Jens Teutrine, Bundesvorsitzender der Jungen Liberalen.
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BerlinJens Teutrine hatte kaum angefangen, da wurden ihm schon die ersten Labels aufgeklebt. Noch nicht einmal einen Monat ist es her, dass der 26-Jährige zum Bundesvorsitzenden der FDP-nahen Jungen Liberalen gewählt wurde. Er folgt damit auf Ria Schröder, die nicht mehr zu der Wahl antrat.

Seitdem wurde in eigentlich jedem Artikel über Teutrine betont, wie untypisch seine Biografie für die FDP sei. Philosophiestudent, Arbeiterkind, ehemaliger Förderschüler, der mit seiner Schwester bei einer alleinerziehenden Mutter aufwuchs – die obendrein als Putzfrau arbeitete.

Während die 28 Jahre alte Juristin Ria Schröder offenbar besser ins landläufige FDP-Bild passt, entzieht sich Teutrine den gängigen Klischeevorstellungen. Er selbst mag sich ohnehin nicht einer bestimmten Richtung zuordnen lassen und will das auch nicht für seine Partei gelten lassen. „Weder die Mitglieder noch die Zielgruppe der FDP kann man nach Alter, Einkommen oder Geschlecht definieren“, sagt Teutrine. Was sie verbinde, sei eine liberale Geisteshaltung und eine individualistische Lebenseinstellung.

Gleichzeitig ist es kein Geheimnis, dass die Julis ohnehin schon fast traditionell diverser aufgestellt sind als die Gesamt-FDP, die von außen immer noch eher als Partei besserverdienender älterer Männer wahrgenommen wird – wenngleich der Einfluss bei den Jungen wächst: Bei der letzten Bundestagswahl wurden die Freien Demokraten mit 13 Prozent die drittstärkste Partei bei den unter 30-Jährigen. Unter den Erstwählern fand sie sogar den größten Zuspruch.

Dazu passt eines der Hauptanliegen der Jungen Liberalen, das sie beim Bundesparteitag an diesem Sonnabend durchboxen wollen: Geht es nach der FDP-Jugend, so soll sich die gesamte Partei dafür einsetzen, dass das Wahlalter bei bundesweiten Wahlen auf 16 Jahre gesenkt wird. Ihre Argumentation: Die heutigen Teenager seien am stärksten von den politischen Entscheidungen betroffen, schließlich gehe es um ihre Zukunft.

Fehlentscheidungen von heute stellten die Jugendlichen vor die vollendeten Tatsachen von morgen, heißt es in dem entsprechenden Antrag der Julis, sei es in der Renten-, Klima- oder Digitalpolitik. Gleichzeitig würden Jugendliche in der Politik bislang kaum repräsentiert. Eine Herabsetzung des Wahlalters könne „zu einer sinnvollen Kurskorrektur der Parteipolitik und mehr Generationengerechtigkeit führen“.

„Die FDP hat die Chance zu beweisen, dass sie die Themen der jungen Generation wirklich ernst nimmt und dass sie jungen Leuten wirklich etwas zutraut.

Jens Teutrine, Bundesvorsitzender der Jungen Liberalen

„Sehr viele junge Menschen übernehmen gesellschaftliche Verantwortung und bringen sich politisch ein“, sagt Jens Teutrine. „Die FDP hat jetzt die Chance, zu beweisen, dass sie die Themen der jungen Generation wirklich ernst nimmt und dass sie jungen Leuten wirklich etwas zutraut.“

Rückenwind für den Antrag kommt nicht nur aus der jungen Partei-Generation. „Wir haben FDP-Mitglieder, die biologisch deutlich älter sind, unseren Antrag zum Wahlrecht ab 16 aber unterstützen, wie zum Beispiel Volker Wissing, Katja Suding, Joachim Stamp oder Thomas Sattelberger“, sagt Teutrine.

FDP-Politiker Hermann Otto Solms – mit 79 Jahren der zweitälteste Abgeordnete im Bundestag – plädiert gar dafür, das Wahlalter auf Null zu senken. Auch er argumentiert mit der Generationengerechtigkeit.

Die Konfliktlinie innerhalb der FDP verlaufe ohnehin nicht zwischen Alt und Jung, sozial-liberal und klassisch-liberal oder Stadt und Land, sagt Teutrine. „Aus meiner Sicht geht es um die Frage, was für eine Partei wir sein wollen. Wollen wir eine FDP, die sich an unser Leitbild hält, mutig ist, optimistisch kommuniziert und liberale Antworten für die Herausforderungen unserer Zeit formuliert? Oder fallen wir zurück in alte Muster, aus denen wir uns eigentlich schon befreit hatten, nachdem wir 2013 aus dem Bundestag geflogen sind: Ich habe keine Lust, dass wir uns ausschließlich am politischen Mitbewerber abarbeiten, uns mit uns selbst beschäftigen und uns in den eigenen Echokammern abschotten.“

„Wir haben in diesem Land keine echte Chancengerechtigkeit.

Jens Teutrine

Seine eigene Biografie passe übrigens sehr gut zu einer solchen modernen FDP und ihrer Philosophie, findet Teutrine: Aufstiegschancen für alle unabhängig von der Herkunft.

Bevor nun jemand auf die Idee kommen könnte, das als sozialdemokratische Agenda zu interpretieren, betont der Juli-Vorsitzende den Leistungsgedanken, der hinter alldem steht. „Das gehört auch zu dem freiheitlichen Lebensgefühl, das wir verkörpern: Selbstbestimmung, Leistung, Fleiß. Es soll nicht darauf ankommen, woher man kommt, sondern darauf, wohin man möchte.“

Also ist jeder seines Glückes Schmied? Jens Teutrine weiß, dass eine Gesellschaft, in der jeder Mensch die gleichen Startchancen bekommt, auch in Deutschland eine Utopie ist. „Wir haben in diesem Land keine echte Chancengerechtigkeit.“ Viel zu häufig hingen Bildungs- und Aufstiegschancen vom Elternhaus ab. Armut werde noch viel zu oft vererbt. „Aber die Frage ist doch, was man politisch tun kann, um das zu verändern. Es geht uns darum, das Aufstiegsversprechen unserer Gesellschaft zu erneuern und nicht darum, den gesellschaftlichen Status Quo zu verteidigen“, sagt Teutrine. Und dann fügt er noch etwas hinzu: „Wir sind ja keine Konservativen.“

Er sagt es mit Nachdruck.