Wer Gutes tut, hat es nicht leicht: Bill Gates.
Foto: dpa/Gian Ehrenzeller

BerlinIn der Corona-Krise treten zurzeit nicht nur Pandemie-Leugner und Impfgegner auf den Plan, sondern auch lautstarke Verschwörungsgläubige. Corona solle genutzt werden, um eine neue Weltordnung zu schaffen, die Weltbevölkerung zu reduzieren und digital zu versklaven, lautet eine Theorie, in deren Mittelpunkt vor allem die Bill & Melinda Gates Foundation steht. In einem millionenfach geklickten Video auf YouTube behauptet der Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen, der US-Milliardär Bill Gates und seine Ehefrau hätten „inzwischen mehr Macht als Roosevelt, Churchill, Stalin und Hitler seinerzeit zusammen“. Doch warum gerade Bill Gates? Was macht seine Stiftung, und was steckt hinter den gegen ihn erhobenen Vorwürfen?

1975 gründete der 1955 in Seattle geborene Programmierer Bill Gates gemeinsam mit Paul Allen das Unternehmen Microsoft, das in den 90er-Jahren zum Marktführer bei PC-Betriebssystemen aufstieg. 2008 zog sich Gates - mit einem Vermögen von 98 Milliarden Dollar laut Forbes-Liste der zweitreichste Mensch der Welt - aus dem operativen Geschäft zurück. Seitdem widmet er sich überwiegend der Bill & Melinda Gates Foundation, einer wohltätigen Stiftung, die er 1999 mit seiner Frau, der Informatikerin Melinda Gates, ins Leben gerufen hatte.

Die Stiftung – mit einem geschätzten Vermögen von mehr als 46 Milliarden Dollar die größte private wohltätige Stiftung der Welt –verfolgt nach eigenen Angaben fünf Hauptziele: die Verbesserung der Gesundheitsversorgung weltweit durch Forschung, Diagnostik und Impfprogramme; die Unterstützung der Versorgung von Neugeborenen und Kindern; das Vorantreiben der Chancengleichheit für Mädchen und Frauen; die Ausrottung von Krankheiten und die Verbesserung der Bildungschancen in den USA. Der Schwerpunkt der Stiftung liegt mit etwa zwei Dritteln des Jahresbudgets auf dem Vorantreiben globaler Entwicklungs-, Gesundheits- und Impfprogramme.

Zwangsimpfungen für alle?

Genau hier setzen die Verschwörungstheoretiker an: Sie unterstellen Bill Gates, er nutze die Corona-Pandemie als Vorwand, die Weltbevölkerung Zwangsimpfungen zu unterziehen. Verdächtig macht den Microsoft-Gründer in den Augen seiner Gegner auch die Tatsache, dass Gates schon seit mehreren Jahren vor dem Ausbruch einer Virus-Pandemie warnte, auf die die Menschheit nicht ausreichend vorbereitet sei.

Die Verschwörungstheoretiker behaupten unter anderem, die Gates-Stiftung habe die Entwicklung des neuartigen Coronavirus finanziert. Bill Gates besitze sogar ein Patent auf das Virus. Wahr ist: Das britische Pirbright-Institut, das von der Gates-Stiftung unterstützt wird, besitzt seit 2015 ein Patent mit dem Titel „Coronavirus“. Dabei geht es aber um genetische Forschungen an einem Coronavirus, das nur Vögel befällt, hauptsächlich Hühner. Das Institut befasst sich mit Infektionskrankheiten bei Nutztieren und nicht mit Viren, die Menschen befallen.

Aus Reizworten und bewussten Verdrehungen sind auch die anderen Theorien gestrickt. Zum Beispiel die, dass Bill Gates die ganze Weltbevölkerung „chippen“ wolle. Geplant sei, allen Menschen per Impfung winzigste Mikrochips oder Biokapseln zu injizieren, um sie fortan zu kontrollieren. Als „Beweis“ dient ein Zitat von Gates selbst: „Irgendwann werden wir digitale Zertifikate haben, die zeigen, wer wieder gesund wurde, wer kürzlich getestet wurde oder – sobald wir einen Impfstoff haben – wer ihn erhalten hat.“

Wahr ist: Ein Projekt der Gates-Stiftung befasst sich mit digitalen Zertifikaten. Und zwar im Zusammenhang mit einer digitalen Plattform für Corona-Infizierte. Die Idee: Menschen sollen sich, falls dies technisch möglich ist, zu Hause selbst testen. Im Falle einer Infektion sollen sie sich ganz anonym – gesichert durch ein digitales Zertifikat – auf einer Plattform eintragen können. Diese könnte einen Überblick geben, wo es besonders viele Fälle gibt und man deshalb das Social Distancing verstärken sollte.

