Berlin - An einem Dienstagabend im Mai vergangenen Jahres stand Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen vor Reservisten der Bundeswehr und hielt eine Rede. Die CDU-Politikerin  sagte damals, die Affäre um den terrorverdächtigen Soldaten Franco A. und die rechtsextremen Umtriebe in der Truppe seien „Gift für den ausgezeichneten Ruf unserer Bundeswehr“. Ein Ersatz für den  sogenannten Traditionserlass aus dem Jahr 1982 müsse her, befand  von der Leyen, also eine Art Fibel, in der verbindlich neu festgelegt wird, wer oder was zum Vorbild für die Bundeswehr taugt, vor allem aber wer oder was nicht. Das Regelwerk liegt nun vor. Die Verteidigungsministerin wird es an diesem Mittwoch in Hannover unterzeichnen – und dazu gleich noch eine Kaserne umbenennen, deren aktueller Name dem neuen Stil nicht entspricht.

Emmich-Cambrai-Kaserne wird umbenannt

Die Soldaten im Norden Hannovers mussten bislang Dienst in der Emmich-Cambrai-Kaserne schieben. Der Name ist im doppelten Sinne problematisch. Es war General Otto von Emmich, der im August 1914 zu Beginn des Ersten Weltkriegs mit seinem Armeekorps die belgische Stadt Lüttich eroberte, worauf solche Gedichte die Runde machten: „Und das war der Herr von Emmich/Dieser sprach: Die Festung nehm‘ ich/ Fräulein Lüttich schrie vor Lust/Und sie hat sich ihm ergeben/ In dem Jahr in dem wir leben/An dem siebenten August“. Cambrai steht für eine Stadt im Norden Frankreichs, in deren Umland 1917 die erste große Panzerschlacht der Geschichte stattfand. Tausende von Menschen starben.

Es ist ein Kasernenname, der dem neuen Traditionserlass klar widerspricht. Denn darin heißt es: „Die Bundeswehr verfügt selbst über einen breiten Fundus, um mit Stolz Tradition zu stiften.“ Deswegen soll die Emmich-Cambrai-Kaserne künftig Hauptfeldwebel-Lagenstein-Kaserne heißen. Erstmals in der Geschichte der Bundeswehr wird damit eine Kaserne nach einem Soldaten benannt, der bei einem Auslandseinsatz ums Leben gekommen ist. Tobias Lagenstein starb 2011 bei einem Sprengstoffanschlag in Afghanistan.

Nach Auffassung des Verteidigungsministeriums entspricht der neue Kasernenname dem Leitsatz aus dem neuen Traditionserlass, wonach „der zentrale Bezugspunkt der Tradition der Bundeswehr ihre eigene Geschichte“. Denn fortan gilt: „Die Bundeswehr pflegt keine Tradition von Personen, Truppenverbänden und militärischen Institutionen der deutschen (Militär-)Geschichte, die nach heutigem Verständnis verbrecherisch, rassistisch oder menschenverachtend gehandelt haben.“

Nationalsozialistische Symbole verboten

Laut der neuen Traditionsfibel gilt das sowohl für die Wehrmacht wie die Nationale Volksarmee der DDR, die im alten Erlass aus dem Jahr 1982 nicht erwähnt wurde, weil es noch zwei deutsche Staaten gab. Beide Organisationen können dem Erlass zufolge keine „Tradition begründen“. Einzelne Angehörige von Wehrmacht und NVA können jedoch nach „eingehender Einzelfallbetrachtung“ in das Traditionsgut aufgenommen werden – etwa wenn sich ein Wehrmachtssoldat am militärischen Widerstand gegen das NS-Regime beteiligt oder ein NVA-Angehöriger sich gegen die SED-Herrschaft aufgelehnt hat. Im Verteidigungsministerium wird als Beispiel der ehemalige Wehrmachtssoldat Wolf von Baudissin genannt, der für die Bundeswehr das Konzept der „Inneren Führung“ mit entwickelte.

Grundsätzlich verbietet auch der neue Traditionserlass, nationalsozialistische Symbole in der Bundeswehr zu zeigen. Ausnahme sind „Darstellungen, die der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in der politischen oder historischen Bildung dienen“. Klar ist auch die Ansage: „Dienstliche Kontakte mit Nachfolgeorganisationen der Waffen-SS oder der Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger sind untersagt.“

Unklar ist, ob das Verteidigungsministerium mit dem neuen Traditionserlass das in manchen Soldatenkreisen beliebte Sammeln von NS-Devotionalien vollständig unterbinden kann. Experten wie Jakob Knab glauben jedoch, dass der Erlass und die Umbenennung der Emmich-Camrai-Kaserne in Hauptfeldwebel-Lagenstein-Kaserne der Auftakt sein könnten für eine weniger emotionsbeladene Debatte um neue Kasernennamen. Knab ist Sprecher der „Initiative gegen falsche Glorie“, die seit vielen Jahren die Umbenennung von Kasernen fordert, die nach umstrittenen Wehrmachtssoldaten benannt sind. Anfang der 90er Jahre führten solche Debatte regelmäßig zu wahren Kulturkämpfen – so etwa im bayerischen Füssen, wo 1995 die nach dem Nazi-Offizier Eduard Dietl benannte Kaserne den neuen Namen „Allgäu-Kaserne“ bekam.  „Ich bekam Morddrohungen und wurde übel beschimpft“, sagt Knab heute.