Bosnien: Freiheit für ein krankes Baby

Noch keine drei Monate ist Belmina Ibrisevic auf der Welt, aber schon ist sie die wichtigste Persönlichkeit des Landes. Um dem Baby aus dem Dorf Donja Orahovica in Nordost-Bosnien das Leben zu retten, blockierten Tausende junge Eltern in Sarajewo die halbe Nacht zum Freitag das Parlamentsgebäude und ließen niemanden heraus. Eine Gruppe Musiker und eine Motorradstaffel schlossen sich spontan dem Protest an. Solidaritätsadressen kamen aus dem ganzen Land und selbst aus Belgrad.

Eigentlich hätte die kleine Belmina für eine Knochenmarkstransplantation nach Deutschland geflogen werden sollen. Weil das Parlament sich aber seit Februar nicht auf ein neues Gesetz für das Personenstandsregister einigen konnte, durften die Beamten in der Kreisstadt Orahovica dem Baby keinen Pass ausstellen. Politische Entscheidungen aller Art gestalten sich im ethnisch quotierten Bosnien extrem zäh – zum Verdruss von immer mehr Bürgern.

Die jungen Eltern, arm und arbeitslos, wandten sich an den Jugendklub „Große Kinder“ in Orahovica. Der schlug Alarm und elektrisierte damit in Rekordzeit das ganze Land. Journalisten reisten an und begleiteten Belminas verzweifelte Mutter auf dem Amt von Schalter zu Schalter. Als alles nicht half, machte Fatmira Ibrisevic sich auf den Weg in die Hauptstadt, wo gerade das Parlament tagte.

Spontan versammelten sich dort Hunderte vor dem Parlaments- und Regierungssitz, unter ihnen viele junge Mütter mit Kinderwagen. Mit Autos wurde der Haupteingang blockiert, vor den Nebeneingängen postierten sich Demonstranten. Als genügend zusammengekommen waren, bildeten sie eine Menschenkette rund um den riesigen Komplex am Rande der Innenstadt. Zwei Parlamentarier versuchten durch ein Fenster zu entkommen, wurden aber eingefangen.

In der Nacht schließlich schaltete sich sogar der Hohe Repräsentant der internationalen Gemeinschaft, Valentin Inzko, ein und verschaffte sich durch Tausende von Demonstranten schließlich Zugang zu den eingeschlossenen Parlamentariern. Stunden später beschloss der Ministerrat der Föderation einen einstweiligen Erlass und die beiden serbischen Parteien brachten einen gleichlautenden Gesetzentwurf ein. Damit konnten am Freitag alle seit Februar geborenen Kinder ins Register eingetragen werden.

Den Eltern von Belmina fehlt jetzt allerdings noch das Geld für den Flug nach Deutschland. Nachdem ihr Baby das Land aufgeweckt hat, wird in Sarajewo mit Finanzierungsproblemen aber nicht mehr gerechnet.