Ein Jahr ist es her, da musste Annegret Schulte* von der Feuerwehr in eine psychiatrische Klinik gebracht werden, weil sie gewalttätig war und mit ihren Wahnvorstellungen Nachbarn in Angst und Schrecken versetzte. Jetzt sitzt die mollige Frau mit der sanften Stimme etwas hilflos auf dem Sofa in ihrer aufgeräumten Ein-Zimmer-Wohnung im Wedding und bemüht sich, die Fragen von Walburga Lukes zu beantworten. „Ich weiß nicht, was die alle von mir wollen“, sagt sie. „Ich lebe von 170 Euro Rente im Monat. Grundsicherung bekomme ich nicht mehr. Warum, weiß ich nicht.“

Walburga Lukes ist Berufsbetreuerin in Kreuzberg und Annegret Schulte einer ihrer Klientinnen. Ein Gericht hat die studierte Sozialarbeiterin als Betreuerin, früher gesetzlicher Vormund genannt, für die 53-Jährige eingesetzt. Eine Betreuerin regelt die Finanzen, kümmert sich um einen Platz im Pflegeheim, versucht Vermieter zu überzeugen, bei Mietschulden nicht die Wohnung zwangsräumen zu lassen, oder organisiert Eingliederungshilfen. Alles, damit der Hilfsbedürftige so selbstbestimmt wie möglich leben kann.

Ein Hausbesuch alle zwei Monate

Dass die Zahl der Betreuten seit Jahren steigt, liegt nicht nur daran, dass es immer mehr Demente und psychisch Kranke gibt. Der Anstieg spiegelt auch ein Versagen der Sozialbehörden wider. „Es gibt eine Tendenz zur Verschiebung. Den Sozialbehörden fehlt das Personal, um ihrem Auftrag nachkommen zu können, die Bürger tatsächlich zu beraten und zu informieren“, sagt Torsten Harms, Betreuungsrichter am Amtsgericht Lichtenberg. Und so landen viele Menschen, die sich nicht zurechtfinden im Behördendschungel, nicht wissen, wo sie welchen Antrag stellen müssen, und was ihnen gesetzlich an Hilfe zusteht, vor ihm. Allein an seinem Amtsgericht ist jeder fünfte Richter mit Betreuungsfällen beschäftigt. Während man vor 20 Jahren fürchtete, dass die Menschen vor Entmündigung geschützt werden müssten, ist es heute fast umgekehrt. Nur selten muss Harms in einem Fall entscheiden, in dem die Betreuung vom Betroffenen selbst abgelehnt wird.

Nicht wenige haben allerdings übersteigerte Erwartungen an ihre amtlichen Helfer. „Eigentlich war es der größte Unsinn, die Tätigkeit Betreuung zu nennen“, ärgert sich Walburga Lukes. „Es weckt völlig falsche Hoffnungen. In Österreich heißt es Sachwalter, das trifft es viel eher. Das suggeriert nicht, dass man persönlich involviert ist.“

Nur ein Drittel ihrer Zeit verbringt sie mit Hausbesuchen, den Rest sitzt sie am Schreibtisch. Überprüft Kontoauszüge, telefoniert mit Behörden. 60 Klienten hat die zierliche Frau mit den zerzausten Locken: demente ältere Menschen im Pflegeheim, psychisch Kranke, die alleine leben, aber nicht für sich selbst sorgen können, Drogenkranke, junge Frauen, die jahrelang vom Jugendamt betreut wurden und nun ins Erwachsenenleben geführt werden sollen. Zwei Hilfskräfte nehmen ihr einen Teil der Papierarbeit ab. Für jeden Betreuten bekommt sie eine Pauschale, egal wie viel Zeit sie investiert. Mehr als ein Hausbesuch alle zwei Monate ist vom Budget her nicht vorgesehen. „Man fragt sich schon sehr, was sich der Gesetzgeber gedacht hat. Im Gesetz ist ein Anspruch formuliert, der von der Stundenbemessung gar nicht erfüllbar ist.“

Geht es nach dem Gesetzgeber sollen Berufsbetreuer aber ohnehin nur die Ausnahme sein. Zwei Drittel aller Betreuungen werden von Angehörigen und Ehrenamtlichen übernommen. Alle Änderungen am Gesetz in den vergangenen Jahren zielten auf Kostensenkungen. Früher wurde den professionellen Beratern der tatsächliche Zeitaufwand vergütet, jetzt werden nur noch Pauschalen gezahlt. Und dann hängt ihnen gelegentlich auch noch das Image an, Erbschleicher zu sein und Konten vermögender Omis leerzuräumen.

Mit der Realität hat das wenig zu tun. Torsten Harms hat in seinen 15 Jahren als Richter zwei betrügerische Berufsbetreuer erlebt. „Kriminelle Fälle sind die Ausnahme“, sagt auch der Anwalt Dietmar Kurze, der viele Betreute oder deren Angehörige vertritt. „Bei den Berufsbetreuern ist eher das Problem, dass sie sich zu wenig kümmern. Sie brauchen eine bestimmte Zahl von Klienten, um auf ihre Kosten zu kommen. Wenn ich im Monat 150 oder 250 Euro pro Klient bekomme, egal, wie viel Zeit ich investiere, mache ich natürlich eher wenig.“

Angehörige oder Ehrenamtliche bekommen nur eine Aufwandsentschädigung von 300 Euro. „Sie müssen auch nicht alles abrechnen, die Arbeit soll schließlich nicht abschrecken“, erläutert Kurze. Dafür erlebt er bei Angehörigen häufiger, dass sie unangemessen geizig sind, wenn es um die Ausgaben für den Verwandten in ihrer Obhut geht. „Vermögensschonende Amtsausübung nennen wir das. Da werden für die Mutter die billigen Hausschuhe von Aldi für 1,99 Euro gekauft und nicht die teureren aus dem Schuhgeschäft. Damit möglichst viel vom Erbe übrig bleibt.“

„Ich kann nicht alles ändern“

Walburga Lukes ist mit der Entwicklung von Annegret Schulte sehr zufrieden. Wenn sie in ihrem schmucklosen Büro in Kreuzberg ankommt, wird sie sich ans Telefon setzen und dafür sorgen, dass ihre Klientin die Grundsicherung bekommt. Sie hofft, dass sie nie wieder die Feuerwehr rufen muss, um die Frau gegen deren Willen in die Psychiatrie einweisen zu lassen. Zu einer Therapie kann sie sie nicht zwingen, auch nicht, ihre Medikamente gegen die Wahnvorstellungen zu nehmen. Das ist Aufgabe der Ärzte, die ihre Entwicklung überwachen und dafür sorgen müssen, dass sie ihre Spritze bekommt. „Aber das ist ok. Ich bin nicht mehr die Sozialarbeiterin, sondern die Betreuerin. Ich habe nicht mehr den Anspruch, dass ich alles ändern kann. Ich ordne die Dinge, und helfe, dass ein Leben in Würde möglich ist. Das ist nicht wenig.“

* Name von der Redaktion geändert.