Bernie Sanders im Wahlkampf. 
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Las VegasEinen Steinwurf vom Las Vegas Strip entfernt wartet Nellie Rodriguez vor dem Gewerkschaftslokal 226 der Culinary Union geduldig darauf, ihre Stimme abzugeben. Wie Tausende andere vor ihr, die sich in Rekordzahl an den ersten Vorwahlen der Demokraten im Westen der USA beteiligen.

„Vote Here, Vote Aqui“ steht zweisprachig auf einer Tafel, die den Beginn der Schlange vor dem Wahllokal markiert. Nellie Rodriguez, 53, ist direkt von ihrer Schicht im Casino gekommen. Weil die Köchin am Sonnabend arbeiten muss und nicht zu einer „Caucus“ der genannten Wahlversammlungen gehen kann, nutzt sie die Möglichkeit, frühzeitig ihre Stimme abzugeben.

Wen sie für die Demokraten gegen Donald Trump ins Rennen um das Weiße Haus schicken will, verrät die Latina nicht. Die Macht der Gewerkschaft Die Kollegin hinter ihr hält sich ebenfalls bedeckt. Nur so viel sagt sie: „Nicht Sanders. Ich brauche meine Krankenversicherung.“

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Ausgerechnet der linke Bernie Sanders, der bei den ersten Vorwahlen in Iowa und New Hampshire die Führung im Lager der Progressiven übernommen hat, tut sich in Nevada schwer mit der mächtigen Gewerkschaft der Casino- und Restaurant-Angestellten.

Vor allem junge Latinos sind für Bernie Sanders 

Ohne die 60.000 Mitglieder starke Culinary Union geht fast nichts. Und die möchte ihre in Streiks hart erkämpfte Krankenversicherung nicht gegen das vage Versprechen einer aus Steuern finanzierten Gesundheitsfürsorge für alle Amerikaner eintauschen.

Für Sanders sei das ein Test, sagt der Politologe Michael Green: „Er muss mit einem starken Ergebnis seinen Anspruch auf die Favoritenrolle beweisen.“ Das geht in einem Staat mit 30 Prozent Latinos nur mit Unterstützung aus deren Reihen.

Da ihr Anteil in der Gewerkschaft noch höher liegt und die Culinary Union Sanders’ Pläne ablehnt, muss der Politiker kämpfen. Zumal der Chef der Culinary Union sich positiv über Vizepräsident Joe Biden geäußert hat und am Mittwoch den Shootingstar der ersten Primaries, Pete Buttigieg, willkommen hieß. Offiziell unterstützt die Gewerkschaft diesmal keinen Kandidaten. Sanders’ Anhänger zeigen sich unbeeindruckt. Sie nennen ihn liebvoll „Tio Bernie“, Onkel Bernie.

„Er kommt bei den Latinos gut an“, sagt Anthony Salazar, 27 Jahre alt, der zur Mittagszeit auf dem Campus der University of Las Vegas vor den Sicherheitskontrollen zu einer Sanders-Kundgebung  steht. Der Sohn einer Einwanderer-Familie aus Mexiko meint, vor allem die jüngeren Latinos seien für Sanders. Sarah Brown, die eben auf den Einlass wartet, gefällt, dass Sanders nicht versucht, sich den Minderheiten anzubiedern.

„Er spielt nicht eine Gruppe gegen die andere aus“, sagt die indigene Frau. Stattdessen vertrete er seit vielen Jahren dieselben Ideen für eine freie Krankenversicherung, kostenlose Universitäten, Kinderbetreuung und höhere Mindestlöhne.   Dass auf dem Campus mehr als tausend Menschen auf den demokratischen Sozialisten warten, der im Oktober unweit von hier mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert wurde, scheint Brown recht zu geben.

Bernie Sanders: „Die arbeitenden Menschen dieses Landes sind das korrupte politische System leid"

„Wir werden mit den Stimmen der jungen Wähler gewinnen“, sagt Sanders, als er das Podium betritt. „Ihr müsst nur wählen gehen.“ Der Demokrat beschäftigt in Nevada 250 bezahlte Wahlkampfmitarbeiter, er hat elf Wahlkampfbüros, in denen Freiwillige Unterstützung bekommen, und mit der Abgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez eine starke Fürsprecherin in der Latino-Gemeinde.

Der erste Platz in New Hampshire und der knappe zweite Platz in Iowa katapultierten ihn in nationalen Umfragen mit einem zweistelligen Vorsprung an die Spitze des Bewerberfelds.

