Neben den vielen Kriegsszenen beherrschen Frauen mit Kindern das in den vergangenen Monaten entstandene Bild von der Ukraine. Es könnte falscher nicht sein: Die Ukraine weist mit einer Geburtenrate von durchschnittlich 1,22 Kindern pro Frau eine der niedrigsten der Welt auf. 2,1 Kinder müsste die Durchschnittsfrau zur Welt bringen, um die Bevölkerungszahl stabil zu halten.

In der Ukraine schrumpft die Zahl der Menschen, in den großen Städten weniger spürbar, in den Kleinstädten und Dörfern dramatisch. Von 52 Millionen Einwohnern Anfang der 1990er stürzte die Zahl laut ukrainischen Angaben vom 1. Januar 2022 auf 41,17 Millionen (ohne Krim und Sewastopol). Elf Millionen Verlust.

Seit dem Überfall Putin-Russlands haben mehr als sechs Millionen Menschen – weit überwiegend Frauen und Kinder – das Land verlassen. Im Inland befinden sich acht Millionen auf der Flucht. Das heißt: Fast ein Drittel der Gesamtbevölkerung lebt als Vertriebene. Das sind in jeder Hinsicht apokalyptische Zahlen.

Tote Soldaten sind verhinderte Väter

Der Krieg überlagert die latente Katastrophe des demografischen Niedergangs – und verschärft diese: Kinder werden auf kaum absehbare Zeit nicht mehr gezeugt. Die Männer kämpfen, kommen ums Leben. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bezifferte die Tagesverluste der eigenen Truppen an der Front in der Ostukraine dieser Tage auf 50 bis 100 Soldaten. Mit den hohen Verlusten begründete er die Ablehnung einer Petition, Männern im wehrpflichtigen Alter die Ausreise aus der Ukraine zu erlauben. Die menschlichen Verluste (genaue Zahlen sind Kriegsgeheimnis) bedeuten auch den Tod potenzieller Väter.

AP/Bernat Armangue
Zwei Angehörige der ukrainischen Nationalgarde gedenken auf dem Friedhof von Charkiw zweier gefallener Kameraden – mit einem Schluck.

Einen wissenschaftlichen Blick auf die demografische Dimension der aktuellen Ereignisse warf am 28. April 2022 ein Online-Workshop, der vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) zusammen mit Population Europe und der Universität von Southampton organisiert wurde.

Die Kiewer Wissenschaftlerin Nataliia Levchuk (Ptoukha Institute for Demography and Social Studies) nannte laut Tagungsbericht als Gründe für den Bevölkerungsrückgang vor dem Krieg vor allem die Abwanderung und den Überhang von Sterbefällen im Vergleich zu den Geburten. Zur extrem niedrigen Geburtenrate von 1,22 Kindern je Frau kommt die erschreckend geringe Lebenserwartung: Sie lag 2019 bei Männern bei 67 Jahren sowie bei Frauen bei 77 Jahren und stagnierte in den letzten acht Jahren. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Lebenserwartung der Männer bei 78,6 Jahren, für Frauen bei 83,4.

Als Hauptgrund für die schlechten ukrainischen Werte nennt Nataliia Levchuk die hohen Mortalitätsraten der Bevölkerung im erwerbstätigen Alter, besonders bei den Männern. Nach einer Untersuchung des Max-Planck Instituts für demografische Forschung in Rostock von 2018 ist übermäßiger Alkoholkonsum der Hauptfaktor für die niedrige Lebenserwartung – was übrigens ganz genau so auch auf Russland und Belarus zutrifft. Dort liegen auch die Geburtenraten ähnlich niedrig wie in der Ukraine, und die Bevölkerung schrumpft.

Schon vor dem Krieg wurde das als „Vernichtung der Nation“ bezeichnet

Für die Zukunft sei in der Ukraine von einem weiteren Rückgang der Lebenserwartung als Folge des Krieges auszugehen – mit deutlichen Unterschieden zwischen Frauen und Männern, so Nataliia Levchuk. Sie prognostiziert weiter sinkende Geburtenzahlen sowie einen Rückgang von Eheschließungen im Land. Weil vor allem die Jüngeren das Land verlassen und die Älteren zurückbleiben, werde die Bevölkerung weiter altern.

Ukrainische Bevölkerungsforscher wie Vlad Mykhnenko (derzeit Oxford) beklagten bereits vor zehn Jahren, die ukrainische Politik reagiere auf den demografischen Einbruch „mit chaotischen und emotional aufgeladenen nationalen Verlautbarungen über die ethnische und kulturelle Vernichtung der Nation“. Die Schuld sei Stalin, den Nazis und der Globalisierung zugeschoben worden.

Genozid durch den Internationalen Währungsfonds?

Die Linksopposition in der Ukraine attackierte damals mit Vorliebe die USA und sprach vom „IWF-Genozid“ als einem imperialistischen Projekt des Westens gegenüber der Ukraine mit dem Ziel der Zerstörung des ehemaligen Gegners aus dem Kalten Krieg durch die „Vernichtung“ der ostslawischen Nationen, schrieben die Wissenschaftler in ihrem Aufsatz „Schrumpfende Ukraine: Bevölkerungsentwicklung und Dilemmata der Politik“, den die Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlichte.

„Selbstmord der Nation“

Zu den Präsidentschaftswahlen 2004 hatten dann auch die Konservativen, die nationalen bis nationalistischen Parteien sowie die extreme Rechte die dramatischen Folgen von Bevölkerungsverlust, Geburteneinbruch und der Abwanderung auf der Agenda: den „Selbstmord der Nation“. Starke Worte fanden ukrainische Politiker offenbar schon früher.

Nachfolgende Programme zur Steigerung der Geburtenrate blieben halbherzig und folgenlos. Anschwellende Auswanderung in Länder, wo Arbeit zu finden war, verschlimmerte die Lage. Immer wieder gab es Gründe – oder Vorwände – sich dem Niedergang nicht ernsthaft entgegenzustellen.

Geburteneinbruch in Ostdeutschland nach der Wende noch heute spürbar

Die unsicheren Verhältnisse auf dem Territorium der ehemaligen DDR nach 1990 brachten einen Geburteneinbruch auf die Hälfte des bis dahin Normalen. Es dauerte viele Jahre, bis die Kurve wieder anstieg. Die Folgen der Kinderlücke sind bis heute spürbar – und die Ungeborenen, die jetzt um die 30 Jahre alt wären, fehlen heute als Eltern. Die Konsequenzen in der Ukraine werden vermutlich gravierender sein. Demografische Einbrüche entfalten ihre Wirkung über Jahrzehnte.

Vor dem Krieg bestand die Möglichkeit, unter strengen Kriterien in die Ukraine einzuwandern. Offensiv als Weg zum Ausgleich der Bevölkerungsverluste beworben wurde die Zuwanderung nicht. Willkommen waren vor allem Wissenschaftler und Künstler, hoch qualifizierte Fachkräfte und Personen, die mindestens 100.000 Dollar in die ukrainische Wirtschaft investiert haben.