MOSKAU - Am Donnerstagmittag sitzt Sigmar Gabriel (SPD) in einem überhitzten Saal im Stadtzentrum von Moskau, und es hat wieder einmal den Anschein, als werde sich künftig die deutsche Diplomatie zumindest in Stilfragen ein wenig verändern. Während sein Vorgänger Frank-Walter Steinmeier gerne mit Schachtelsätzen um sich warf, scheint der neue Außenminister eher auf das Minimalkonzept von Subjekt-Prädikat-Objekt zu setzen.

Das zeigt sich deutlich während der Pressekonferenz beim Antrittsbesuch Gabriels in Russland. Für gewöhnlich dienen solche Veranstaltungen dem Austausch kunstvoll ziselierter Worthülsen. Doch an diesem Tag ist es ein bisschen anders. Es entwickelt sich ein feiner Schlagabtausch zwischen dem Neuen im Verein der Chefdiplomaten und einem der altgedienten Klubmitglieder. Sergej Lawrow, Präsident Wladimir Putins Mann für das internationale Geschäft, ist seit genau 13 Jahren im Amt.

Beide Seiten rüsten auf

Lawrow lässt sich nichts anmerken, dazu ist er zu erfahren. Er lächelt ein Lächeln, in das man vieles hineinlesen kann. Aber es dürfte ihm nicht allzu sehr gefallen haben, dass Gabriel deutliche Worte findet. Dass der Ukraine-Konflikt immer noch nicht beigelegt sei, dass die schweren Waffen in der Ost-Ukraine immer noch nicht allesamt abgezogen seien, das sei der Unfähigkeit aller Konfliktparteien geschuldet, die Auseinandersetzung auf friedlichem Weg zu beenden.

So sei, sagt Gabriel, eine gefährliche Situation entstanden, aus der leicht ein noch gefährlicherer Aufrüstungswettlauf werden könne. Die Nato hat 4000 Soldaten an ihre Ostgrenze verlegt, Russland hat Zehntausende von Soldaten und Waffen an seine Westgrenze geschickt. Auch will Moskau Raketen in die Exklave Kaliningrad bringen, die mit Atomsprengköpfen ausgerüstet werden können – mit einer Reichweite bis Berlin.

„Wir sind an einem kritischen Punkt angelangt“, sagt Gabriel und fordert konkrete Abrüstungsschritte. Dafür sei es aber wichtig, Frieden in der Ost-Ukraine zu schaffen. Dort stehen von Moskau unterstützte Separatisten ukrainischen Regierungstruppen gegenüber. Dort kommt aber seit Monaten die Umsetzung des zwei Jahre alten Friedensabkommens von Minsk nicht voran.

Lawrow zeigt auf den Westen

Wer mag, kann aus Gabriels Worten einen Vorwurf an die russische Adresse heraushören. Putins Außenminister Lawrow tut das natürlich nicht. Im Gegenteil: Er zeigt mit dem Finger zurück auf den Westen. Die Vorwürfe, sein Land bedrohe die östlichen Nato-Mitgliedsstaaten mit seiner militärischen Übermacht, weist er zurück: „Da haben wir eine andere Statistik. Russland werde vielmehr „von Nato-Waffen, von Nato-Einheiten umzingelt“, sagt er: „An unserer Grenze erscheinen Bodentruppen der Nato, auch aus der Bundesrepublik Deutschland.“

Putins Chefdiplomat schlägt vor, den Nato-Russland-Rat einzuschalten. „Man muss eine Landkarte auf den Tisch legen und eine Bestandsaufnahme machen, wer was wo stationiert hat.“ Dann würden sich alle Fragen von alleine beantworten. Doch es ist zweifelhaft, ob das allein ausreicht, um die vielen offenen Fragen zu beantworten, die das Verhältnis zwischen dem Westen und Russland in diesen Tagen belasten. Hinzu kommt, dass weder Moskau noch Berlin wissen, wie sich die neue US-Regierung gebärden wird.

Der deutsche Außenminister etwa hat erst einen Tag zuvor während eines Besuchs in Warschau die Stationierung der 4000 Nato-Soldaten im Baltikum und in Polen als Reaktion auf das russische Vorgehen bezeichnet: „Wenn Sie sich anschauen, welche gewaltige Militärmaschinerie dem gegenübersteht, dann kann man, glaube ich, nicht davon reden, dass die Nato oder der Westen eine Aufrüstungsspirale begonnen hätten.“

Die Ukraine ist das eine Thema. Mögliche Versuche der Russen, meinungsbildend in den deutschen Wahlkampf einzugreifen, sind das andere. Während ihrer Pressekonferenz nähern sich die beiden Minister dieser Angelegenheit über einen Umweg. Gabriel sagt zunächst scherzhaft auf die Frage nach den Wikileaks-Enthüllungen über Abhörpraktiken der CIA: „Zwischen deutschen Politikern gab es ohnehin die Vermutung, dass unsere Kommunikationsdienstleistungen nicht völlig frei sind vom Interesse anderer Länder, sehr gut informiert zu sein.“

Treffen mit Putin

Dann fügt der deutsche Neu-Außenminister aber hinzu: „Eine neue Qualität hat es, wenn aus anderen Ländern versucht wird, in die Kommunikation dergestalt einzugreifen, dass versucht wird, die Meinungsbildung zu beeinflussen.“ Deutschland werde sich zu wehren wissen. Wahlkämpfe sollten „unbeeinflusst von wem auch immer stattfinden“, sagt Gabriel und lächelt dabei.

In diesem Augenblick scheint sich Lawrow angesprochen zu fühlen, obwohl Gabriel das Wort Russland gar nicht ausgesprochen hat. Aber der russische Minister kennt natürlich die Einschätzungen deutscher Sicherheitsbehörden, wonach russische Hacker möglicherweise Desinformationskampagnen zur Bundestagswahl im Herbst planen. „Alle diese Vorwürfe sind haltlos“, sagt Lawrow. Es gebe keine Beweise. Wenn die Bundesregierung solche Befürchtungen habe, solle sie dass offen in Russland ansprechen.

Gabriel und Lawrow schenken sich am Donnerstagmittag nichts. Der Ton ist freundlich, die Aussagen sind bestimmt. Gabriel wollte in Moskau erfahren, wie die Russen über den Westen denken. Er dürfte mit neuen Erkenntnissen zurückgeflogen sein. Am Abend redet er fast zwei Stunden lang – viel länger als geplant – mit Russlands Präsident Wladimir Putin. „Unsere gemeinsame Aufgabe besteht darin, die Beziehungen vollständig zu normalisieren und die Schwierigkeiten zu überwinden, auf die wir stoßen“, sagt Putin anschließend und lädt die Bundeskanzlerin und den künftigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier nach Moskau ein.