Der westdeutsche Politiker Kurt Biedenkopf (M.) stand zwölf Jahre lang an der Spitze des Freistaates Sachsen. Hier mit Kanzlerin Angela Merkel und seinem Nachfolger Michael Kretschmer zu seinem neunzigsten Geburtstag.
Robert Michael /dpa

BerlinEine Kollegin vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk sagte, sie habe sich bei der Wohnungssuche in Frankfurt (Oder) als Westdeutsche diskriminiert gefühlt. Von einer Vermieterin habe sie das Gefühl vermittelt bekommen, als Wessi nicht willkommen zu sein. Als sie sich um eine andere Wohnung bewarb, erzählte sie bei der ersten Besichtigung gleich von einer Tante in Leipzig. Da habe es geklappt.

Miese, faule Kollegen

Mich erinnerte die Geschichte an eine Begegnung mit einem Mann vor wenigen Jahren im Regionalexpress von Frankfurt nach Berlin. Der Mann stammte aus Hamburg, arbeitete seit Jahren als Bibliothekar in Frankfurt (Oder), lebte aber in Berlin. Auf der Fahrt erzählte er davon, wie schwer er es an der Oder habe, er müsse schlechten Kaffee trinken, miese, faule und Stasi-verseuchte Kollegen ertragen. Er tat mir leid. Hinter der Verachtung steckte etwas anderes, eine Enttäuschung, eine Trauer. Verachtung ist eine Abwehrreaktion, man verachtet das, was man nicht versteht, nicht verstehen will oder kann. Ich fragte ihn, ob er mal überlegt hat, nach Frankfurt zu ziehen. „Niemals“, rutschte es ihm heraus.

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Abgrenzung vom Westen

Viel wird im dreißigsten Jahr seit der Einheit über die Enttäuschungen der Ostdeutschen geredet, doch die Enttäuschung der Westdeutschen, die in den Osten gegangen sind, gehört unbedingt auch in die Geschichtsbücher. Von ihr hört man heute eher in kleineren Runden. Ich stieß auf einen etwas älteren Text des 2018 verstorbenen West-Berliner Schriftstellers Michael Rutschky über die neue Ost-Identität. „Wie erst jetzt die DDR entsteht“, heißt der Artikel, der 1995 in der Zeitschrift Merkur erschienen ist. „Warum erklären wir dies neu entstehende Ostdeutschland nicht einfach zu einem Teil der Bundesrepublik? Warum soll es eine DDR-Identität sein, die sich nachträglich als kulturelle Identität bildet, warum keine gesamtdeutsche? Weil diese Erfahrungs- und Erzählgemeinschaft sich selbst vom Westen abgrenzt“, schreibt Rutschky.

Einsamkeit im Wohnheim

Er lässt in seiner Erzählung einige Westler auftauchen, die sich in den Osten gewagt haben. Da ist der Hausbesetzer, der sich angewöhnt hat, „urst“ zu sagen und auf das „Gaucken“ schimpft. Da ist die Forscherin, die unter der Woche als Dozentin nach Dresden pendelt. Sie leidet dort unter dem schlechten Essen, hässlichen Filzlatschen und der Unterkunft im Wohnheim, das sich wie Knast anfühlt. Daraus spricht auch ein Gefühl der der Einsamkeit, der Trauer. Doch wird die Forscherin ausgegrenzt, wie Rutschky behauptet, oder grenzt sie sich selber aus?

Anlässlich des 90. Geburtstags von Kurt Biedenkopf, dem legendären, aus Ludwigshafen stammenden, sächsischen Ministerpräsidenten, sagte Kanzlerin Angela Merkel in der vergangenen Woche: Wandel koste Kraft, Mut, verlange Improvisation und Kreativität. Bleibt dran, liebe Wessis.