Für Tennisidol Boris Becker ist der Kampf gegen Rassismus eine persönliche Angelegenheit. 
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London/BerlinDer Beitrag ist nicht einmal eine halbe Minute lang. Am vergangenen Wochenende postete Ex-Tennisprofi Boris Becker in den sozialen Netzwerken ein kurzes Video, das ihn als Teilnehmer einer Anti-Rassismus-Demo in London zeigt.

Während viele seiner Follower die Aktion als wichtiges Zeichen kommentierten, kritisierten andere Becker für seine Teilnahme an einer Massenveranstaltung in Zeiten von Corona – zumal Großbritannien vergleichsweise heftig von dem Virus getroffen wurde. Zwar trägt Becker in dem veröffentlichten Video eine Mund-Nasen-Bedeckung – an die Einhaltung von Abstandsregeln aber ist auf dem überfüllten Platz kaum zu denken. Protest in Zeiten von Corona: ja oder nein, und wenn ja, wie – diese Diskussion wird derzeit nicht nur in sozialen Netzwerken geführt. Doch unter den Kommentaren, die Nutzer zu dem Video hinterließen, finden sich auch offen rassistische.

Becker reagierte wiederum auf Twitter: Er sei erschüttert, schockiert, erschrocken über die vielen Beleidigungen, die er gerade aus Deutschland für seine Unterstützung der Demo über sich habe ergehen lassen müssen. „Warum, weshalb, wieso??? Sind wir ein Land von Rassisten geworden...?“ schrieb Becker dazu am Sonntag.

Am 7. Juli ist es genau 35 Jahre her, dass Boris Becker zum Helden der Nation wurde. Damals gewann der erst 17-Jährige das Wimbledon-Finale gegen Kevin Curren – bis heute hält er den Rekord des jüngsten Turniersiegers. Es folgte eine beispiellose Sportkarriere. Davon, dass Becker dabei immer wieder bis an die Schmerzgrenze und oft auch darüber hinaus ging, zeugt heute sein von den Folgen des Leistungssports gezeichneter Körper.

Nach dem Ende seiner aktiven Karriere kam das Tennisidol nicht gut mit der nachlassenden öffentlichen Aufmerksamkeit zurecht, und sein Bedürfnis nach der Anerkennung der Massen trieb zuweilen seltsame Blüten. Becker gab hilflose Interviews und ließ sich für idiotische TV-Gameshows vor den PR-Karren von Oliver Pocher und Co. spannen. Wegen Steuerhinterziehung wurde er zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, ein Insolvenzverfahren gegen ihn dauert an.

Und obwohl Becker sich – durchaus erfolgreich – als TV-Sport-Experte und Tennistrainer bewies – Schlagzeilen machten vor allem seine Liebesbeziehungen, deren Beginn und Ende die Klatschpresse jeweils genüsslich ausschlachtete. Allerdings machte sich Becker auch kaum die Mühe, sein Privatleben von der Öffentlichkeit abzuschirmen. Das tut er auch jetzt nicht.

„Anscheinend haben viele Menschen in Deutschland immer noch nicht verstanden, dass es meine Familiengeschichte ist!“ schrieb Becker am Sonntag auf Twitter als Reaktion auf die Anfeindungen und versah den Beitrag mit den Hashtags #Noah #Elias #Anna #Amadeus, den Namen seiner Kinder, deren Mütter – Barbara Becker, Lilly Becker und Angela Ermakova – afrikanische, südamerikanische beziehungsweise russische Wurzeln haben.

Die Black-Lives-Matter-Bewegung betrifft den Ex-Tennisspieler persönlich. Ein knappes Jahr ist es her, dass Beckers ältester Sohn Noah den Rassismus anprangerte, dem er vor allem in Deutschland ausgesetzt sei. Der Tweet des AfD-Bundestagsabgeordneten Jens Maier, in dem er Noah Becker als „kleinen Halbneger“ bezeichnete, löste zwar einen Sturm der Entrüstung aus – doch es ist davon auszugehen, dass das nur die Spitze des Beleidigungs-Eisbergs ist, mit dem Familie Becker seit jeher konfrontiert ist.

Am Montag dann legte die Tennislegende noch einmal nach: Becker veröffentlichte ein weiteres Video, in dem er feststellt, die Auseinandersetzung mit dem Rassismus werde in Deutschland zu sehr „unter den Teppich gekehrt“. „Wir sollten deutlich mehr öffentlich darüber sprechen“, sagt Becker und beweist damit, dass er nach wie vor bereit ist, dorthin zu gehen, wo es wehtut.