Diplomatische Floskeln? Zeitverschwendung. Freundliche Gesprächsangebote an die künftigen Partner? Fehlanzeige. Stattdessen: Jede Menge Superlative. Sprunghafte Gedanken. Sätze unter Dauerstrom.

Der künftige US-Präsident Donald Trump präsentiert sich im Interview mit der Bild-Zeitung und der Londoner Times wie beim Kurznachrichtendienst Twitter, wo er nach eigenem Bekunden gerne mal „ein Ding“ raushaut.  Sein Rundumschlag löste in Berlin und Brüssel Kopfschütteln, Befremden und auch Sorgen aus. Die wichtigsten Themen: 

Deutschland

Auf Trumps Schreibtisch türmen sich Bücher, Papiere und ein Base-Cap. Die Fensterbänke sind mit Erinnerungsstücken, Pokalen und Urkunden überladen. Angesichts dieses Chaos verwundert die Antwort des Präsidenten auf die Frage nach seinem deutschen Erbe: „Ich mag Ordnung. Ich mag es, wenn die Dinge ordentlich erledigt werden.“ Sehr stolz sei er auf seine Wurzeln in der Pfalz, sagt der 70-Jährige: „Bad Dürkheim, ja? Das ist echtes Deutschland, nicht wahr?“ Unbestreitbar ist, dass Trumps Großvater Friedrich aus Kallstadt bei Bad Dürkheim stammte und seine Heimat 1885 in Richtung Amerika verließ. Beobachter erwarten, dass Trump die pfälzische Weinstraße als einen der ersten Orte bei einem möglichen Deutschland-Besuch aufsuchen dürfte.

Kanzlerin Merkel

Im Wahlkampf hatte Trump die Öffnung der deutschen Grenzen für Flüchtlinge als „geisteskrank“ bezeichnet. Im Interview nun gibt er sich etwas höflicher, aber kaum weniger kritisch gegenüber Kanzlerin Angela Merkel. Er kenne sie nicht. „Ich hatte großen Respekt für sie“, sagt er in der Vergangenheitsform. Aber die CDU-Politikerin habe „einen äußerst katastrophalen Fehler“ gemacht.  An anderer Stelle erklärt Trump, Merkel sei „mit Abstand einer der wichtigsten Regierungschefs.“ Er werde sie treffen, kündigt er unbestimmt an: „Ich respektiere und ich mag sie.“ Die Kanzlerin reagierte kühl. Sie habe das Interview mit Interesse gelesen, ließ sie ihren Sprecher Steffen Seibert mitteilen: „Nun warten wir, wie es sich gehört, die Amtseinführung des Präsidenten Trump ab und werden dann mit der neuen Regierung eng zusammenarbeiten“, sagte er. Nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters bemüht sich Merkel um einen Termin bei Trump. Sie habe angeboten,  als G20-Vorsitzende in die USA zu kommen. Ansonsten könnte es spätestens beim G20-Gipfel in Hamburg am 8. Juli zu einer Begegnung kommen. 

Terror

Bemerkenswert kritisch äußert sich Trump über Russland, dessen Präsident Wladimir Putin er bislang stets gelobt hatte. Putins militärisches Eingreifen in den syrischen Bürgerkrieg sei „eine sehr üble Sache, sehr schlimm“, sagt der Präsident.  Als Ursache des Syrien-Konflikts verweist Trump ausdrücklich auch auf amerikanische Fehler: „Der Irak hätte gar nicht erst angegriffen werden dürfen“, sagt er: „Wir haben da etwas entfesselt – das war, wie Steine in ein Bienennest zu schmeißen.“ Nun habe die Bekämpfung der Terrororganisation IS für ihn höchste Priorität. Nachfragen über konkrete Pläne im Kampf gegen den Terror wehrt er ab: „Das werde ich jetzt nicht sagen.“

Nato

Normalerweise ist der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen. Doch Trumps Äußerungen zur Nato seien bei der Allianz mit „Verwunderung und Aufregung“ zur Kenntnis genommen worden, berichtete der SPD-Politiker am Montag undiplomatisch. „Die Nato hat Probleme. Sie ist obsolet“, erklärt Trump kurzerhand. Schließlich sei das Verteidigungsbündnis schon „vor vielen, vielen Jahren“ entworfen worden. Vor allem aber zahlten viele Mitgliedsstaaten für den Schutz nicht, „was sie zahlen müssten“.  Washington drängt die europäischen Verbündeten nicht erst seit Trump zu einer stärkeren Lastenverteilung. Ziel ist bislang,  dass jedes Mitglied zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung ausgibt. „Es gibt fünf Länder, die zahlen, was sie sollen“, beschwert sich Trump. Dies sei zu wenig bei 22 NATO-Staaten. Tatsächlich hat das Verteidigungsbündnis allerdings 28 Mitglieder. Die USA lagen zuletzt bei 3,5 Prozent der Wirtschaftsleistung. Deutschland zahlt 1,2 Prozent. In Trumps Denkweise spiele „der Westen keine Rolle“, monierte der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen.

Europa

Sehr negativ fällt auch Trumps Blick auf die Europäische Union aus. Er begrüßt ausdrücklich den Brexit. „Länder wollen ihre eigene Identität“, sagt er. Und als amerikanischen Präsidenten sind ihm ganz offensichtlich Verhandlungen mit einzelnen Ländern lieber als mit einem Staatenbündnis. Also treibt er in dem Interview den Spaltpilz weiter voran. „Im Grunde genommen ist die Europäische Union ein Mittel zum Zweck für Deutschland“, sagt er. Typisch für Trump ist der Verweis auf seine subjektiven Erfahrungen: Ein Bauprojekt seiner Firma in Irland sei wegen Umweltschutz-Auflagen der EU nicht vorangekommen, berichtet er: „Ich habe gesagt: Vergesst es, ich baue das hier nicht.“ Trumps Erwartung, weitere Länder könnten dem Beispiel Großbritanniens folgen und aus er EU austreten, wurden in Brüssel entschieden zurückgewiesen: „Das ist reine Fantasie, eine schlechte Fantasie“, sagte EU-Wirtschaftskommissar Pierre Moscovici.

Handel

Nachdem Trump schon amerikanischen Autokonzernen mit Strafzöllen gedroht hatte, falls sie Teile ihrer Produktion ins Ausland verlagern, knöpft er sich nun BMW vor. Der bayerische Karossenbauer will 2019 eine Fabrik in Mexiko eröffnen. „Sie können Autos für die USA bauen, aber sie werden für jedes Auto, das in die USA kommt, 35 Prozent Steuern zahlen“, droht Trump. Man nehme die Äußerung ernst, sagte der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), Matthias Wissmann. Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) riet, nun nicht hektisch zu werden, sondern erst einmal abzuwarten, wie sich Trump als Präsident verhält. Ausdrücklich konterte Gabriel Trumps Kritik daran, dass zu wenige US-amerikanische Chevrolets über deutsche Straßen rollen: „Dann müssen die Amerikaner eben bessere Autos bauen“.  Mit Strafzöllen werde Trump nicht mehr Jobs in den USA schaffen, es werde nur Verlierer geben, sagte Gabriel.