Bolschewistisches Schlachtfest: Vor 100 Jahren wurde die Zarenfamilie der Romanows erschossen

Moskau - Das letzte überlieferte Wort des abgedankten Zaren war eine ratlose Frage: „Was?“ Vorher hatte ihm Jakow Jurowski, der Kommandeur der Wachmannschaft, die Entscheidung der örtlichen Arbeiter- und Soldatenräte verkündet, den Zaren und seine Familie erschießen zu lassen.

Als Antwort soll Jurowski seine Mauserpistole gezückt haben, wie sich Pawel Medwedew, ein anderes Mitglied des bolschewistischen Kommandos, später erinnerte. Es folgte eine wilde Schießerei, sowohl Jurowski wie Medwedew behaupteten danach, sie hätten den früheren Imperator getötet, allein Medwedew feuerte aus seiner Browning fünf Kugeln auf Nikolai II. ab.

Geschrei und Pulverdampf

Die Todesschützen schrieben in ihren Memoiren von Pulverdampf, Stöhnen und Geschrei, das Zimmermädchen Anna Demidowa fing mehrere Kugeln mit einem Kopfkissen auf, auch der Thronfolger Alexei und die Prinzessinnen Tatjana und Anastassija lebten noch, einige Kugeln prallten von den Korsetts der Mädchen ab, in die sie vorher den Familienschmuck eingenäht hatten. Die Mörder machten ihnen mit Bajonettstichen und Fangschüssen den Garaus.

Vor 100 Jahren, in der Nacht auf den 17. Juli 1918, töteten die Bolschewisten im Keller eines Wohnhauses in Jekaterinburg den letzten russischen Zaren Nikolai, die Zarin Alexandra, ihre fünf Kinder, außerdem den Leibarzt der Zarenfamilie, Koch, Kammerdiener und Zimmermädchen.

Verbannung nach Westsibiren

Ein Schlachtfest, das zum Fanal für die Grausamkeit der Sowjetmacht im Umgang mit dem Klassenfeind werden sollte. „Diese Tat ist weniger eine Erscheinung des politischen Kampfes als der pathologischen Psychologie der Bolschewisten“, sagt der Petersburger Historiker Konstantin Schukow unserer Zeitung.

Nikolai II. hatte während der Februarrevolution 1917 abgedankt und war mit seiner Familie von der Provisorischen Regierung ins westsibirische Tobolsk verbannt worden. Dort fielen sie nach dem Oktoberumsturz 1917 in die Hände der Bolschewisten, die die Romanows nach Jekaterinburg brachten.

Die Heiligsprechung

Im Juli 1918 näherte sich die Bürgerkriegsfront Jekaterinburg. Statt die Zarenfamilie ins sichere Moskau abzutransportieren, beschlossen die örtlichen Bolschewisten, sie zu töten. Begründung: Es galt zu verhindern, dass die weißen Truppen Nikolai II. befreiten und ihn zur Symbolfigur ihrer antibolschewistischen Bewegung machten. Russische Historiker zweifeln daran. „Die weiße Bewegung war nur zum Teil monarchistisch“, sagt der Historiker Boris Kolonitski. „Außerdem gab es mit dem Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch einen lebendigen, freien und populären Romanow, der aber keinerlei politischen Einfluss hatte.“

Nach der Erschießung gaben die Bolschewisten nur Nikolais Tod bekannt, behaupteten noch jahrelang, man habe seine Familie in Sicherheit gebracht. Die Toten warf man in einen Schacht, ihre Überreste wurden erst 1991 entdeckt. Die russisch-orthodoxe Kirche hat Nikolai II. und seine Angehörigen 2000 als Märtyrer heilig gesprochen, neue Mythen ranken sich um ihren Tod. Jetzt diskutieren russische Geistliche die Frage, ob die Erschießung an den Romanows ein jüdisch-bolschewistisches Menschenopfer gewesen sei. Der Krieg geht weiter.