Schweinefleisch ist wesentlicher Teil des deutschen Speiseplans. 
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BerlinDas Kabinett hat die Arbeitsschutzvorschriften in der Fleischindustrie deutlich verschärft. Zentral ist dabei ein Verbot von Werkverträgen. Ab dem 1. Januar 2021 soll das Schlachten und Verarbeiten von Fleisch nur noch Betriebsangehörigen erlaubt sein. Anlass war der Ausbruch von Corona-Infektionen unter Mitarbeitern von Schlachtbetrieben, angeheuert von Subunternehmen, die die Menschen oft in zu engen Unterkünften untergebracht haben. Die Verschärfung ist ein erster, wichtiger Schritt, sagt Reinhild Benning von Germanwatch e. V. Doch solange die Fleischwirtschaft exportfixiert sei, blieben auch bei der Umsetzung gesetzlicher Fortschritte für mehr Tierschutz und weniger Ausbeutung die Bremsen angezogen.

Frau Benning, dass die Zustände in vielen deutschen Fleischfabriken prekär sind, ist seit langer Zeit bekannt. Hätte sich ohne die Corona-Krise überhaupt irgendetwas geändert?

Durch die Krise haben uns die Missstände in der Fleischwirtschaft wie ein Bumerang wieder erreicht. Und auf einmal gibt es den politischen Willen zu Veränderungen. Die Schlachthofmitarbeitenden werden bisher ausgebeutet, sie tragen erhöhte Risiken an Corona oder auch Infekten mit multiresistenten Erregern zu erkranken, und wir als Gesellschaft schämen uns dessen schon lange. Jetzt endlich gibt es intensive Diskussionen, hier Veränderungen herbeizuführen. Nur hat die Bundesregierung diese Änderungen noch nicht in gesetzliche Rahmen gegossen. Dabei sinkt der Fleischkonsum in der Bevölkerung, die Nachfrage nach Fleisch aus alternativen Haltungen steigt, weil die Verbraucher eben nicht verantwortlich dafür sein möchten, dass Menschen, Tiere und die Umwelt ausgebeutet werden. Die Corona-Krise bietet auf jeden Fall eine Chance, den Fleischsektor vom Kopf auf die Füße zu stellen und in Richtung Nachhaltigkeit weiterzuentwickeln.

Wieso sind die Arbeitsverhältnisse gerade in der Fleischwirtschaft so ein Problem?

Die extreme Ausbeutung hat einen Grund darin, dass die Fleischindustrie weiter wachsen will, obwohl der Konsum in Deutschland und Europa stagniert oder sinkt. Also kommt nur der Export infrage. Der Export auf dem Weltmarkt allerdings kennt nur ein Kriterium: „Wo ist die Produktion am billigsten?“ Die Exportfixierung der Fleischwirtschaft ist ein Kern des Problems und muss beendet werden zugunsten anderer Geschäftsmodelle, die eine regionale Versorgung – und zwar wirklich nur Versorgung und nicht mehr Überproduktion – mit Fleisch zum Ziel haben. Ohne den politischen Rahmen dafür wird die Fleischwirtschaft das aber nicht tun. Wer verzichtet schon freiwillig auf Wachstum? Der Kabinettsbeschluss zur Verschärfung der Arbeitsschutzvorschriften in der Fleischindustrie ist deshalb ein erster, überaus wichtiger Schritt.

Der Fleischpreis in Deutschland liegt weit unter dem im europäischen Durchschnitt. Ist das Fleisch, was wir kaufen, tatsächlich viel zu billig?

Ja. In Deutschland hat die massenhafte Werbung für günstiges Fleisch das Nachfrageverhalten mit der Zeit so verändert, dass einige Verbraucherinnen und Verbraucher über Jahrzehnte auf billiges Fleisch konditioniert wurden. Inzwischen liegt Untersuchungen zufolge die Nachfrage nach Fleisch aus artgerechter Tierhaltung bei 20 Prozent und mehr. Das entsprechende Angebot in Deutschland liegt gerade mal bei gut einem Prozent. Viele sprechen hier von Marktversagen. Es liegt nahe, dass Schlachthofkonzerne kein Interesse daran haben, dass die Tiere mehr Platz im Stall erhalten, weil sie dann insgesamt weniger Schweine angeliefert bekommen. Und mit mehr Tierschutz würde die Produktion teurer. Damit wäre die deutsche Fleischindustrie auf dem Weltmarkt nicht mehr konkurrenzfähig.

Was also ist zu tun?

