Bornhagen im Eichsfeld - Eine der 24 grauen Stelen ist aus ihrer Verankerung gerissen worden, sie steht schief. Die hölzernen Pfähle, auf denen die Betonattrappen aufgesteckt sind, liegen frei, ein Stück unberührte Wiese lugt hervor.

Morius Enden, Aktivist der Berliner Künstlergruppe Zentrum für politische Schönheit,  stapft im Matsch mit weißen Turnschuhen und dunkelblauer Anzugjacke um den Quader herum, inspiziert grübelnd  das schräge Kunstwerk.  „Die müssen über den Zaun geklettert sein und versucht haben, es umzukippen“, murmelt er. Auf der Webcam, die das Grundstück überwacht, hat Enden gesehen, dass jemand nachts auf dem Grundstück war. „Komm, wir versuchen es mal“, ruft er den zwei anderen Aktivisten zu, die mit ihm aus Berlin nach Bornhagen gekommen sind. Gemeinsam richten die Stele wieder auf.

Es ist zwei Wochen her, dass das Kollektiv in dem kleinen thüringischen Dorf im katholischen Eichsfeld sein neuestes Kunstprojekt präsentiert hat: Direkt vor dem privaten Wohnhaus des Thüringer AfD-Chefs Björn Höcke, dessen radikaler Flügel gerade nach und nach die rechte Partei übernimmt, haben sich die Aktivisten undercover eingemietet. Auf dem Grundstück in der Friedenstraße bildeten sie das Berliner Holocaust-Mahnmal zur Erinnerung an die ermordeten Juden in Europa nach, das Höcke in einer vielbeachteten Rede verächtlich gemacht  hat. Damit haben die Künstler bundesweit für Gesprächsstoff gesorgt.

Im Dorf hinterließen sie wütende Anwohner,  allgemeine Verwirrung und Frust.

Nur wegen Höcke werde Bornhagen zum „braunen Nest“

Ein paar hundert Meter entfernt, am Fuß der Burgruine Hanstein – Ausflugsziel und „Perle der Region“, wie man hier schwärmt – sitzt Silvia Rinke und versteht die Welt nicht mehr. „Mir war bislang nicht bewusst, dass Kunst Menschen schaden darf“, sagt sie bitter, als sie mit den Reportern der „Thüringer Allgemeinen Zeitung“  über die Aktion der Berliner Künstler spricht.

Silvia Rinke  hat sich an die Presse gewandt, weil sie sich um all das sorgt, was sie hier aufgebaut hat, seit sie kurz nach der Wende am Fuß der Ruine, im ehemaligen Niemandsland zwischen Ost und West, mit ihrem Mann ein marodes Häuschen gekauft und restauriert hat. So wie überall in Bornhagen gerade gebaut werde, wo der Gasthof preisgekrönt sei und einige der 80 syrischen Flüchtlinge aus dem Dorf arbeiten.  „Eigentlich könnten die 223 Einwohner sich auf die Schultern klopfen. Vieles wurde erreicht“, sagt Rinke. „Doch jetzt wird dieses Dorf nur noch verunglimpft.“ 

Nur, weil es eben auch Höckes Wohnort sei, werde „Bornhagen jetzt als das ,braune Nest’ Deutschlands bezeichnet“. Sie fürchtet, dass der Weihnachtsmarkt, den sie organisiert hat, boykottiert wird. Schon würden gebuchte Führungen auf Burg Hanstein abgesagt, im Gasthof Tischreservierungen storniert. Sagt Rinke. „Was ich und andere mit den Händen aufbauen, wird mit dem Hintern der grölenden Demagogen wieder umgeschmissen.“

Silvia Rinke fühlt sich in Bornhagen akzeptiert und doch in der Opposition, als Protestantin unter Katholiken, als Wessi im Osten, als Grünen-Wählerin. Aber wenn sie von Demagogen spricht, meinte sie die Aktivisten, die immer weiter gegen Höcke vorgehen. An diesem Wochenende mit einer neuen Aktion: Auf Wahlplakaten und Flugblättern stellen sie ihn als „Landolf Ladig“ dar – das Pseudonym eines Neonazi-Schreiberlings, hinter der Höcke gesteckt habe. Er bestreitet das.

Künstler erhielten Morddrohungen

Man kann generell nicht sagen, dass die Kunstaktionen in Bornhagen bejubelt würden. Im Gegenteil. Erst am vorigen Wochenende haben Unbekannte den Künstlern die Reifen zweier Autos zerstochen. Eine Nachbarin im Dorf soll Täter in Sturmhauben gesehen haben, als die Polizei kurz nicht an den Grundstücken in der Friedensstraße stand. Sie ermittelt nun wegen politisch motivierter Sachbeschädigung. Schon zuvor hatten die Künstler Morddrohungen erhalten und ihr Mahnmal vorerst für die Öffentlichkeit geschlossen. Dabei gibt es aus ganz Deutschland Besucher-Anfragen.

In Bornhagen löst all das nur Abwehr aus. Es ist nicht so, dass Björn Höcke hier unerwünscht wäre.  Er hat zahlreiche Anhänger im Dorf, die ihm tatkräftig zur Seite stehen. Am Tag, als die Aktivisten ihr Projekt enthüllten, gab es Tumulte und Handgreiflichkeiten in der Auffahrt zum Haus, das das Zentrum für Politische Schönheit angemietet hat. Ortsbewohner versammelten sich, einige trugen AfD-Plakate. „Bolschewikenpack“ und „verdammtes Gesindel“ war zu hören. „Die sind alle gegen Höcke. Ich verstehe das gar nicht“, rief  ein Mann empört in die Kamera eines Spiegel-TV-Teams. „Das ist ein ganz großer Politiker!“