Bienen: Das große Summen

Berlin - Hilde Smits freut sich schon. Noch ein paar Tage und ein bisschen mehr Wärme, zwölf Grad müssen es schon sein, dann geht es wieder los, dann werden ihre Schützlinge ausschwärmen, vielleicht eine Runde über dem Potsdamer Platz drehen, vielleicht am Brandenburger Tor vorbeischauen und sich dann sicherlich über die ersten blühenden Bäume im Berliner Tiergarten hermachen.

Hilde Smits, 59, ist eine freundliche, ruhige Dame. Gelernte Heizungsbauerin und von Beruf Hausmeisterin. Und nebenbei ist sie Imkerin. Genauer: eine Stadtimkerin. Sie wird sich den Ausflug ihrer Bienen in Ruhe hoch oben vom Dach des Musikinstrumentenmuseums am Kulturforum anschauen. Dort stehen sei drei Jahren ihre Beuten, ihre Imkermagazine. Sie kommt am liebsten morgens früh und setzt sich neben die Holzkisten, die langsam von der Sonne angewärmt werden und ihre Bienen munter machen. „Ich gucke einfach gerne zu“, sagt sie.

Seit ein paar Jahren tun sich eigenartige Dinge in Deutschlands Städten. Auf Flachdächern und großen Balkonen, in Gärten, in Höfen, es summt und brummt, schwirrt und krabbelt: Hamburger, Berliner, Münchener, Dresdener, Kölner, Leipziger, Duisburger – sie alle haben das Imkern entdeckt, gehen in Kurse an Volkshochschulen oder in Imkervereinen, halten dann drei bis fünfzehn Bienenvölker, schleudern Honig, verschenken und verkaufen ihn.

Landlust im Herzen

Ganz so neu ist das allerdings auch nicht. Schon die amerikanischen Präsidenten George Washington und Thomas Jefferson haben geimkert. Johann Wolfgang von Goethe ebenfalls, wie auch seine Dichterkollegen Leo Tolstoi und Wilhelm Busch. Max Schmeling, der Boxer, war Imker, der Schauspieler Matt Damon ist es noch. Und auch die Politiker Peter Harry Carstensen und Winfried Kretschmann sind fasziniert vom Summen und Sammeln.

In Deutschland gibt es derzeit 94.000 Imker, die 750.000 Bienenvölker halten. Jahrelang waren die Zahlen stark zurückgegangen, doch vor einiger Zeit hat sich der Trend gedreht. Ein stiller Hype ist entstanden, eine wachsende Bewegung, vor allem in den Städten. Es begann in New York, Paris, in London und Toronto. Und mittlerweile stehen Bienenvölker sogar auf dem Berliner Dom und auf dem Abgeordnetenhaus. Im Herzen sind manche Städter wohl doch lieber Naturmenschen, Dörfler, Gemüsebauern. Man braucht einen Ausgleich, blättert und träumt in der Zeitschrift Landlust, freut sich am eigenen Obst und Gemüse oder einfach daran, in der Erde zu wühlen oder Dingen beim Wachsen zuzusehen.

Nun kommt noch die Imkerei dazu. Warum auch nicht. Die Stadt ist ein idealer Lebensraum für Bienen. Es geht ihnen schlicht besser als auf dem Land. Städte sind im Durchschnitt drei Grad wärmer als das Umland, es gibt Bienennahrung reichlich, Parks mit Robinien, Kastanien, Linden, zugewucherte Brachflächen. Vor allem gibt es keine Landwirtschaft und den mit ihr verbundenen Einsatz von Pestiziden. Das merken die Imker vor allem bei der Ernte: In der Stadt bringt ein Bienenvolk vierzig und mehr Kilogramm Honig ein, auf dem Land ist es gut die Hälfte.

Ein Sonnabendvormittag in Rhäsa, einem Dorf in Sachsen. Im kleinen Saal der Bäckerei Kohlar steht Steffen Wittig vor gut fünfzig Neu-Imkern. Junge Leute, alte Leute, vom Dorf, aus Dresden, Leipzig und Chemnitz. Alle wollen wissen, wie es geht. Wittig ist ein sportlicher Mann, Mitte vierzig, Familienvater, von Beruf Rettungssanitäter. Nebenbei hält er 17 Bienenvölker, bietet Kurse an und verkauft Imkereibedarf. 1989 fing er zusammen mit seinem Vater mit der Imkerei an, seit ein paar Jahren gibt er sein Wissen weiter und spricht auch vor Schulklassen. „Zu Anfang belächelten mich Imkerkollegen“, erzählt er. Niemand rechnete damit, dass Leute zu ihm kämen. „Sei nicht enttäuscht“, riet man ihm.

