Bertelsmann-Studie: Kinderarmut steigt im Westen und sinkt im Osten

Berlin - Kinder, die in Armut aufwachsen, sind viel häufiger sozial isoliert, materiell unterversorgt und gesundheitlich beeinträchtigt als Gleichaltrige, die in Familien mit gesichertem Einkommen leben. Sie haben oft kein eigenes Zimmer und ernähren sich ungesünder. 

Hobbys, Urlaub und außerschulische Bildung sind Luxus. Rund zwei Millionen Kinder in Deutschland sind davon betroffen. Und obwohl die Wirtschaft  in Deutschland floriert, wachsen immer mehr Kinder unter diesen Bedingungen auf. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Bertelsmann-Studie, die auf Zahlen der Bundesagentur für Arbeit basiert und die in Zusammenarbeit mit dem Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS) erstellt wurde.

Erhebliche regionale Unterschiede

Danach wuchsen im vergangenen Jahr 14,7 Prozent der unter 18-Jährigen in Familien auf, die Hartz IV beziehen.  Im Vergleich zu 2011 ist das ein Anstieg um 0,4 Prozent. Vor allem Kinder von Alleinerziehenden und Kinder mit zwei oder mehr Geschwistern sind von betroffen: Die Hälfte dieser Kinder lebt mit nur einem Elternteil zusammen, 36 Prozent kommen aus Familien mit drei oder mehr Kindern. Soweit das bundesweite Gesamtbild – doch es gibt erhebliche regionale Unterschiede.

Denn während die Kinderarmut im Westen von 12,4 auf 13,2 Prozent anstieg, sank sie im Osten von 24 auf 21,6 Prozent. Zwar zeigt der Ost-West-Vergleich, dass das Niveau in den neuen Bundesländern immer noch deutlich höher liegt als in den alten Bundesländern, doch zumindest zeichnet sich in Ostdeutschland ein Abwärtstrend ab.

Die meisten Kinder in Armut leben in Großstädten

Den stärksten Anstieg gab es in Bremen, im Saarland und in Nordrhein-Westfalen. Selbst in Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, wo die Quoten am niedrigsten sind, wuchs die Kinderarmut an.

Die meisten Kinder, die im Armut aufwachsen, leben in den Großstädten: So zum Beispiel in Bremerhaven (40,5 Prozent), Gelsenkirchen (38,5 Prozent), Offenbach (34,5 Prozent) Halle (33,4 Prozent), Essen (32,6 Prozent) oder Berlin (32,2 Prozent).

„Wir brauchen mehr Fakten“

Die Wissenschaftler kamen außerdem zu dem Schluss, dass die Folgen derartiger Lebensumstände für Kinder bisher nur lückenhaft untersucht sind. „Kinderarmut beeinträchtigt die Chancen für das ganze Leben. Um gezielt gegen sie und ihre Folgen vorzugehen, brauchen wir mehr Fakten“, betont Jörg Dräger vom  Vorstand der Bertelsmann-Stiftung.

Bislang berücksichtige das staatliche Unterstützungssystem zu wenig, welchen Bedarf Kinder tatsächlich hätten. Die Existenzsicherung müsse sich daran orientieren, was Kinder für gutes Aufwachsen und Teilhabe bräuchten, sagte  Dräger weiter. „Kinder in Armut können ihre Lebenssituation nicht selbst ändern. Deshalb hat der Staat hier eine besondere Verantwortung. Kinderarmut in Deutschland darf sich nicht weiter verfestigen“, forderte er. 

Kritik von den Grünen

Franziska Brantner, kinder- und familienpolitische Sprecherin der Grünen, nannte die Zahlen „beschämend“. Man brauche eine „konsequente und vielfältige Armutsbekämpfung“, erklärte sie.  „Es darf kein Entweder-Oder von Geld und Bildung geben. Und vor allem brauchen Alleinerziehende besondere Unterstützung“, so die Politikerin. Sie forderte eine Aufhebung der Begrenzungen beim Unterhaltsvorschuss, einer Reform des Kinderzuschlags und gute Kitaangebote. „Die Haushaltslage ist stabil. Wir haben genügend finanziellen Spielraum. Wir dürfen nicht zusehen, wie immer mehr Kinder in Armut geraten und abgehängt werden.  Frau Schwesig sollte aufhören, Ankündigungsministerin zu spielen“, kritisierte Brantner.

Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) erklärte, dass man durch Mindestlohn, Kita-Ausbau und ElterngeldPlus schon wichtige Schritte getan habe.  Auch durch die Erhöhung des Kinderzuschlags wolle man sicherstellen, dass die Unterstützung von armen Familien zielgenau bei den Kindern ankomme. „Ich nehme das Problem der Kinderarmut sehr ernst“, sagte sie. Wesentlich sei auch, die Kinder von Alleinerziehenden zu unterstützen. „Mit dem geplanten Ausbau des Unterhaltvorschusses möchte ich schon im kommenden Jahr gezielt die Kinder stärken, die von einer Trennung der Eltern betroffen sind und keinen Unterhalt bekommen“, erklärte  Schwesig weiter.

„Weckruf an die Bundesregierung“

Kinderhilfswerk-Präsident Thomas Krüger bezeichnete die Studie als „Weckruf an die Bundesregierung“. Er hält  eine Kinder-Grundsicherung, bessere Möglichkeiten gesunden Aufwachsens und frühkindlicher Bildung sowie mehr Bildungsgerechtigkeit in der Schule für nötig. Für Alleinerziehende sei auch der Ausbau der Betreuungsangebote wichtig. Zudem sollten Alleinerziehende nicht wie Singles besteuert werden.

Auch die Diakonie Deutschland forderte eine Reform der Hilfen für arme Kinder. Familien mit niedrigem oder gar keinem Einkommen würden nicht genug unterstützt, sagte Maria Loheide vom  Vorstand der Diakonie.