In einer neuen Recherche hat die Financial Times (FT) schwere Vorwürfe gegen das Management des Axel-Springer-Verlags erhoben. In dem Bericht beschreibt die FT den zeitlichen Verlauf des Verhaltens der Konzernspitze rund um die internen Ermittlungen zu den Vorwürfen gegen Reichelt und stellt Bezüge her, ab wann die Führung etwas gewusst haben soll. Die FT wirft Springer-Chef Mathias Döpfner vor, er habe nach dem Aufkommen der Vorwürfe versucht, unter anderem die Identität einer der betroffenen Frauen preiszugeben.

Außerdem habe das Management, das wegen der Enthüllungen in großer Sorge gewesen sei, einen Anwalt engagiert. Dieser sollte gegen Betroffene und angebliche Strippenzieher vorgehen, etwa gegen eine Exfreundin Reichelts, die als Zeugin aufgetreten war, und zwei „deutsche Satiriker“, die den Fall öffentlich thematisiert hatten.

Der Satiriker Jan Böhmermann, seit langem ein intimer Kenner der Vorgänge bei Springer, hat sich am Dienstag an die Journalisten der FT gewandt und fragte via Twitter: „Liebe FT, könntest Du bitte überprüfen, ob einer der ,zwei deutschen Satiriker‘ vielleicht Jan Böhmermann heißt?“ Böhmermann warf Döpfner in einem weiteren Tweet vor, „mit Stasi-Methoden gegen den ,DDR-Unrechtsstaat‘“ tätig zu werden. Außerdem verlangt Böhmermann: „Dr. Mathias Döpfner, ich will Deine Ausforschungsliste sehen.“

Böhmermann fragt den Springer-Konzern: „Habe ich das in der @ft richtig verstanden, @axelspringer ?!? Als Reaktion auf Euren Missbrauchsskandal ließ Euer Vorstandsvorsitzender Mathias Döpfner eine ,Liste von Personen zusammenstellen‘, die ,ausgeforscht‘ werden sollten, weil er hinter den Vorwürfen über systematischen Machtmissbrauch und sexistische Unternehmenskultur in seinem eigenen Haus eine ,Verschwörung‘ herbeihalluzinierte?!?“

Die Financial Times schreibt, dass die Vorwürfe gegen Reichelt bereits vor der Untersuchung dem Konzern bekannt gewesen sein sollen. Das Management dürfte im Kern daher mehr gewusst haben, als das Unternehmen nach außen angegeben hatte. Zudem sollen sich Springer-Chef Mathias Döpfner und Spitzenkräfte während der Ermittlungen und nach deren Abschluss für den Schutz Reichelts eingesetzt haben.

Der FT-Artikel könnte auch den am Springer-Konzern beteiligten Finanzinvestor KKR in Bedrängnis bringen. Der US-General Michael Petraeus, früher bei KKR, soll sich für Reichelt eingesetzt haben. Reichelt, zuvor Kriegsreporter, hatte in der Bild-Zeitung die besonderen Fähigkeiten von Petraeus gelobt.

Auch die Anwaltskanzlei Freshfields kommt in dem Bericht nicht gut weg: Sie soll nach dem Untersuchungsabschluss ein attraktives Mandat bei der Übernahme von Politico erhalten haben.

Böhmermann retweetet schließlich ein Post, in dem es in Anspielung auf ähnliche Praktiken bei Wirecard im Zusammenspiel mit EY heißt: „Empörend, dass die FT jetzt nach Wirecard ein zweites aufstrebendes Digitalunternehmen aus Deutschland mit haltlosen Gerüchten in die Knie zwingen will.“

Die FT hatte als eines der wenigen Medien sehr früh auf Betrugspraktiken bei Wirecard aufmerksam gemacht. Die Zeitung war dafür in Deutschland angefeindet worden. Mit der Wirecard-Pleite war jedoch klar: Die Zeitung hatte korrekt berichtet.