Falsch ist, dass die Gates-Stiftung Mikrochips entwickeln will, um sie allen Menschen zu implantieren. Wahr ist, dass die Stiftung das Projekt eines Impfpasses für entwicklungsschwache Länder fördert. Während es hierzulande Impfausweise gibt, existiert in vielen Ländern nichts dergleichen. Also entstand die Idee, unsichtbare Tattoos für Geimpfte zu entwickeln. Damit kann man keine Bewegungen und anderes verfolgen, allein beim Arztbesuch soll ein Mediziner mit einem Spezialhandy die Informationen auf der Haut ablesen können. So sollen auch unnötige Mehrfachimpfungen verhindert werden.

Alternative Verhütungsmethode

Außerdem gibt es das Projekt einer neuen Verhütungsmethode für Frauen aus Entwicklungsländern, wo entsprechende Mittel oft noch rar sind. Statt der regelmäßigen Einnahme der Pille – vielerorts nicht umzusetzen – soll ein Mikrochip unter der Haut 16 Jahre lang regelmäßig eine Hormondosis abgeben.

Perfide ist der Vorwurf an Gates, er wolle mit Impfungen die Weltbevölkerung dezimieren. Herangezogen wird dabei sein Zitat: „Impfen ist die beste Art der Bevölkerungsreduktion.“ Dabei wird allerdings ignoriert, dass er dies im Zusammenhang mit der Verringerung des Kohlendioxid-Ausstoßes der rasant wachsenden Menschheit sagte. Mit guter Gesundheitsvorsorge könne man den CO2-Ausstoß der Menschheit um 10 bis 15 Prozent senken, meinte Gates. Denn: Je mehr Kinder geimpft würden, desto länger lebten sie und desto geringer falle die Kindersterblichkeit aus. Die Eltern würden folglich weniger Kinder in die Welt setzen, um später von ihnen unterstützt zu werden. Es geht also um eine Senkung der Sterblichkeit, nicht um eine Erhöhung!

Die abstrusen Vorwürfe der Verschwörungstheoretiker überdecken, dass es schon seit Jahren immer wieder auch Kritik an der Bill & Melinda Gates Foundation selbst gibt. Unmut erregt vor allem die Tatsache, dass die Stiftung Aktien in große Unternehmen investiert, die im Verdacht stehen, Gesundheits- und Umweltstandards zu missachten. Ein weiterer Punkt betrifft das Engagement der Stiftung für die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die in der Corona-Krise selbst in die Kritik geraten ist; unter anderem deshalb, weil sie nicht früh und weitreichend genug vor den Gefahren des Virus gewarnt habe.

Nachdem die WHO ursprünglich durch Beiträge der Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen finanziert wurde, werden inzwischen 80 Prozent der WHO-Finanzierung durch Spenden bestritten. Die Gates-Stiftung spendete 2018 fast 229 Millionen Dollar, das entspricht etwa sechs Prozent des WHO-Gesamtbudgets.

Damit kann zwar nicht die Rede davon sein, dass die Gates-Stiftung die WHO finanziert und damit lenkt, so wie es Verschwörungstheoretiker behaupten. Aber natürlich kann die Gates-Stiftung, wie auch die anderen Spender, durch Zweckbindung ihrer Spenden auf die Programme der WHO Einfluss nehmen. So besteht die Gefahr, dass einige Programme vernachlässigt werden – eben weil sich die Spender auf bestimmte Bereiche konzentrieren.

Auch kann man es grundsätzlich fragwürdig finden, wenn wohlhabende Regierungen, Pharmafirmen oder eben Stiftungen nach eigenem Ermessen Einfluss auf die globale Gesundheitsentwicklung nehmen. Das allerdings ist zuvörderst ein Problem, das auf politischer Ebene gelöst werden muss: Solange die WHO von ihren Mitgliedstaaten nicht ausreichend finanziert wird, bleibt die Organisation auf Großspender wie Gates angewiesen.