Washington - Wie wichtig Joachim Gauck dieser Besuch ist, hat er am Vorabend ganz freimütig preisgegeben: Wenn er an diesem Mittwoch das Oval Office betrete, werde sich ein Lebenstraum für ihn verwirklichen.

Und nun sitzt er da, gemeinsam mit Barack Obama, und hört, welch lobende Worte der amerikanische Präsident über seinen Gast findet. „Es ist vermutlich nicht allen Amerikanern bekannt, welche wunderbare Rolle Herr Gauck gespielt hat bei der Wiederherstellung eines modernen, vereinten Deutschland“, sagt Obama zum Auftakt des Gesprächs, das am Ende doppelt so lange wie geplant dauern sollte. Und er fügt gleich noch eine weitere Botschaft an: „Deutschland ist einer unserer stärksten Verbündeten.“

Hohe Wertschätzung für die Leistungen Deutschlands

Gauck ist nach der gut einstündigen Unterredung ganz beglückt, denn er hat eine hohe Wertschätzung für die Leistungen der Bundesrepublik erfahren, wie er im sonnenbeschienen Park des Weißen Hauses berichtet. Das gelte für die Rolle in der Ukraine-Krise, bei den Atomgesprächen mit dem Iran und den großen humanitären Leistungen bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise.

Es gebe in Washington trotz einiger Meinungsverschiedenheiten wie etwa über die Lauschangriffe der US-Geheimdienste in Deutschland keinerlei Irritationen. „Das ist für mich das Hauptergebnis des Gesprächs“, das er im Übrigen als ein sehr politisches bezeichnet – trotz der eher unpolitischen Rolle, die der deutsche Bundespräsident spielen soll. Obama sei bestens vorbereitet gewesen und wisse sehr genau über die Lage in Deutschland, auch angesichts der Flüchtlingsprobleme, Bescheid.

Sie seien sich einig gewesen, dass daraus auch Gefahren für die politische Stabilität in Deutschland ausgehen könnten – ein durchaus bemerkenswerter Satz, den Gauck aber nicht weiter erläutern will. Er habe Obama als großen Analytiker und kenntnisreichen, nüchternen Politiker erlebt.

Amerika muss aktiver in Sachen Flüchtlingspolitik werden

In diesem Zusammenhang habe der US-Präsident die deutsche Rolle als vorbildlich für Europa bezeichnet und eingeräumt, dass auch die USA aktiver werden müssten, um die Probleme mit der großen Zahl der Flüchtlinge in den Griff zu bekommen.

„Ich hätte ganz gern, wenn das Gespräch über Flüchtlinge nicht nur ein europäisches Gespräch bleibt“, hatte Gauck zuvor gesagt. Aus den US-Militäreinsätzen in der Region heraus seien ja auch Flüchtlingsbewegungen entstanden. „Da beißt die Maus keinen Faden ab.

Freundschaftliche, zugewandte Atmosphäre

Teilnehmer des Gesprächs berichten von einer zugewandten, freundschaftlichen Atmosphäre, in der beide Seiten jeweils sehr rasch auf konkrete politische Fragen zu sprechen gekommen seien. So ist das Treffen wohl genau so verlaufen, wie Gauck es sich vorgenommen hatte. Er wollte die deutsch-amerikanischen Beziehungen in ihre besondere historische Dimension seit dem zweiten Weltkrieg und in ihrer aktuellen Bedeutung betonen – auch, um wachsendem Antiamerikanismus in Deutschland entgegenzuwirken.

Die erste Einladung an einen Bundespräsidenten ins Weiße Haus seit 18 Jahrenist als eine besondere Höflichkeitsgeste der US-Regierung an Deutschland zu verstehen, denn normalerweise gibt sich der mächtige US-Präsident nicht mit Staatsoberhäuptern ab, die wie das deutsche in der operativen Politik nichts zu sagen haben. Allerdings versteht Gauck sich als äußerst politischer Präsident, der oft an die Grenzen seiner Rolle geht und sehr wohl Akzente setzt, die die Tagespolitik und ihre Themensetzung beeinflussen.

Nicht bloß ein Höflichkeitsbesuch

Dazu passt, dass Obama Vizepräsident Joe Biden und Außenminister John Kerry zu dem Treffen im Oval Office dazugebeten hat. Es ging eben nicht nur um Höflichkeiten, sondern um konkrete politische Fragen, zu denen dann Kerry auch sprach.

Gauck gefiel aber auch, dass Obama die Botschaft seiner Rede vom Vortag in Philadelphia aufgriff: Dass beide Länder nicht nur durch gemeinsame Interessen, sondern vor allem durch gemeinsame Ideale und Werte miteinander verbunden seien. Werte, wie sie zuerst in der amerikanischen Verfassung vor 250 Jahren festgeschrieben wurden.

Ein zufriedener Joachim Gauck sitzt anschließend mit Joe Biden beim festlichen Mittagessen im Weißen Haus. So klingt ein Lebenstraum aus – und gewiss auch ein Höhepunkt der Amtszeit dieses Bundespräsidenten.