Besuch in Kolumbien: Ein Bundesminister auf gefährlichem Terrain

San Jose del Guaviare - Gerd Müller, der deutsche Entwicklungsminister, ist zwar in einem kleinen Dorf im Allgäu aufgewachsen.  Dennoch ist der CSU-Politiker nicht ängstlich, wenn er in der weiten Welt unterwegs ist. Vor einigen Monaten bereiste er den Südsudan, wo unweit seiner  Fahrtroute noch gekämpft wurde. Wenig später flog er in die Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik, was wegen des dort tobenden Bürgerkriegs nur mit massiver Armeebegleitung möglich war. Bei seiner jüngsten Reise nach Kolumbien musste sich Müller nun erneut unter den Schutz des Militärs begeben – diesmal aber ungeplant und nicht ganz freiwillig. 

Auf Müllers Programm stand am Samstag der Besuch des Macarena-Nationalparks im Amazonas, etwa 400 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Bogota. Dort wollte sich Müller unter anderem anschauen, welche verheerenden Ausmaße die Abholzung des Dschungels inzwischen hat. Die Gegend gilt nach wie vor als wichtigstes Rückzugsgebiet der Farc-Guerilla, die sich durch den Drogenanbau in dieser Region finanziert und immer wieder die Armee angreift sowie  Menschen entführt.

Um die Hauptattraktionen im Nationalpark hat die Armee im Umkreis von 20 Kilometern einen Bewachungsring gelegt, den sie mit rund 5000 Mann verteidigt. Dahinter ist Farc-Gebiet, wo es etwa 1500 Kämpfer geben soll. Nicht weit von hier hatte die Armee 2008 die ehemalige Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt aus den Fängen der Farc befreit.

Eigentlich war geplant, dass Müller und seine Delegation die zehn Kilometer vom Flughafen Macarena zu einem Flusslauf im Nationalpark mit Autos fahren sollten. Doch dem kolumbianischen Militär war die Sache offenbar dann doch zu gefährlich. In der Delegation waren schließlich nicht nur Müller und seine Frau, sondern auch der deutsche Botschafter in Bogota, der kolumbianische Botschafter  in Berlin und der kolumbianische Umweltminister nebst Stellvertreter.

Der verzweifelte Kampf gegen die Drogen

Deshalb ändert das Militär kurzfristig die Pläne. Anders als zunächst vorgesehen, verfrachtete  die kolumbianische Armee die gesamte Delegation in Militärhubschrauber. Gesessen wurde dicht gedrängt auf kleinen Klapphöckerchen, rechts und links sicherten Scharfschützen an offenen Türen den Helikopter. Nach fünf Minuten war der Flug schon wieder vorbei. Der Spaziergang vor Ort wurde ebenfalls intensiv bewacht, immer wieder tauchten schwer bewaffnete Soldaten aus dem Dickicht auf.

Müller, der so einen Aufwand nie gefordert hatte, nahm es gelassen und bedankte sich anschließend bei den Soldaten: „Sie machen einen tollen Job.“ Später flog er in einer Militärmaschine weiter Richtung Süden nach  San Jose del Guaviare. Dort berichteten ihm der Gouverneur und Bürgermeister mehrerer Orte, welche Probleme sie beim Kampf gegen den Drogenanbau in der Region haben. So lasse die Regierung weiterhin die entdeckten Koka-Felder mit Entlaubungsmitteln besprühen, erzählte einer der Bürgermeister. Das gehe aber nach hinten los: Die Bauern rodeten dann neue Flächen tiefer im Dschungel, um dort neue Koka-Pflanzungen anzulegen. Dadurch gehe noch mehr Wald verloren. „Die Bauern brauchen eine Alternative zum Anbau von Drogen“, so die Verantwortlichen. Müller versprach, dass Deutschland bei der Suche nach Lösungen helfen werde. Am Tag zuvor hatte der Minister Kolumbien Entwicklungsgelder von insgesamt 327 Millionen Euro zugesagt, mit denen die Politik von Präsident Juan Manuel Santos unterstützt werden soll. Santos setzt anders als sein Vorgänger auf Friedensverhandlungen mit der Farc, die derzeit in Havanna laufen.

Bei dem Gespräch mit dem Gouverneur hakte Müller immer dann nach, wenn es um die Koka-Felder ging. „Ich kann mir das nicht vorstellen, ich würde mir das gern mal selbst anschauen“, bat er – was einigen in der deutschen Delegation den Schweiß auf die Stirn trieb. Als die Kommunalpolitiker darauf aber nicht eingingen und die Bitte ob der Gefährlichkeit des Unterfangens höflich weglächelten, konnten sich auch die Mitarbeiter Müllers wieder entspannen.