In Nevada greift er selbstbewusst einen an, der hier gar nicht antritt, der in dieser Woche aber erstmals an einer Debatte der Demokraten teilnahm: Michael Bloomberg. Unmengen von Geld pumpt der Milliardär in seine Kampagne.

Er hat mit 400 Millionen Dollar im Wahlkampf bisher doppelt so viel wie alle anderen Kandidaten zusammen ausgegeben. Und er kann es sich leisten, die ersten vier Vorwahlen auszulassen.  

Bernie Sanders debattiert in einer TV-Debatte zur Präsidentschaftsvorwahl der US-Demokraten am 19. Februar 2020. 
Foto: John Locher

„Die arbeitenden Menschen dieses Landes sind das korrupte politische System leid, in dem Milliardäre glauben, sie könnten Wahlen kaufen“, sagt Bernie Sanders. „Wir sind eine Demokratie, keine Oligarchie.“

Damit spricht er auch vielen Demokraten aus der Seele, die ihn nicht unterstützen. Wer in Nevada mit Wählern spricht, findet kaum jemanden, der große Sympathien für Bloomberg, den reichen Bürgermeister aus New York, zeigt.  

„Mir gefällt es nicht, dass die Leute versuchen, sich mit viel Geld in der Politik Macht zu kaufen“, beklagt sich Phil Stodik, der im Durango-Community-Zentrum vor den Toren von Las Vegas auf Pete Buttigieg wartet. Buttigieg, den 38 Jahre alten Bürgermeister aus Indiana, trifft die Präsenz Bloombergs am härtesten, weil der wie er selbst die moderaten Wähler anspricht.

Der Nevada-Test für Bernie Sanders 

Nach Ansicht von Wahlkampf-Experten wie Michael Green spaltet Bloomberg das Lager der Moderaten und macht sich damit zum Wahlhelfer von Sanders. Während in der Vergangenheit nach den beiden ersten Vorwahlen immer ein Führer der Zentristen in der Partei feststand, habe sich diesmal noch keiner zum „König des Dschungels“ erklärt.

Diese Rolle fiele eigentlich Buttigieg zu, der mit kräftigem Rückenwind nach Nevada kam. Nun allerdings behindern ihn Bloomberg mit seinen Millionen, Joe Biden mit seiner Sturheit, der im Rennen bleibt, obwohl er keine Chance mehr hat, und Amy Klobuchar, die ebenfalls ein paar Punkte abzwackt. Für Buttigieg, das Ausnahmetalent, geht es in Nevada um alles.

„Hier muss er beweisen, dass er außerhalb weißer Bundesstaaten gewinnen kann“, sagt der Politologe Green über den Nevada-Test. In dem US-Bundesstaat gibt es neben den Latinos rund zehn Prozent Schwarze und genauso viele Amerikaner asiatisch-pazifischer Herkunft.

Shondra Summers-Armstrong, die als Abgeordnete für einen von Latinos und Afroamerikanern dominierten Wahlbezirk in Las Vegas antritt, meint, das Rennen um die Stimme der Minderheiten sei sehr offen.

Es sei ein Fehler, diese als „monolithischen Block“ zu betrachten. „Es geht um Themen“, sagt die Demokratin. „Die Kandidaten müssen unsere Stimmen verdienen.“ Antwort auf Spanisch Buttigieg hat die Herausforderung begriffen und angenommen. Er schickte eine Armee an Mitarbeitern nach Nevada, schaltete Anzeigen, in denen er sich auf Spanisch vorstellt, und eilt von Kundgebung zu Kundgebung.  

„Si se puede“ – „Yes we can“

„Ich muss mir die Unterstützung erarbeiten“, sagt er bei einem Bürgertreff in der überfüllten Sporthalle einer Highschool von Las Vegas.  Er spricht dort über seine Vorstellung von einer Reform der Einwanderung, das Ende der inhumanen Behandlung von Flüchtlingen an der Grenze und ein Amerika, das stärker sein könnte, wenn es für alle Platz bietet.

Als er die Frage eines Latinos komplett auf Spanisch beantwortet, rufen viele im Publikum spontan „Si se puede“ – „Yes we can“. Ob Buttigieg die Begeisterung aber in Stimmen umsetzen kann, ist fraglich. Dem national bisher wenig bekannten Politiker könnte die Zeit davonlaufen, weil im Gewerkschaftslokal 226 und anderenorts in Nevada bereits gewählt wird.

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Yvonne Hui hat vor dem Raum 226 eine Stunde lang angestanden und gerade ihre Stimme abgegeben. „Die letzten vier Jahre haben so viele Gewissheiten über den Haufen geworfen“, sagt Hui. „Im Moment ist wirklich alles möglich.“