Berlin - Doktorarbeiten, in die auch Nicht-Wissenschaftler gern einmal die Nase stecken würden – diese hier ist eine davon: Um die Historie der Vibratoren geht es in dem Werk, das Forscherin Nadine Beck gerade erarbeitet. Die Geschichte eines Sex-Spielzeugs: Wie kommt man denn auf so eine Idee? Beck lacht. „Ich wollte über ein Thema schreiben, das ständig stattfindet, über das aber keiner spricht, weil es in einer Tabu-Zone liegt“, sagt sie.

„Eigentlich sollte es in der Arbeit um Sex im Altersheim gehen, aber dann stieß ich darauf, dass der Vibrator in diesem Jahr sein 50. Jubiläum feiert.“ Das machte ihn zum dankbaren Forschungsobjekt. Auch Becks andere These stimmt: Das summende Geräusch ist aus vielen Schlafzimmern heute kaum mehr wegzudenken, darüber befreit sprechen können aber die wenigsten.

Die 42-Jährige recherchierte – und fand heraus, dass sich die Wissenschaft mit dem besonderen Massagestab bisher kaum beschäftigt hat, obwohl der Zweck des Gerätes schon weit vorher ein Thema war, wie sie entdeckte. „Ich habe mir für die Arbeit alte Pornofilme aus den Jahren 1910 bis 1960 angeschaut – und schon dort sind Vibratoren vereinzelt im Einsatz“, sagt Beck. „Sie sahen aber anders aus, waren superschwer, liefen heiß und mussten mit einem Kabel an der Steckdose angesteckt werden.“ Die Version von 1969 machte den Vibrator praktischer, weil er plötzlich klein war, handlich und zudem batteriebetrieben.

Vibratoren in der DDR? Bürger waren sehr erfinderisch 

Während es im Westen schon vibrierte, herrschte in der DDR Flaute – Paragraf 125 des Strafgesetzbuches verbot es. „Wer pornografische Schriften oder andere pornografische Aufzeichnungen, Abbildungen, Filme oder Darstellungen verbreitet oder sonst der Öffentlichkeit zugänglich macht, sie zu diesem Zwecke herstellt, einführt oder sich verschafft, wird mit öffentlichem Tadel, Geldstrafe, Verurteilung auf Bewährung oder mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren bestraft“, hieß es. Dazu gehörten auch Darstellungen des männlichen Geschlechtsteils.

Klar ist aber: Die DDR-Bürger waren in vielen Lebensbereichen erfinderisch. Ob man in der DDR auch mit Hilfsmitteln masturbierte, will die Forscherin deshalb nun mithilfe eines Fragebogens herausfinden, in dem frühere DDR-Bürger ihre Erlebnisse anonym schildern können, als Belohnung gibt es 15 Euro. Sie habe schon einige Antworten bekommen, aber leider nicht genug. „Ich freue mich über jedes Fitzelchen, über jede Geschichte“, sagt sie.

Schon die wenigen Geschichten, die sie sammeln konnte, zeigen: Was es zu Zeiten der Mangelwirtschaft oder wegen des Verbots nicht gab, wurde selbst gemacht. „Jemand erzählte mir, dass sein Vater auf der Drehbank immer seltsame längliche Gegenstände in markanter Form herstellte“, sagt sie. Über die Abnehmer habe der Vater allerdings jederzeit konsequent geschwiegen – stattdessen heißt es auf dem Fragebogen: „Die Menschen auf dem Dorf helfen sich gegenseitig.“

Eine andere Geschichte betrifft ein Gerät namens „Sicco 3“, eine Wäscheschleuder, die man auf den Tisch stellen konnte. Eigentlich nicht für Massagen geeignet – eigentlich. „Aus einem der Fragebögen erfuhr ich, dass diese einen Einschalthebel hatte, der abgerundet war und nach oben stand. Man konnte sich also hervorragend auf die Schleuder setzen und sie anschalten.“

Nadine Beck erforscht die Geschichte der Vibratoren: Arbeit soll noch 2019 fertig werden 

Der Clou: Sah man in einem anderen Haushalt eine Schleuder, bei der der Deckel eingedrückt war, wusste man, dass sie zweckentfremdet wurde. „Denn es gibt keine andere Möglichkeit, den Deckel einzudrücken, als sich darauf zu setzen“, sagt Beck. Zudem habe es in der DDR auch andere Massagegeräte gegeben. „Manche bastelten sich dafür penisförmige Aufsätze. Und auch Gurken, Weinflaschen und andere Dinge wurden benutzt. Die Leute gingen mit sehr viel Fantasie ans Werk, um mit der Unterversorgung an sexuellen Hilfsmitteln klarzukommen“, sagt Beck.

Sie will Beck dazu beitragen, dass mit solchen Themen künftig offener umgegangen wird. „Wir sind auf einem guten Weg, dass solche Dinge nicht länger ein Tabu bleiben. Wenn man sich mit den Themen beschäftigt, verlieren sie ihren Schrecken. Und schließlich würde es uns alle ohne Sex nicht geben.“

Noch dieses Jahr soll die Arbeit fertig werden, gleichzeitig soll es einen Bildband geben, „mit den größten Hits aus den letzten 150 Jahren“, sagt Beck. Und: In Hamburg können die zwei Dutzend Massagegeräte, die Beck während ihrer Recherchen sammelte, bald in einer Ausstellung besichtigt werden.

Zur Teilnahme oder für Rückfragen:

beckn@students.uni-marburg.de und

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