324 Meter hohe Ingenieurskunst: der Pariser Eiffelturm.
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Paris/BerlinIn Frankreich treten in dieser Woche weitere Lockerungen in Kraft. Schulen dürfen unter Auflagen wieder öffnen, Campingplätze und Kinos ebenfalls, zudem sind erstmals seit gut drei Monaten alle Stationen der Pariser Metro wieder zugänglich. Und dann ist da noch eine andere Lockerungsübung, die nicht nur unser Herz, sondern auch das vieler Franzosen und Touristen erwärmt. Ab Donnerstag kann man den Eiffelturm wieder besuchen – und dabei gleich etwas für die Fitness tun, bleiben die Aufzüge doch pandemiebedingt zunächst noch geschlossen. Die mehr als dreimonatige Schließung wegen Corona war die längste seit dem Zweiten Weltkrieg, heißt es. Grund genug, sich über die Wiedereröffnung zu freuen – und ein unerreichtes Bauwerk zu feiern, das mindestens ebenso oft kopiert wie verspottet wurde und aus derlei Widersprüchen seine einzigartige Aura speist. Eine Huldigung in sechs Etappen.

Rost & Eisen. Dieses Bauwerk ist monumental und filigran zugleich – eine seltene wie schöne Mischung. Im Eiffelturm stapeln sich 10.000 Tonnen Eisen in die Höhe und werden von 2,5 Millionen Nieten zusammengehalten. Die Bauzeit dieses Wunderwerks betrug trotz zweier Streiks gerade mal zwei Jahre. Während der Bauarbeiten kam es nur zu einem einzigen tödlichen Unfall – ein italienischer Arbeiter verunglückte beim Einbau der Aufzüge. Das Puddeleisen muss allerdings gepflegt werden: Für den Rostschutz sind 25 Maler unentwegt mit Anstricharbeiten beschäftigt – etwa alle sieben Jahre wird die Farbe runderneuert. Ein Komplettanstrich kostet drei Millionen Euro.

Kitsch & Kommerz. Paris-Besucher bekommen sie an jeder Ecke: Eiffelturm-Schlüsselanhänger, Eiffelturm-Schneekugeln, Eiffelturm-Kühlschrankmagneten. Die Vermarktung des Turms begann bereits, da war er noch gar nicht fertig gebaut. Gustave Eiffel organisierte Werbemaßnahmen, die die Proteste gegen sein Lebenswerk etwas leiser erscheinen lassen sollten. Bis heute nutzen bekannte Marken den Turm als Werbeträger, in der Hoffnung, dass ein wenig von seiner Strahlkraft auf sie selbst abfärben möge. Die Spiele-Industrie wurde vom Eisengiganten zu Höchstleistungen angetrieben, eine koreanische Firma bietet ihn gar als Modellbausatz im Maßstab 1:160 an. Fertig aufgebaut, ist er zwei Meter hoch und 25 Kilo schwer. Viel Spaß!

Original & Kopie. Einmal fertiggestellt, löste der Eiffelturm weltweit eine wahre Turmbauwelle aus. Besonders im Vereinigten Königreich versuchte man, den Franzosen nachzueifern, und so entstand als einer der ersten Nachbauten der 1894 eröffnete nordenglische Blackpool Tower. Aus Deutschland kamen teils abenteuerliche Übertrumpfungsideen, wie das Rheinturm-Vorhaben von 1913 mit einem 500 Meter hohen Stahlfachwerkturm, der dann aber doch nie umgesetzt wurde. Nun, wenigstens der Berliner Funkturm lehnte sich später am Konstruktionsprinzip des großen Pariser Bruders an, darüber hinaus finden sich in allen erdenklichen Miniaturenparks niedliche Nachbildungen. Das Original bleibt natürlich unerreicht.

Film & Fernsehen. Was wäre ein Paris-Film ohne die städtische Skyline, und was wäre diese Skyline ohne seine gertenschlanke, hochgewachsene Hauptfigur. Schon die Brüder Lumière zeigten in einem Dokumentarfilm aus dem Jahr 1897 eine schwindelerregende Turmauffahrt. Im Science-Fiction-Stummfilm „Paris im Schlaf“ von 1925 erwacht ein Mann nach dem Anschlag eines verrückten Wissenschaftlers auf dem Eiffelturm und findet die französische Metropole als Geisterstadt vor. Und natürlich durfte sich auch James Bond am Wahrzeichen austoben. In „Im Angesicht des Todes“ aus den Achtzigern kann der Bösewicht mit einem spektakulären Sprung vom Eiffelturm entkommen. Krass!

Höhe & Angst. Jeder Turm ist eine angstbesetzte Zumutung – allein der Höhe wegen. Gedacht als technisch-industrieller Leistungsnachweis für die Pariser Weltausstellung 1889 und zugleich als modern-mythische Reminiszenz an die revolutionären Ursprünge der Grande Nation, wurde der Eiffelturm zu Beginn vor allem angefeindet. Künstler, Dichter und Denker polemisierten gegen die Verschandelung ihrer Stadt durch diesen „Turm von Babel“ und beriefen sich damit auf ein konterrevolutionäres, da religiöses Argument. Ach, Grenzen der Aufklärung … Schwamm drüber, heute sorgt ein Glasboden in 57 Metern Höhe für harmlosen Höhenangstlustschwindel. Mehr Affekt ist nicht geblieben.

Nazis & Fahnen. Die mythische und damit ja auch politische Qualität des Eiffelturms stellt eine Begebenheit besonders eindrucksvoll unter Beweis. 1940 besetzten deutsche Truppen die französische Hauptstadt und wollten an deren höchstem Punkt, dem Tour Eiffel, ihre Besitzansprüche anzeigen. Allerdings waren die Aufzugskabel im 324 Meter hohen Eisenfachwerkturm gekappt worden und konnten wegen des Gütermangels im Zweiten Weltkrieg nicht repariert werden. Die Wehrmacht musste also ihre große, schwere Hakenkreuzfahne über die Treppen zur Spitze tragen – wo sie bereits nach wenigen Stunden weggeweht wurde. Später flatterte dort ein deutlich kleineres Exemplar.