Heute kann er sich vor Nachfragen kaum retten. Seine Kurse sind sämtlich ausgebucht. „Das ist regelrecht explodiert“, sagt er. „Sechzehn Jahre ging es mit der Imkerei in Sachsen bergab und jetzt wieder bergauf. Die Leute haben mitbekommen, dass es Bienen schlecht geht. Nun wollen sie etwas tun.“

Es gibt ja auch bedrohliche Nachrichten: 2011 schlug die Uno Alarm, weil in immer größeren Weltgegenden Bienen einfach aussterben. Die Gründe sind vielfältig. Schädlinge, Pilze, bienengefährliche Stoffe in der Landwirtschaft, die Kombination aus alldem. Und über Gegenmaßnahmen wird noch gegrübelt.

Im vorigen Jahr kam die Dokumentation „More than honey“ des Schweizer Regisseurs Markus Imhoof in die Kinos. Ein melancholisches Werk, das sich auf die Spur des Bienensterbens macht und unter anderem chinesische Arbeitsbrigaden zeigt, die in vergifteten Landstrichen in Obstbäumen herumklettern und mit einem Pinselchen Blüten bestäuben, weil es dort überhaupt keine Bienen mehr gibt. „Das Bienensterben wird in seinen Konsequenzen und in seiner Dimension unterschätzt“, warnte vor zwei Jahren der Bienenforscher Jürgen Tautz im Nachrichtenmagazin Spiegel. „Bei den Bienen passiert weltweit etwas, das wir kaum verstehen.“

Aber verstehen müssen, denn laut Uno hängt die Ernährung der Menschheit größtenteils von der Fleißarbeit der Bienen ab. Von den wichtigsten hundert Nahrungspflanzen werden mehr als siebzig durch Bienen bestäubt. Ohne Bienen droht noch mehr Hunger. Die Europäische Union hat Anfang des Jahres ein Verbot für bestimmte Pestizide empfohlen. Die sogenannten Neonicotinoide, verwendet beim Anbau von Mais, Raps und anderen Nutzpflanzen, werden für zwei Jahre ausgesetzt. Imker hatten festgestellt, dass Bienen nach dem Einsatz von Neonicotinoiden zwar nicht starben, aber den Orientierungssinn verloren hatten und den eigenen Bienenstock nicht wiederfanden. In Deutschland sind solche Spritzmittel nur noch stark eingeschränkt erlaubt, seit es 2008 ein großes Bienensterben gab.

„Die Landwirtschaft ist ein großes Problem“, sagt der Imker Steffen Wittig. In seinen Kursen wird er ständig gefragt, ob und was man gegen das Spritzen in der Landwirtschaft tun könne. Sein Rat an alle Neu-Imker vom Lande: „Redet mit den Bauern. Man muss aufeinander zugehen, anders funktioniert es nicht.“ Er sagt, er habe damit gute Erfahrungen gemacht, die Bauern spritzten dann frühmorgens oder abends, wenn seine Bienen nicht umherflögen.

Imkerische Glaubensfragen

Aber an diesem Vormittag geht es nicht ums globale Bienensterben, sondern um imkerische Glaubensfragen: Welche Beute ist die richtige? Es gibt unzählige Formate für die Beute genannten stapelbaren Magazin-Kisten, alle nach ihrem Maß, der Methode oder dem Erfinder benannt: Dadant, Langstroht, Deutsch-Normalmaß, Zander, Warré oder das Top Bar Hive. Es gibt den Kaltbau und den Warmbau, was damit zu tun hat, ob die Rähmchen mit der Bienenbrut oder dem Honig quer oder längs zum Einflugloch aufgehängt sind. Es gibt die verschiedensten Rähmchengrößen, verschiedene Bienensorten, Carnica und Buckfast, es gibt unzählige Methoden, Bienenvölker zu vereinigen und das Ausschwärmen zu verhindern, Königinnen zu züchten oder den fiesen Hauptfeind, die Varroa-Milbe halbwegs in den Griff zu bekommen.

Steffen Wittig erklärt und erklärt und hat Mühe, den riesigen Berg an Fragen abzuarbeiten. Schließlich gibt er einen Rat: „Wenn Sie drei Jahre Imker sind, dann regelt es sich so ein. Dann wissen Sie, was zu tun ist, haben auch ein Gefühl dafür. Außerdem lassen die Schwellungen nach den Stichen deutlich nach.“

Die Berlinerin Hilde Smits kennt das alles. Die ersten Stiche, die Unmenge Fachwissen, die Angst davor, dass einem der ganze Bienenschwarm einfach davonfliegt. „Ich habe es wie die Kanzlerin gemacht“, sagt sie vergnügt. „Abwarten, aussitzen, wird schon.“ Vor drei Jahren hat sie ihren Kurs gemacht. An diesem Morgen ist sie mit dem Fahrrad aus Kreuzberg zum Musikinstrumentenmuseum am Tiergarten geradelt, hat sich beim Portier den Schlüssel fürs Dach geben lassen und ist mit dem Aufzug nach oben gefahren.

