Biblisches Alter: Das Geheimnis der hochbetagten Japaner

Nirgends auf der Welt ist der Bevölkerungsanteil von über 100-Jährigen so hoch wie in Japan. Warum werden die Menschen dort so alt?

Sport hält fit: Ältere Menschen trainieren in Tokio mit Holzhanteln, um Japans Tag des Respekts vor dem Alter zu feiern. 
Sport hält fit: Ältere Menschen trainieren in Tokio mit Holzhanteln, um Japans Tag des Respekts vor dem Alter zu feiern. Imago

Als Fusa Tatsumi im April Geburtstag hatte, soll sie freudig gerufen haben: „115 Jahre!“ Kinder und Enkelkinder waren bei ihr, machten Fotos von einer etwas gebrechlichen, aber offenbar fröhlichen Dame, die ein großes Kuscheltier in den Armen hielt. Fusa Tatsumi wusste: Sie war nun die älteste lebende Person in Japan. Und es passierte das Übliche: Fernsehen und Zeitungen berichteten über Tatsumi, fragten nach den Geheimnissen des Älterwerdens und ihrem Alltagsleben.

Wobei diese Geschichte längst wie eine Wiederholung anmutet. Fusa Tatsumi wurde erst in diesem Jahr die älteste Person in Japan, nachdem die vorige Rekordhalterin Kane Tanaka 119-jährig verstorben war. Und nach dem Tod von Tanaka, die älter wurde als jede Person in Japan vor ihr, ist Tatsumi auch nicht etwa allein auf weiter Flur. Menschen in hochbetagtem Alter gibt es im ostasiatischen Land mittlerweile viele. Und es werden jährlich mehr.

In der vergangenen Woche zeigte eine öffentliche Statistik, dass in Japan erstmals mehr als 90.000 Personen leben, die mindestens 100 Jahre alt sind. Es ist das 52. Jahr in Folge, in dem diese Zahl zugenommen hat. Im angesichts einer niedrigen Geburtenrate und eben einer hohen Lebenserwartung alternden sowie schrumpfenden Japan sind die Superalten damit die demografische Boomgruppe überhaupt. Allein gegenüber dem Vorjahr wuchs sie zahlenmäßig trotz der Pandemie um 4016 Personen an. In zwei Jahren könnten Personen dreistelligen Alters schon eine Großstadt füllen.

Pro Kopf leben am meisten Hochbetagte in Japan

Japan, das Land mit der höchsten Lebenserwartung weltweit, führt damit einen globalen Trend an. Im Jahr 2015 schätzten die Vereinten Nationen die Zahl der Zentenare, wie man Menschen dreistelligen Alters nennt, auf rund eine halbe Million. Das entsprach einer Vervierfachung gegenüber 1990, bis 2050 wird von einem exponentiellen Wachstum auf rund 3,7 Millionen ausgegangen. Demnach würde sich auch der Bevölkerungsanteil der Zentenare vervielfachen.

In absoluten Zahlen leben zwar derzeit noch mehr Hundertjährige in den USA, deren Bevölkerung mit 330 Millionen fast dreimal so groß ist wie die von Japan (126 Millionen). Pro Kopf aber leben am meisten Hochbetagte in Japan. Und ihr Wachstum ist beachtlich: Galt es im Jahr 1981 noch als Sensation, dass erstmals mehr als 1000 Personen ein dreistelliges Alter erreicht hatten, hatte sich dieser Wert 1998 schon verzehnfacht.

Sie wurde 119 Jahre alt: Die Japanerin Kane Tanaka starb im April dieses Jahres.
Sie wurde 119 Jahre alt: Die Japanerin Kane Tanaka starb im April dieses Jahres.Imago/Kyodo News

Dabei zeigen sich klare Trends: Neun von zehn Zentenaren sind weiblich, meist leben sie nicht in Metropolen wie Tokio, sondern in eher ländlichen Gebieten, wo die Luftqualität und das tägliche Bewegungspensum höher sein dürften. Gerontologen in Japan haben über die letzten Jahre davon geschwärmt, dass Personen, die ein sehr langes Leben haben, nicht nur körperlich und geistig aktiv sind, sondern sich auch gesund ernähren.

So bleibt man gesund: täglich Reis, Gemüse und Milchprodukte

Eine Umfrage des Unternehmens Q’Sai, das seit Jahren Befragungen unter Zentenaren durchführt, die weder bettlägerig noch im Krankenhaus sind, scheint das zu bestätigen. Von 100 relativ gesunden Personen, die im vergangenen Frühjahr zu ihrer Ernährung befragt wurden, gaben die meisten an, täglich Reis, Gemüse und Milchprodukte zu sich zu nehmen. Begründet wurde dies in der Regel mit der Funktion dieser Lebensmittel: Reis für Energie, Gemüse für Vitamine und Mineralien, Milchprodukte für die Stärke von Knochen und Zähnen. Auch die Regelmäßigkeit der Mahlzeiten wurde betont.

Außerdem fällt unter jenen Superalten, denen es noch relativ gut geht, die soziale Eingebundenheit auf. Häufig sind sie in einer Art Nachbarschaftskomitee organisiert, in dem nicht nur das Sauberhalten der unmittelbaren Umgebung besprochen wird, sondern man sich auch regelmäßig gegenseitig hilft, teils sogar gemeinsame Kassen für Notfälle führt. In der Umfrage von Q’Sai geben mehrere Befragte zudem an, eine vorwärtsgewandte, positive Lebenseinstellung zu haben.

Sozial eingebunden: Japans Superalte haben oft noch gute nachbarschaftliche Kontakte.
Sozial eingebunden: Japans Superalte haben oft noch gute nachbarschaftliche Kontakte.Imago

Solche Rezepte f��r ein langes Leben sind in Japan allseits bekannt. Die Öffentlichkeit wird damit schließlich seit Jahrzehnten medial versorgt, wenn die Statistiken regelmäßig neue Rekordzahlen Superalter ergeben. Nur lässt sich daraus nicht herleiten, dass der Trend der vergangenen Jahrzehnte ewig anhalten wird. Dass in einer insgesamt schrumpfenden Bevölkerung auch die Zahl der Superalten nicht ewig steigen kann, ist dabei nur ein Grund.

Ein anderer ist, dass Japans traditionell recht gesunde Ernährung – maßgeblich bestehend aus oft frischen Gerichten mit Reis, Fisch und Gemüse sowie wenig Salz – über die Jahrzehnte zurückgedrängt worden ist. So nimmt der Fleischkonsum seit Langem zu, Fast-Food-Ketten haben sich nicht zuletzt mit der US-Militärpräsenz nach dem Zweiten Weltkrieg auch in Japan etabliert. Und dort, wo diese besonders stark vertreten sind, haben unter jüngeren Jahrgängen auch schon Krankheiten wie Diabetes zugenommen, die sich maßgeblich durch den Lebensstil erklären lassen.