Solange die Fleischwirtschaft und die Bundesregierung exportfixiert bleiben, solange sind in diesem Markt die Bremsen angezogen gegen gesetzliche Fortschritte für mehr Tierschutz und weniger Ausbeutung. Jetzt ist der Zeitpunkt zum Umdenken gekommen. Es gibt ja schon Initiativen: Tierhalter, Umwelt- und Bauernverbände haben sich zusammengesetzt und im Kompetenznetzwerk Nutztierhaltung eine Strategie entwickelt, die einen Ausweg aus der Massentierhaltung zeigt. Bauern und Bäuerinnen in Deutschland tragen diesen Konsens mit für den Ausstieg aus der Massentierhaltung bis 2040, der zwar vom ehemaligen CDU-Minister Jochen Borchert herbeigeführt wurde, aber von CDU-Agrarministerin Julia Klöckner bislang nicht umgesetzt wird.

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Zur Person

Reinhild Benning ist Referentin für Landwirtschaft und Tierhaltung bei der Entwicklungs- und Umweltorganisation Germanwatch e. V. in Berlin.

Sie haben gerade gesagt, dass die deutsche Fleischindustrie befürchtet, nicht mehr konkurrenzfähig zu sein, wenn sie höhere Tier- und Arbeitsschutzstandards anwendet. Wie kann man es rechtfertigen, einen Industriezweig in seinen Expansionsmöglichkeiten zu beschneiden?

Was in diesem Geschäftsmodell der Weltmarktexporte nicht eingepreist ist, sind die externen Schäden, die durch die industrielle Fleischwirtschaft verursacht werden. Die Kosten etwa, die durch die Belastung unseres Grundwassers durch Nitrat und Phosphat aus der Fleischproduktion verursacht werden. Rein rechnerisch wird jedes fünfte Kilo erzeugtes Fleisch exportiert – aber die Gülle der Tiere bleibt hier und belastet unser Grundwasser. Das verursacht hohe externe Kosten, die wir, Sie und ich, als Wasserkonsumenten bezahlen müssen. Der zweite Punkt sind die Klima-Emissionen aus der industriellen Tierhaltung. Rund 70 Prozent der Klimagase aus der Landwirtschaft sind der Tierhaltung zuzuordnen. Hinzukommen Treibhausgase infolge der Futterimporte aus Regenwaldregionen. Auch hier sind die externen Kosten dafür nicht ins Schnitzel eingepreist. Oder nehmen wir den Verbrauch von Antibiotika: Zwar wurde der Antibiotikaeinsatz in der deutschen Tierhaltung in den letzten Jahren halbiert. Aber er liegt immer noch fast doppelt so hoch, wie in unseren EU-Nachbarländern, etwa in Dänemark oder Österreich. Der hohe Verbrauch von Antibiotika in der industriellen Tierhaltung trägt mit dazu bei, dass Krankheitserreger Resistenzen entwickeln und diese wichtigen Medikamente ihre Wirkung verlieren. In der Humanmedizin werden die Kosten für die Behandlung von Menschen mit Antibiotikaresistenzen als doppelt so hoch beziffert wie bei Menschen ohne Resistenzen. Das alles sind Kosten, die nicht von der Fleisch- oder der Milchindustrie getragen werden, sondern von uns allen. Die Gesundheitsrisiken handeln wir uns bei Billigfleisch automatisch mit ein. So gesehen ist Billigfleisch nicht billig und schon gar nicht sozialverträglich. Es kommt uns am Ende teuer zu stehen.

Warum ist ein Verbot von Werkverträgen so wichtig?

Wenn wir uns die Kostenstruktur der Billigfleischerzeugung ansehen, dann sind auf Ebene der Schlachthöfe die Arbeitskosten für die Schlachthofmitarbeiter einer der größten Posten. Das Geschäftsmodell Weltmarkt-Export im Wettbewerb mit Ländern wie Brasilien funktioniert nur durch die Ausbeutung der Mitarbeiter – und in Anteilen auch der Tiere und der Umwelt. Mit Beendigung der Werkverträge steigen die Kosten für die Schlachtung in Deutschland in solchem Maße an, dass der Weltmarktexport von Fleisch erschwert wird. Sie haben vorhin schon darauf hingewiesen: Wenn eine Branche exportieren möchte und dabei alle Kosten einpreist, dann kann man es ihr nicht verbieten. Aber die Fleischbranche in Deutschland schiebt bisher Sozial- und Umweltkosten auf ihre Beschäftigten, auf Dumpingpreise an die Bauernhöfe, auf Wasserwerke und – mit Blick auf Antibiotikaresistenzen – auf unsere Gesundheit ab und obendrein profitiert sie auch noch von den Agrarsubventionen, die auch aus Steuergeldern von Ihnen und mir stammen. Fleischpreise müssen endlich die hohen externen Kosten ehrlich widerspiegeln, die industrielle Tierhaltung und Fleischindustrie verursachen. Dafür haben wir das Verursacherprinzip in Deutschland und Europa und das muss auch angewendet werden.