moment der Botschafter eines Amerikas, wie sie es gerne hätten.

Es folgen gut 90 Minuten, in denen sich die Zuhörerschaft vorstellen darf, wie es sein könnte, wenn Trump im November die Präsidentschaftswahl in den USA nicht gewonnen hätte, wenn Sanders heute Präsident wäre. Es ist wie in einem Märchen, das gut ausgehen wird. Sanders und sein Publikum sind sich einig: Eine bessere Welt ist möglich.

Sanders, der auf Werbetour für sein gerade ins Deutsche übersetzte Buch „Our Revolution“ ist, sagt, was er schon immer gesagt hat. Trump sei gefährlich, weil er nicht an den Klimawandel glaube, weil er den Reichen gebe und von den Armen nehme, weil er engstirnig sei und nicht an den Wert der internationalen Zusammenarbeit glaube, weil er Migranten als Sündenböcke für viele Probleme der USA benutze. „Um es höflich auszudrücken“, sagt Sanders mit heiserer Stimme, „ich bin kein großer Fan von Präsident Trump.“

Vortrag an das falsche Publikum

Das ist maßlos untertrieben. Sanders ist der Anti-Trump. Er predigt Umverteilung, er will die größten Banken seines Landes zerschlagen. Er will der Wall Street eine Spekulationssteuer auferlegen, den Mindestlohn in den USA auf 15 Dollar in der Stunde verdoppeln, eine staatliche Krankenversicherung einführen, die Studiengebühren für staatliche Universitäten abschaffen. Er will die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und bezahlten Mutterschutz.

Sanders’ Vortrag richtet sich eigentlich an das falsche Publikum. Viele seiner Ideen sind in Deutschland längst Realität. Doch das gilt nicht für die USA, das einzige Industrieland auf der Welt, das keine Krankenversicherung für alle Bürger kennt und Studiengebühren erhebt, die Hunderttausende bis zu ihrem Lebensende verschulden. Bernie Sanders’ Rede ist also auch an das Publikum in den USA gerichtet, das aus den Zeitungen vom Auftritt in Berlin erfahren dürfte. Der weißhaarige Politiker will den Millionen von Menschen, die im US-Wahlkampf von ihm begeistert waren, signalisieren: Bernie Sanders kämpft weiter. Es gibt ein Leben nach Trump.

Fast flehentlich hört es sich an, als Sanders seinem Publikum einschärft, dass die Mehrheit der Amerikaner anders sei, als man nach dem Wahlsieg Trumps vermuten könnte. Erstens habe Hillary Clinton, die erst Sanders in den Vorwahlen der US-Demokraten schlug, um dann wegen des speziellen US-Wahlsystems doch gegen Trump zu verlieren, die Mehrheit der abgegebenen Stimmen erhalten.

„Die Augen nicht verschließen“ 

Zweitens sei sich die Mehrheit der Amerikaner bewusst, dass ihr Präsident einen „schrecklichen Fehler“ begehen würde, sollte er aus dem Pariser Abkommen zum Klimaschutz aussteigen. Drittens seien mehr Amerikaner als vielleicht in Deutschland und dem Rest der Welt gedacht zu internationaler Zusammenarbeit bereit. Sanders hat eine Botschaft: „Wir dürfen die Augen nicht vor dem verschließen, was auf der Welt passiert.“

Die Zeiten seien schwierig und gefährlich, „aber wir dürfen das nicht hinnehmen“. Man müsse sich einmischen: „Fußball mag ein Zuschauersport sein, Demokratie ist es nicht.“ Wieder Beifall. Vielleicht steht ja da der Mann vor ihnen, der sich 2020 noch einmal noch in den Wahlkampf um das Präsidentenamt in Washington stürzt.

Bernie Sanders: Unsere Revolution. Wir brauchen eine gerechte Gesellschaft, Ullstein Verlag, 464 Seiten, 24 Euro