BerlinStell Dir vor, wir leben in einer Corona-Pandemie mit vielen Toten, das gesellschaftliche Leben ist heruntergefahren, die Schulen geschlossen, die Aussicht auf eine schnelle Impfung für die meisten Bürger eine Illusion – und statt schnelle Abhilfe zu schaffen, zerlegt sich die Regierung Deines Landes selbst im Streit. So geht es uns derzeit in Deutschland.

Es klingt fast wie ein Witz: Ausgerechnet in den Ländern der populistisch regierenden Politiker Trump, Johnson und Netanjahu wird stetig geimpft. Deutschland aber, das sich so viel auf seine Tatkraft und sein besonnenes Handeln zugutehält, vermasselt seinen Impfauftakt. Er ist viel zu wenig Impfstoff im Land, und der wird auch noch eher gemächlich in die Arme der ersten Auserwählten gespritzt. Schlimm genug. Doch statt nachzusteuern, ist es der großen Koalition jetzt erst mal ganz wichtig, die Schuldigen für das Desaster auszumachen.

Der SPD-Finanzminister Olaf Scholz, von dem in den vergangenen Tagen nicht allzu viel zu sehen war, hat den Jahreswechsel genutzt, um ein paar inquisitorische Fragen an seinen Ministerkollegen Jens Spahn (CDU) aufzuschreiben. 24 Fragen und 48 Unterpunkte hat die Bildzeitung gezählt. Es sind schon interessante dabei, etwa, warum die EU nicht mehr Impfdosen bestellt hat. Und warum Deutschland nicht selbst mehr nachgeordert hat, als das noch einfacher war als jetzt. Allerdings wundert man sich, dass Scholz seinen Kollegen nicht einfach im Corona-Kabinett danach fragt, in dem sie gemeinsam sitzen.

Die Bundesrepublik befindet sich nun in der unangenehmsten Phase der Pandemie. Die erste war im vergangenen Frühjahr und von harten, aber beherzten Maßnahmen geprägt – Lockdown, Zähne zusammenbeißen, Infektionszahlen senken. Die zweite Phase gab es im Sommer und Frühherbst, in dem die Errungenschaften durch allgemeine Selbstgefälligkeit verspielt wurden. Nun haben wir Winter, und aus der nüchternen Erkenntnis eigener Bräsigkeit meint man die Parole „Rette sich, wer kann“ zu vernehmen. In der Politik klappt das am besten, wenn man anderen den Schwarzen Peter zuschieben kann.

Die große Koalition, die in der Krise bisher weitgehend einig agierte, ist nun wieder das, was sie vorher war: ein Zweckbündnis auf Zeit, in dem jede Partei für sich das Beste herausholen will. Schade, dass der Wahlkampf schon jetzt beginnt. Es wird ein langes Jahr werden.