Bon Jovi: „Tot zu sein, war ziemlich cool“

Bon Jovi, das ist Amerika in Gestalt einer Rockband. Am morgigen Freitag erscheint das neue Album „What About Now“, am 18. Juni spielt die Band im Berliner Olympiastadion. Im Interview spricht Jon Bon Jovi (51) über den Tag, als sein Tod vermeldet wurde, über sein Armen-Restaurant „Soul Kitchen“ und über Rockstars um die 50.

Im Dezember 2011 wurden Sie im Internet für tot erklärt, angeblich aufgrund eines Herzinfarkts. Wie haben Sie die Nachricht Ihres Todes aufgenommen?

Ich fühlte mich wie im falschen Film. Es war ein Schock, es hatte allerdings auch etwas Wundervolles.

Inwiefern?

Es können nicht viele von sich behaupten, Zeuge ihres eigenen Todes geworden zu sein. Wir alle fragen uns doch hin und wieder mal, was passieren wird, wenn wir sterben. Wer wird wie trauern? Ich habe meinen Tod erlebt. Die Nachricht lief im Fernsehen, im Radio, mein Handy klingelte wie verrückt. Die Menschen waren viel freundlicher, als ich erwartet hätte. Es war ziemlich cool.

So bleibt Ihnen weiterhin viel Zeit, sich für soziale Projekte zu engagieren – beispielsweise mit ihrem Gemeinde-Restaurant „Soul Kitchen“ in New Jersey.

Das ist ein wunderschöner Ort. Du weißt nie, neben wem du gerade sitzt. Wir fragen Leute nie, wie viel Geld sie verdienen. Auf der Speisekarte stehen keine Preise. Gäste können für ihr Essen 10 Dollar spenden oder in der Küche mitarbeiten. Es arbeiten Leute mit, die Geld haben, und Leute, die es nicht haben. Die Wahrheit ist: Man kann den Unterschied heutzutage kaum mehr erkennen. Es sind immer öfter hart arbeitende Leute, die aufgrund der Wirtschaftslage trotzdem keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen.

Sie selbst sind in sehr sicheren und wohlbehüteten Verhältnissen aufgewachsen. Haben Sie manchmal Schuldgefühle, weil Sie als Rockstar ein Leben im Luxus führen?

Nein. Ich habe kein Problem damit, nachts in meinen Privatjet zu steigen und bequem nach Hause transportiert zu werden. Ich liebe mein Flugzeug. Ich arbeite hart dafür. Ich habe keine Schuldgefühle.

Warum engagieren Sie sich dennoch für wirtschaftlich benachteiligte Menschen?

Weil ich eine Verantwortung fühle. Irgendwann kam ich an einen Punkt im Leben, an dem ich andere Dinge tun wollte, als nur in einer Rock ’n’ Roll-Band zu spielen. Jetzt, mit 50 Jahren, geht es mir darum, ein Vermächtnis aufzubauen – deshalb tue ich es. Denn ich stehe heute mit niemandem mehr in Konkurrenz. Ich gebe einen Scheiß auf den Wettbewerb im Musikbusiness oder die Frage, wer größer oder besser ist, oder wer mehr Platten verkauft.

Dann ist Ihnen auch nicht mehr wichtig, dass Bon Jovi jetzt für den Einzug in die Rock And Roll Hall Of Fame nominiert sind?

Ich finde, wir verdienen es. Ich kann nur hoffen, dass ich mich überhaupt noch darüber freuen kann, wenn sie uns aufnehmen. Denn ich hätte früher sehr viel darum gegeben. Aber ich weiß mittlerweile auch, wie politisch diese Institution ist. Und wir sind uns nicht sehr sympathisch.

Sie haben Millionen investiert in Häusersiedlungen in Philadelphia, die zu bezahlbaren Preisen an Familien übergeben werden. Würden Sie es gut finden, wenn die Siedlung Ihren Namen trägt?

Nun, eine Straße mit meinem Namen gibt es tatsächlich schon, allerdings in New Orleans, wo wir nach dem Hurrikan geholfen haben. Das finde ich ziemlich cool. Es war eine nette Geste, das zu tun. Aber das ist nicht meine eigentliche Ambition. Ich will keine Gegenleistung. Wenn man selbstlos Geld gibt, passieren die guten Dinge doch ganz automatisch.

Sie sind auch der CEO des Unternehmens Bon Jovi.

Ich bin aber kein Diktator, ich fühle mich am wohlsten in der Position des Teamleaders.

Ist das nicht trotzdem manchmal ganz schön anstrengend?

Ja. Drei von vier Typen in dieser Band sind heute Morgen in ein Flugzeug Richtung Heimat gestiegen. Unser Drummer Tico dürfte jetzt beim Golfspielen sein.

Und Sie haben nichts Besseres zu tun, als zu arbeiten?

Doch schon. Aber ich sage mir dann: Wenn es dein Name ist, der oben auf der Marke steht, dann gehe besser zur Arbeit.

Entsprach das immer schon Ihrer Karriereplanung – vom Sexsymbol zum verantwortungsvollen Wohltäter und Businessmann zu werden?

Nein, ganz so strategisch bin ich nun auch nicht. Aber eines war mir schon früh klar: Selbst als ich 25 war, wusste ich, dass ich mir mit 50 nicht meine Fingernägel schwarz lackieren und „Bitch“ auf meinen Bauch tätowieren will. Ich wollte einfach nie der Klischee-Rockstar sein.

Über Sie gibt es übrigens kaum einen Artikel, der nicht Ihre schönen Haare und tollen Zähne erwähnt.

Schauen Sie ruhig hin!

Worauf achten Sie denn, wenn Sie anderen Menschen zum ersten Mal begegnen?

Sie meinen auf sexuelle Art?

Nicht unbedingt. Oder kommt da jetzt doch der Rockstar in Ihnen durch?

Ach, jeder Blick von einem Mann ist doch sexuell geprägt. Ich denke, das ist instinktiv so. Und er ist immer beurteilend. Man ist zu kurz, zu lang, zu fett, zu dünn, sieht zu alt aus oder einfach nur großartig. Die Voreingenommenheit ist Teil unserer Kultur geworden. Das ist doch menschlich.

Das Interview führte Katja Schwemmers.