Boris Johnson Ende April während der ersten digitalen Kabinettssitzung nach seiner Genesung von der Covid-19-Erkrankung. 
Andrew Parsons/AP

LondonEin wenig unsicher und sogar zerstreut hat sich Boris Johnson gezeigt, bei den ersten Auftritten seit seiner Genesung. Schnell müde auch, was nach der Corona-Tortur ja kein Wunder ist. Am Wochenende malte das Boulevardblatt The Sun seinen Lesern die „Krankenhaus-Hölle“ aus, durch die der Regierungschef gegangen sei bei seiner Covid-19-Erkrankung. Und den kritischen Moment, an dem nach Johnsons Worten „die Ärzte sich bereit hielten für meinen Tod“.

Was er damit meinte, erklärte der 55-Jährige im Interview mit der Sun mit der spöttelnden Bemerkung, man habe damals offenbar für den Fall seines Ablebens ein „Szenarium nach Art des Todes von Stalin“ entwickelt. Seine Landsleute rätseln nun darüber, ob er damit die Armando Iannuccis Film-Satire „The Death of Stalin“ von vor drei Jahren meinte oder den Tod des Orginals.

Manche Briten finden es eine Spur übertrieben, wenn in der rechtskonservativen Presse unentwegt von „Boris’ Begegnung mit dem Tod“ zu lesen ist. So ernst seine Erkrankung auch war, musste Johnson ja, anders als Tausende anderer Patienten, zu keiner Zeit maschinell beatmet werden. Er wurde lediglich durch eine Maske mit Extra-Sauerstoff versorgt.

„Liter um Liter an Sauerstoff“ habe man ihm in der Klinik verabreicht, berichtete der Premier jetzt im Interview. „Ein bisschen beängstigend“ habe er das schon gefunden. „Wie komme ich da je wieder raus?“, habe er sich irgendwann gefragt.

Darauf hat die Sun, die zum Medienimperium von Rupert Murdoch gehört, eine klare Antwort: Johnsons „unglaublicher Kampfgeist“ habe ihn gerettet. „Fast hat er sein Leben lassen müssen. Stattdessen hat er sich rechtzeitig erholt, um bei der Geburt eines neuen Lebens – dem seines Sohnes Wilfred – mit dabei sein zu können.“ Das Baby war am 29. April zur Welt gekommen.

Wer wäre „besser geeignet, unser Land neu aufleben zu lassen, als jemand, der seinerseits vom Abgrund zurückgekehrt“ und „ein gewandelter Mensch“ sei, schwärmte das konservative Boulevardblatt weiter. Dass Johnson das ist, bezweifeln allerdings viele. So wie ihnen auch die jüngste hochfliegende Rhetorik des Premiers, seine Vision „sonnenbeschienener, blühender Landstriche“ jenseits der Pandemie, wie das alte Gerede aus Brexit-Zeiten vorkommt.

Darüber, dass er für die derzeitige katastrophale Lage Verantwortung tragen könnte, will Johnson schlicht nicht sprechen. Großbritannien hat die zweithöchste Zahl von Corona-Toten in Europa. Und seine frühen Verfehlungen im Kampf gegen die Seuche könnten dazu geführt haben.