Joe Biden zeigt sich in diesen Tagen als Traditionalist. Seine engsten Vertrauten, die den Übergang ins Weiße Haus koordinieren, sind, wie Biden selbst, irisch-katholische Demokraten aus dem winzigen Staat Delaware. Ted Kaufman leitet die sogenannte Übergangs-Mannschaft. Der Außenpolitiker Chris Coons wird als führender Kandidat für das Amt des Außenministers gehandelt. Diese Nähe zum Freundeskreis von früher erinnert an die Clique um John F. Kennedy, der als erster katholischer Präsident den Durchbruch im protestantischen Amerika erlebte.

Noch kein eindeutiger Verantwortungs-Bereich wurde für die nächste Vize-Präsidentin Kamala Harris definiert. Sie wohnte in den vergangenen Tagen in Bidens Heimatstadt Wilmington in einem Hotel mit ihrer Familie, da sie nicht aus Wilmington stammt. Zur gleichen Zeit vor vier Jahren war Mike Pence bereits als Chef der Übergangs-Mannschaft ernannt. Pence besetzte die Trump-Regierung mit den konservativsten Elementen der Republikaner.

Es wird erwartet, dass Kaufman die Stäbe der neuen Regierung mit bekannten Washingtoner Figuren besetzt. Erwünscht sind nicht politisch profilierte Flügelkämpfer, sondern Funktionäre, die das herkömmliche, eher clubartige Klima in Washington nach vier Jahre Polarisierung wiederherstellen wollen.

Alles darauf deutet darauf hin, dass der Senatsführer der Republikaner, der konservative Nestor Mitch McConnell, auf seinem Posten als mächtigster Gegenspieler der Demokraten bleibt. Es dürfte Biden recht sein, dass im Senat nicht einer der linken Vorreiter wie Bernie Sanders oder Elizabeth Warren das Sagen haben, sondern ein alter Fahrensmann, der für den Status quo steht. Da Joe Biden mit 78 Jahren kaum noch mal im Jahr 2024 kandidieren wird, dürfte ihm die Unzufriedenheit der Linken gleichgültig sein.

Aber die Dominanz der Republikaner im Senat ist nicht der einzige Grund, warum Biden eher Distanz zu Kapitalismus-Kritikern wie Elizabeth Warren halten wird. Seine Konflikte mit der Senatorin Elizabeth Warren, seiner ehemaligen Konkurrentin um die Nominierung fürs Weiße Haus, wurden im Wahlkampf etwas unter den Teppich gekehrt, reichen aber tief. Als Senator von Delaware hat Biden dem herkömmlichen Insolvenzschutz für Verbraucher im Jahr 2005 einen Schlag versetzt – und zwar kurz vor der Finanzkrise, als die amerikanischen Konsumenten von ihren Kreditkarten-Rechnungen überwältigt wurden. Damals wurde Biden von der Juraprofessorin Elizabeth Warren scharf attackiert. Auch wurde von Gewerkschaften und Verbraucherorganisationen kritisiert, dass ab diesem Zeitpunkt eine Insolvenz für Privatpersonen schwieriger und teurer wurde, die finanziellen Interessen der Kreditkartenfirmen dagegen gesichert seien.

Joe Biden kommt aus der Stadt Wilmington in Delaware, einer Stadt, die sich so zur amerikanischen Kreditkartenindustrie verhält, wie Boston zur amerikanischen Revolution. Der Staat liegt eng bei New York und Pennsylvania und fungiert als Steuer-Oase und Hafen für Briefkastenfirmen. Delaware hat rund eine Million Einwohner und etwas mehr als  eine Million Briefkastenfirmen. 65 Prozent aller amerikanischen Großfirmen haben hier ihren rechtlichen Firmensitz. Eine der größten Kreditkarten-Firmen, MBNA, hat Bidens Sohn Hunter schon seit 1996 angestellt. Obwohl Hunter Biden bis 2005 ein eingetragener Lobbyist in Washington war, bekam er immer noch 100.000 Dollar im Jahr von MBNA, während sein Vater die Insolvenz-Gesetzgebung im Senat durchsetzte. Die Washington Post behauptet, dass die Kreditkarten-Industrie kurz vor der Finanzkrise rund 100 Millionen Dollar für diese Gesetzesnovelle ausgegeben habe. Damals sagte Elizabeth Warren zu den Reformen: „Diejenigen, die behaupten, dass sie die Konsumenten-Insolvenzen mit solchen Gesetzen lösen wollen, sind vergleichbar mit denjenigen, die während einer Malaria-Epidemie die Einweisungen ins Krankenhaus reduzieren wollen, indem sie die Tür des Krankenhauses zuschlagen.“ Als Biden als möglicher Vizepräsident von der Obama-Kampagne durchleuchtet wurde, galt dieses Thema für ihn als das Heikelste. Denn die Kreditkarten-Firma MBNA war Bidens größter finanzieller Unterstützer seit 20 Jahren. Heute ist die Firma eine Tochter der Bank of America.

Das Insolvenz-Thema ist wegen Corona virulenter denn je: Der Insolvenz-Anwalt Rick Abelmann erwartet bald ebenso viele Insolvenz-Anträge wie im Jahr 2008. Das Gericht in San Diego wird derzeit vor lauter Anträgen lahmgelegt, sagt John Colwell, Vorsitzender der Nationalen Assoziation der Privatinsolvenz-Anwälte.

„Das Gericht empfängt 1000 Briefe pro Tag; es wird dadurch stillgelegt.“ In den zehn Jahren nach Bidens Gesetzes-Novelle sank die Anzahl von Privatinsolvenz-Anträgen, die dem Schutz des Schuldners vor seinen Gläubigern dienen sollen, um 27 Prozent – und dies trotz der großen Rezession. Die meisten insolventen Bürger bekamen gar keinen Schutz mehr. Elizabeth Warrens düstere Voraussagen sind eingetroffen.

Als die wahrscheinlichste Kandidatin für das Finanzministerium gilt die 58-jährige Volkswirtin Lael Brainard. Sie ist eine erfahrene Finanzreguliererin, war Mitglied der Federal Reserve Bank unter Barack Obama und Donald Trump. Brainard fing ihre Karriere bei der Beratungsfirma McKinsey an. Selbst Diplomatenkind, in Hamburg geboren, wurde sie im Jahr 2010 als erfahrene Top-Diplomatin in Obamas Finanzministerium gefeiert. In ihrer Zeit im Finanzministerium war sie für die Euro-Krise und für die Auseinandersetzung mit angeblichen chinesischen Währungsmanipulationen zuständig. Damals hat sich Brainard auf markante Weise auf die Seite der Chinesen gestellt. Die Chinesen sollten im globalen Wirtschaftssystem nicht als Manipulatoren gebrandmarkt werden. Eine weitere China-Verbindung sind Hunter Bidens Wirtschaftskontakte mit chinesischen Firmen, die in den letzten Tagen des Wahlkampfs unangenehm aufgefallen sind.