Nun beugt sie sich über ihre Beuten, hat unten einen Schieber rausgezogen, auf dem all das liegt, was die Bienen im Winter haben fallen lassen. Noch fliegen sie nicht, es ist eine Spur zu kalt an diesem Tag. Sie blickt auf das Brett. „Keine Milben“, sagt sie zufrieden.

Warum müssen es bei ihr ausgerechnet Bienen sein? Die Deutschen halten sich: eine Million Reitpferde, 8,2 Millionen Katzen, 5,4 Millionen Hunde, 5,6 Millionen Kleintiere wie Hamster oder Meerschweinchen, 3,4 Millionen Vögel. Außerdem gibt es hierzulande zwei Millionen Aquarien, etwa gleich viele Zierfischteiche und 400 000 Terrarien. Warum also Bienen?

„Bienen sind richtig interessant“, sagt Hilde Smits. „Sie sind anders, eigenartig, auch etwas geheimnisvoll, vor allem aber sind sie nützlich.“ Sie sieht das nicht allein so: In ihrem Verein in Steglitz treten monatlich zehn bis fünfzehn neue Imker ein, mittlerweile sind es schon hundertfünfzig, sie machen Kurse, kaufen sich Bienenmagazine und wagen das kleine Abenteuer in der Großstadt. Allein in Berlin gibt es schon etwa tausend Imker.

Hilde Smits schabt mit einem kleinen Eisen ein paar tote Bienen aus dem Einflugloch. Viele sind es nicht. „Es geht“, sagt sie. Im Winter bilden die übriggebliebenen Bienen eine Kugel um die Königin herum und wärmen sie. Manchmal stirbt ein ganzes Volk, oft schrumpft es enorm zusammen. Aber bei ihr sieht alles gut aus.

Dann holt sie ein kleines Glas Honig aus der Tasche. „Berlin summt“, steht auf dem Deckel, ihr Name auf dem Etikett. „Berlin summt“, das ist eine muntere Initiative, die die Stadtimkerei an prominenten Orten in Berlin vorantreibt. „Schmeckt süßlich und nach Akazie“, sagt sie stolz. „Aber der Honig ist für mich nicht das Wichtigste.“ Ihre erste Ernte war noch sehr klein: „Nur fünf Pfund.“

Schwellungen im Gesicht

Da sind Stefan Weiland und Kuno Thiemig schon weiter. Die beiden Dresdner Ingenieure imkern mit ihren fünf Völkern seit einigen Jahren auf dem Dach eines Hauses in der Nähe des Neustädter Bahnhofs. Sie sind Nachbarn. „120 Kilogramm Honig, das ist immer drin“, sagt Thiemig, als er gerade durchs Fenster zurück in das Haus klettert. „Und man wird ihn immer los.“ Sie kommen ins Schwärmen, wenn sie von ihrem Hobby sprechen, vom leckeren Robinienhonig, auch von den Fehlern, die sie machten, den falschen Bienen aus den Beständen des Vaters, die ein Spur zu aggressiv waren, von den Schwellungen im Gesicht.

„Es ist vielschichtig, spannend, unvorhersehbar, ich kann es eigentlich nicht beschreiben“, sagt Stefan Weiland. Sie sind zwei von heute hundert Imkern allein in Dresden, sie sind im Viertel bekannt. Schulklassen kommen vorbei und sehen sich den Betrieb auf dem Grasdach an, lassen sich erzählen, dass Bienen in einem Umkreis von drei Kilometern ausschwärmen, etwa 40.000 Mal ausfliegen müssen für ein Pfund Honig und dass sie dabei 120 000 Kilometer zurücklegen.

„Die Leute interessieren sich wieder für so etwas“, sagt Thiemig. „Für Honig, für Lebensmittel, dafür, wo die Dinge herkommen und wie sie gemacht werden. Vielleicht hat das ja auch mit all diesen Lebensmittelskandalen zu tun.“ Auch seine Bienen schwirren bald los. Die Nachbarn werden vorgewarnt, am Erstflugtag nicht gerade Wäsche im Garten aufzuhängen. Der erste Flug nach dem Winter dient Bienen dazu, die winzigen Därme zu leeren. Viel Kleinvieh macht allerdings auch viel Mist, weiße Bettlaken werden dazu bevorzugt angeflogen und mit gelben Punkten übersät.

Letztes Jahr, erzählt Thiemig, sei es ganz schlimm gewesen. Die Bienen hatten Durchfall. Aber das habe er in den Griff bekommen mit einer Fangopackung, die mit Zuckerwasser beträufelt wurde und als Heilnahrung diente. Er grinst vergnügt bei der Beschreibung der Methode. „Muss man erst einmal drauf kommen.“